Die Techniker Krankenkasse denkt derzeit darüber nach, die Nutzung von Fitnessarmbändern in ihr Bonusprogramm zu integrieren. Das bestätigte TK-Chef Jens Baas laut einer dpa-Meldung. "Unsere aktuelle Bewegungsstudie zeigt, dass jeder siebte Erwachsene in Deutschland einen Fitnesstracker nutzt", wird Baas zitiert. Die Menschen seien davon überzeugt, dass sie sich damit mehr bewegen und folglich gesünder leben. "Deshalb kann ich mir durchaus vorstellen, dass in Zukunft auch Fitnesstracker in unserem Bonusprogramm eine Rolle spielen", so Baas.

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Anders als in der privaten Krankenversicherung sind den Krankenkassen freilich enge Grenzen gesetzt, wollen sie gesundes Verhalten ihrer Mitglieder honorieren. Circa 95 Prozent aller Leistungen, die gesetzliche Krankenversicherungen ihren Versicherten anbieten müssen, sind vom Gesetzgeber vorgegeben. Auch andere Kassen liebäugeln mit der Messung von Fitnessdaten. So kooperiert zum Beispiel die AOK Nordost seit 2012 mit dem Schweizer App-Entwickler Dacadoo, um Mitglieder zur Nutzung von Fitness-Trackern zu animieren.

Als erster Privatversicherer hat in diesem Jahr die Generali mit "Vitality" einen sogenannten Pay-as-you-live-Tarif eingeführt (der Versicherungsbote berichtete). Die Mitglieder erklären sich hierfür bereit, ihren Lebenswandel mit einem Fitness-Tracker überwachen zu lassen, und profitieren im Gegenzug von Rabatten und anderen Belohnungen. Gesundheitsbewusstes Verhalten wird hierbei mit einem Punktsystem gemessen: wer regelmäßig ins Fitnesscenter geht oder gesund einkauft, erhält Bonuspunkte gutgeschrieben. Je mehr Punkte, desto besser der persönliche Status: die Skala reicht von Bronze über Silber und Gold bis hin zu Platin.

Aufweichung des Solidaritätsprinzips?

Doch derartige Gesundheitstarife sind umstritten. Da sind zum einen datenschutzrechtliche Bedenken. Will der Kunde von Rabatten profitieren, muss er regelmäßig den Datenhunger des Versicherers speisen und den Lebenswandel überwachen lassen. Die Technik hierzu heißt „Telemonitoring“. Mittels des Fitness-Trackers werden sportliche Aktivitäten und Kalorienverbrauch gemessen, ja sogar wie viele Schritte eine Person zurücklegt. Auch der Schlaf einer Person lässt sich überwachen, etwa ob sie ausreichend lang oder unruhig schläft. Wie viele Daten abverlangt werden, wird freilich vom jeweiligen Tarif abhängen. In Deutschland stehen die Angebote noch in den Startlöchern und Erfahrungen damit gibt es kaum.

Zum anderen befürchten Kritiker die Aufweichung des Solidaritätsprinzips in der Krankenversicherung. Derartige Bedenken melden nun auch die Grünen gegenüber der TK an. "Beitragsermäßigungen durch die Hintertür für junge und fitte zulasten älterer oder chronisch kranker Versicherter sind zutiefst unsolidarisch", sagt die gesundheitspolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion, Maria Klein-Schmeink. Kritiker fürchten gar, dass langfristig alle Versicherten gezwungen werden, ihre Fitnessdaten preiszugeben – oder sonst höhere Beiträge zahlen müssen.

Jens Baas: Solidargemeinschaft braucht viele gesunde Menschen

TK-Chef Baas freilich sieht das Solidaritätsprinzip nicht gefährdet. Der Solidargedanke besage, dass alle den gleichen Anteil ihres Einkommens beitragen, dass Gesunde für Kranke einstehen, Junge für Alte und höhere Einkommen für niedrigere. "Ein Bonusprogramm weicht daran nichts auf", so Baas laut dpa. Eher sei das Gegenteil der Fall. "Eine Solidargemeinschaft kann nur funktionieren, wenn es in ihr auch genügend gesunde Menschen gibt. Deshalb ist es uns wichtig, uns nicht nur für die medizinische Versorgung Kranker einzusetzen, sondern auch zu honorieren, wenn sich Versicherte um ihre Gesundheit kümmern."

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In anderen Staaten ist es weit etablierter, Fitness-Tracker für Krankenversicherungen zu nutzen. Die Generali kooperiert zum Beispiel für ihr Programm "Vitality" mit dem südafrikanischen Krankenversicherer Discovery. In Südafrika sind Pay-as-you-live-Produkte vor allem bei jungen Menschen sehr beliebt, berichtet die Süddeutsche Zeitung. "Der Versicherer Discovery hat rund zwei Millionen Mitglieder bei Vitality", sagt Claude Chèvre, Vorstand der Hannover Rück, die "Vitality" als Rückversicherer unterstützt. "Wenn da jemand auf der Party sagt, dass er den Diamant-Status hat, gilt er als cooler Typ." Schließlich treffen die Tarife auf eine Generation, die ohnehin ständig an ihrer Selbstoptimierung arbeitet: eben mittels Apps und Fitness-Trackern.

Deutsche Presse-Agentur