Sparen wird nicht mehr belohnt, sondern bestraft? Das könnte auch für Privatsparer zunehmend Realität werden. Immer mehr Volks- und Raiffeisenbanken erheben demnach einen Strafzins für Sparguthaben, statt einen Zins dafür zu zahlen, wie das Handelsblatt berichtet. Das Magazin beruft sich auf eine Auswertung des Finanzportals Verivox, das aktuelle Tarife von 972 deutschen Genossenschaftsbanken analysiert hat.

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„Verwahrentgelt“ für Bankguthaben

Von „Strafzinsen“ wollen die Banken freilich nicht sprechen, wenn sie ihren Kunden eine Gebühr für Sparguthaben berechnen. Der offizielle Begriff hierfür lautet „Verwahrentgelt“ und bewegt sich in einer Höhe von minus 0,3 bis 0,5 Prozent. Je nach Bank fallen sie aufs Girokonto an, aber auch auf beliebte Sparangebote wie Tages- und Festgeld, schreibt das Handelsblatt.

Die Zahl der Institute, die eine entsprechende Negativzins erheben, ist aktuell noch klein: dreizehn der untersuchten 972 Genossenschaftsbanken greifen ihren Kunden derart in die Tasche. Und oft wird der Zinssatz erst ab einem bestimmten Sparguthaben fällig.

Das ist die positive Nachricht: Kleinsparer bleiben meist vom Strafzins verschont. Die Raiffeisenbank Gmund und die Volksbank Stendal berechnen beispielsweise -0,4 Prozent Zins ab einem Sparguthaben von 100.000 Euro. Ab 250.000 Euro greift die Volksbank Norderstedt ihren Kunden in die Tasche und ab 500.000 Euro die VR-Bank Donau-Mindel (-0,4 Prozent).

Bei anderen Banken wie der Thüringer EthikBank oder der Volksbank Eisenberg werden Großanleger individuell zur Kasse gebeten – eine Kontoeröffnung ist nur nach Rücksprache mit der Bank möglich. Wie hoch die Verwahrentgelter dann ausfallen, wollten die Geldhäuser vorab nicht kommunizieren.

Nicht neu, aber zunehmend Privatsparer betroffen

Ganz neu sind die Verwahrentgelter freilich nicht. Viele Banken erheben einen entsprechenden Obulus von Groß- und Firmenkunden. Doch zunehmend werden auch Privatsparer zur Kasse gebeten, die einfach ihr Bargeld auf dem Konto parken wollen. Ein Beispiel ist die VR Niederschlesien in Sachsen. Die Bank berechnet für ein bestimmtes Kontomodell eine Gebühr, die den Zins übersteigt, so berichtet Verivox: de facto ein Strafzins ab dem ersten Euro.

Für Ärger sorgt zudem die Intransparenz der Kosten. Oft würden derartige Zinsen heimlich, still und leise von den Banken eingeführt und der Kunde erfährt darüber nur beim aufmerksamen Lesen im Kleingedruckten, klagt der Verbraucherzentrale Bundesverband. Und oft finden sich die betroffenen Informationen nicht mal im Internet, sondern nur an einem Aushang in der Bankfiliale.

Verband der Volksbanken und Raiffeisenbanken schiebt EZB den schwarzen Peter zu

Als Ursache für die Strafzinsen haben die Genossenschaftsbanken die Niedrigzinspolitik der der Europäischen Zentralbank (EZB) ausgemacht. "Negativzinsen für Kunden sind die direkte Folge der seit Jahren betriebenen Geldpolitik der EZB, die Negativzinsen von Kreditinstituten verlangt", erklärte der Bundesverband der deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR) gegenüber dem Handelsblatt.

Im Umkehrschluss haben die Geldhäuser ihre Dispozinsen für Girokonten in all den Jahren nicht gesenkt und damit den Niedrigzins an Kunden weitergegeben, wie man es hätte erwarten können. Auch hier greifen viele Volksbanken mit mehr als 13 Prozent den Kunden besonders tief in die Tasche, wie eine Auswertung von "Finanztest" unter mehr als 1.300 Banken ergab.

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Dass nun ausgerechnet die Genossenschaftsbanken den Anfang bei Strafzinsen machen, verwundert Thomas Beutler von der Verbraucherzentrale Saarland nicht. Tatsächlich treffen die Niedrigzinsen am Kapitalmarkt besonders diese Geldhäuser hart. „Genossenschaftsbanken verfügen traditionell über hohe Kundeneinlagen. Bei fehlendem Kreditgeschäft schlägt der Negativzins dann für diese Banken besonders durch“, sagte Beutler dem Handelsblatt. Die Genossenschaftsbanken hatten bereits mit Zinsen fürs Geldabheben bundesweit für Aufsehen gesorgt (der Versicherungsbote berichtete).