Am Anfang war ein Tweet. „bin fast 18 und hab keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen. Aber ich kann ’ne Gedichtsanalyse schreiben. In 4 Sprachen“, twitterte die Schülerin Naina vor drei Jahren. Seitdem diskutiert die Bundesrepublik verstärkt darüber, ob Schülerinnen und Schüler in der Schule ausreichend fit gemacht werden für das Thema Wirtschaft. Oder ob sie Analphabeten bleiben - und das Versäumte später nachholen müssen.

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Als drittes Bundesland macht sich nun Nordrhein-Westfalen daran, ein Schulfach „Wirtschaft“ dauerhaft in die Lehrpläne zu integrieren. Das berichtet aktuell der Deutschlandfunk - und zeigt zugleich, welche Probleme damit verbunden sind. Wie auch in den beiden Bundesländern, die zuvor ein solches Fach eingeführt haben: Bayern und Baden-Württemberg, gibt es heftige Diskussionen über die Inhalte des Unterrichts.

Die Existenzgründer von morgen

Neu sind die Pläne für ein eigenständiges Fach „Wirtschaft“ nicht. Schon vor zehn Jahren wollte die damalige schwarz-gelbe Regierung von Jürgen Rüttgers mehr Wirtschaft in die Schulen tragen, was aber nicht in einem eigenen Fach mündete. Bei der Landtagswahl 2017 hatte aber die FDP das Thema entdeckt und damit um Stimmen geworben. Der Plan eines eigenen Schulfaches wurde nach dem schwarz-gelben Wahltriumph in den Koalitionsvertrag aufgenommen. Es gehe um die Vermittlung von „Grundkenntnissen“ wirtschaftlicher Zusammenhänge, sagt FDP-Bildungspolitiker Johannes Vogel dem Deutschlandfunk. Er habe selbst bei Gesprächen den Eindruck gewonnen, „viele Menschen haben zum Beispiel grundlegende Missverständnisse, wie unser Rentensystem funktioniert.“

Dass es durchaus Nahholbedarf gibt, lässt sich nicht von der Hand weisen. Zwar ist das Thema Wirtschaft in der Schule nicht ganz abwesend - wichtige Zusammenhänge werden in den Fächern Sozialkunde und Wirtschaft und Recht vermittelt. Aber mehrere Umfragen zeigen die Defizite der jungen Menschen. Ein Beispiel: Als das Bundesfinanzministerium im Jahr 2010 das Finanzwissen von Zehntklässlern abfragte, wusste beinahe jeder Zweite nicht, was genau ein Girokonto kennzeichnet. Und laut einer Umfrage im Auftrag der Schufa schätzen nur acht Prozent der Jugendlichen ihr Finanzwissen als gut oder sehr gut ein. Zwei Drittel der Befragten zwischen 16 und 25 (66 Prozent) geben an, lediglich über ein befriedigendes bis ausreichendes Finanzwissen zu verfügen. Bedarf ist also da.

Welches Menschenbild wird vermittelt?

Doch bei dem Unterrichtsfach geht es nicht allein um die Vermittlung von wirtschaftlichem Grundwissen. Es geht auch darum, die Unternehmer, Geschäftsleute und Beschäftigten von morgen zu prägen - oder sie zumindest darin zu unterstützen. Das zeigen Statements wirtschaftsnaher Verbände, zum Beispiel der Arbeitgeber sowie der Industrie- und Handelskammern (IHKen). Sie haben bereits im Vorfeld Lobbypolitik für einen eigenständigen Wirtschaftsunterricht betrieben - und wollen ihn möglichst bundesweit.

Ein Unterrichtsfach Wirtschaft sei auch deshalb wichtig, „weil die Schülerinnen und Schüler ja irgendwann zu Fachkräften werden“, positioniert sich etwa Robert Schweizog von der IHK Düsseldorf gegenüber dem Deutschlandfunk. Da sei es den Unternehmen wichtig, dass diese angehenden Fachkräfte ein Grundverständnis wirtschaftlicher Zusammenhänge mitbringen. „Wie interagieren die einzelnen Teile eines Unternehmens, was muss ich bedenken, wenn ich ein Produkt verkaufe, wie werden Preise gesetzt, aber auch: Wie berechnet sich der Gewinn aus Umsatz und Kosten?“ Solche Fragen.

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All das ist praktisches Wissen, welches den Start ins Berufsleben und gar die Gründung eines Unternehmens tatsächlich erleichtern kann. Ja, das vielleicht sogar über die Zukunftsfähigkeit Deutschlands mitentscheidet. Doch Kritiker des Faches haben den Verdacht, der Wirtschaftsunterricht solle die jungen Menschen, stark vereinfacht, zu selbstsüchtigen Karrieristen erziehen - und nicht zu mündigen Bürgern, wie es Ziel der Schule sein sollte. Sie beklagen, dass die ethische und politische Dimension in dem neuen Fach kaum eine Rolle spielen soll.