Stephen Voss: Ganz klar: ja! Natürlich sehen wir eine, auch personelle, Veränderung in der Versicherungsbranche. Aber auch die neuen digitalen Produkte schließen persönliche Beratung überhaupt nicht aus. Sicher, einfachere Versicherungsprodukte lassen sich bestimmt auch ohne mehrmaligen Beraterbesuch abschließen. Aber das Bild ändert sich schnell, wenn wir den Blick auf eine Hausrat- oder Unfallversicherung lenken. Progression, Krankenhaustagegeld, Unfall-Rente… ich bin mir sicher, auch künftig werden Kunden die Beratung suchen und brauchen. Wer sich dann mit modernen Tools auskennt, den richtigen Tarif für den Kunden passend mithilfe seines Online-Vergleichsrechners auswählt und IDD-konform, also beratungssicher, anbieten kann, der wird eine stark nachgefragte Personalressource sein!

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Versicherer setzen auf Kooperationen mit Start-Ups und haben eigene Start-up-Labore gegründet. Mark Klein, Digital-Chef der Ergo, sagte jüngst in einem Interview, er sehe die Start-ups eher als Kooperationspartner denn als Konkurrenten. Sehen Sie aktuell Start-ups in Deutschland, die genug disruptive Energie mitbringen, um großen Versicherern gefährlich zu werden?

Ja, die gibt es durchaus. Man muss in meinen Augen nicht unbedingt einen großen Konzern im Hintergrund haben, um sich mit cleveren agilen Produkten und neuen schnellen Services einen Namen im Markt zu machen. Finanzielle Unterstützung macht sicherlich vieles einfacher, aber trotzdem ist das keine zwingende Bedingung. Und: Geld kann auch abhängig machen, denn es gilt noch immer „Mein Geld, meine Entscheidung“. Daran ist schon manche gute Idee in der Entstehung gescheitert.

Wie bewerten Sie die Rahmenbedingungen für Start-ups und Insurtechs in Deutschland, sich zu finanzieren? Mir scheint, als seien viele neue Wettbewerber mittlerweile von den Geldern der Versicherer abhängig, weil sie sonst nicht das notwendige Wagniskapital einsammeln können. Speziell in der Übergangsphase zu dauerhafter Marktetablierung sehe ich Probleme.

Damit haben sie sicherlich recht. Es ist, verglichen mit den angelsächsischen Märkten, in Deutschland weitaus schwieriger, das notwendige Kapital zu besorgen. Hinzu kommt, dass die regulatorischen Hürden hierzulande deutlich höher liegen. Oft werden im Ausland Summen auf den Tisch gelegt, von denen deutsche Start-Ups nicht einmal träumen würden. Ob sich das für die Beteiligten auch auszahlt, steht natürlich auf einem anderen Blatt. Fakt ist jedenfalls, dass die Mittel hierzulande viel zäher fließen und eine staatliche Förderung, speziell bei Versicherungsneugründungen, quasi überhaupt nicht existiert.

Wenn sich ein Start-up nicht gleich amortisiert - wann sollten Versicherer dann trotzdem daran festhalten, um nicht Geld zu verbrennen?

Das ist eine schwierige Frage, die sich weder einfach noch schnell beantworten lässt. Zuerst bedarf es einer klaren Analyse. Hier kann die Beantwortung einiger Fragen eine wichtige Hilfestellung leisten: Zahlt das Start-Up auf mein Zielbild ein? Zeigen sich Anzeichen, ob das Produkt vom Markt angenommen wird, oder gibt es Indizien dafür, dass dem nicht so ist? Kann mein Kerngeschäft trotz Anlaufverlusten im Start-up von den Entwicklungen profitieren? Lässt sich das Talent und die Energie des Start-ups auf meine eigenen Mitarbeiter übertragen? Kommt man hier zu überwiegend positiven Ergebnissen für das Start-up, tut man meiner Meinung nach gut daran, der Einheit etwas mehr Zeit zu geben.

Weitere potentielle Wettbewerber der Versicherer sind die Big Four aus Silicon Valley, also Google, Apple, Amazon und Facebook. Diese haben Daten, von denen können die „traditionellen“ Versicherer nur träumen. Ihre Prognose: Werden die Großen mit eigenen Versicherungen starten? Und wie können sich die deutschen Versicherer dagegen behaupten?

Ich denke schon, dass das kommen wird, es fragt sich allerdings, wann. Solange dieser Zeitpunkt offen ist, kann man nur jedem Versicherer empfehlen, die eigene Entwicklung konsequent voranzutreiben. Es liegt bei den Unternehmen selbst, die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass moderne Produkte, Prozesse und Tools in die eigene Wertschöpfungskette integriert werden können. Die Möglichkeiten sind hier weit gefächert: die deutschen Versicherer können eigene Lösungen entwickeln, Kooperationen eingehen oder sie suchen sich Anbieter, die sie mit einem cleveren Insurance as a Service Modell (IaaS) unterstützen und werden auf diese Weise digital fit, ohne das Kerngeschäft zu gefährden. Auch beim Markteintritt neuer, großer Mitbewerber stehen die Chancen der deutschen Versicherer, sich zu behaupten, meiner Meinung nach gut. Denn einen großen Vorteil bringen sie von Haus aus mit: Sie haben etablierte Kundenverbindungen und einen Bestand, der es Ihnen erlaubt, die notwendigen Investitionen in Zukunft zu tätigen. Nur darauf ausruhen dürfen sie sich nicht: denn wer rastet, der rostet.

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Die Fragen stellte Mirko Wenig