Die neue Realität der Versicherer: Wie sich das Geschäft bis 2030 dreht
Bis 2030 steht die Versicherungsbranche vor einem tiefgreifenden Umbau. Denn KI-Agenten, Fachkräftemangel und neue Regulierung verändern Betrieb und Vertrieb nachhaltig. Während Prozesse automatisiert und der Vertrieb kleiner, aber hochwertiger wird, verschiebt sich der Wettbewerb hin zu Plattformen, Prävention und datengetriebener Steuerung. Welche Häuser diese Transformation aktiv gestalten und welche den Anschluss verlieren, entscheidet sich jetzt, mahnt Axel Kotulla, Chief Customer Officer Insurance bei der msg group.

Die deutsche Versicherungswirtschaft durchläuft bis 2030 eine der tiefgreifendsten Umbauphasen ihrer Geschichte. Drei Kräfte wirken parallel: (1) Der Einsatz generativer und agentischer KI (also KI, die mehrstufige Aufgaben eigenständig ausführt) in nahezu allen Kernprozessen, (2) die demografische Verknappung qualifizierter Arbeitskräfte und (3) ein regulatorisches Umfeld, das Souveränität, Resilienz und Erklärbarkeit zu Pflichtgrößen erhebt. Hinzu kommen geopolitische Verschiebungen, die Europas wirtschaftliche Rolle neu definieren, sowie veränderte Kundenerwartungen an Prävention, Transparenz und digitale Einbettung. Dieser Beitrag konzentriert sich auf die praktischen Folgen für Betrieb und Vertrieb deutscher Versicherer und verzichtet bewusst auf visionäre Fernziele.
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In aller Kürze
Bis 2030 verändern sich Betrieb und Vertrieb deutscher Versicherer spürbar, nicht abrupt, aber substanziell. Im Betrieb übernehmen KI-Agenten einen Großteil der Routine in Schaden, Service und Underwriting; Bestandsführungssysteme verlieren ihre zentrale Rolle an Orchestrierungsplattformen. Der Vertrieb schrumpft personell, gewinnt aber an Beratungsqualität und Hybridfähigkeit. Prävention ergänzt die klassische Schadenregulierung, Bankassurance und Embedded Insurance werden strategische Vertriebskanäle. Hyperscaler bleiben wichtig, werden aber durch Souveränitätsauflagen eingehegt. Cyber wird Pflichtprodukt und eigenes Betriebsrisiko. Große Versicherer skalieren, mittlere spezialisieren, kleine kooperieren, besetzen eine Nische oder verschwinden.
Vertrieb 2030
KI in der täglichen Arbeit. Makler und Vermittler arbeiten 2030 mit KI-Agenten als integralem Bestandteil ihres Arbeitsplatzes. Beratungsvorbereitung, Bedarfsanalyse, Angebotsvergleich und Antragsstellung laufen agentisch unterstützt ab. Die Zeitersparnis in der Administration kann – je nach Prozess - nach Schätzungen großer Beratungshäuser wie McKinsey und KPMG bei 30 bis 50 Prozent liegen. Der Kunde erlebt kürzere Abschlussstrecken, sprachbasierte Risikoerfassung und eine weitgehend formularlose Policierung. Die menschliche Beratung bleibt im mittleren und komplexen Segment unverzichtbar, verschiebt sich aber von der Produktpräsentation zur Lebensbegleitung.
Anpassungen bei Mitarbeitenden. Der Außendienst wird kleiner und fachlich anspruchsvoller. Klassische Servicefunktionen im 1st-Level werden durch KI-basierte Dialogsysteme weitgehend substituiert. Marketing- und Vertriebsunterstützung produzieren Kampagnen und Content in deutlich kürzeren Zyklen. Das Produktmanagement arbeitet modular und bringt neue Tarife innerhalb weniger Wochen an den Markt.
Globale Verschiebungen. Europas relatives Gewicht in der Weltwirtschaft sinkt, die regulatorische Gestaltungskraft bleibt jedoch hoch. Deutsche Versicherer nutzen weiterhin US-Technologie, sichern aber Datenhoheit und Geschäftslogik durch europäische Kontrollschichten ab. Technologiepartnerschaften mit Hyperscalern werden enger, gleichzeitig komplexer, weil Ausstiegs- und Rückholszenarien zwingend zu hinterlegen sind.
Partnerschaften und Bankassurance. Bankassurance erlebt eine stille Renaissance, weil Banken den Zugang zu Transaktionsdaten besitzen, die für kontextbezogene Versicherungsangebote entscheidend sind. Embedded Insurance – also die direkte Integration von Deckungen in Produkte und Plattformen des Handels, der Mobilität und der Gesundheitswirtschaft – wird zum festen Vertriebskanal. Reine Maklerorganisationen ohne Plattformanbindung verlieren Marktanteile.
Geschäftsmodelle. Der klassische Versicherungsfall bleibt zentral, wird aber durch Präventionsleistungen flankiert. In der Krankenversicherung rücken Gesundheits-Coaching, digitale Therapieunterstützung und Vorsorgeprogramme in die Produktgestaltung. In Leben gewinnt die Begleitung über den Lebenszyklus an Bedeutung, etwa durch Beratungsangebote zu Altersvorsorge, Pflege und Vermögensübergang. Im Kfz-Geschäft verändert autonomes Fahren die Haftungsarchitektur: Teile des Risikos wandern vom Halter zum Hersteller. Versicherer entscheiden sich zwischen einer B2B-Rolle als Risikopartner der OEM und einer direkten Kundenschnittstelle über Telematik, Mobilitätsdienste und Prävention.
Regulatorik. DORA, AI Act, Solvency II-Weiterentwicklungen und verschärfte Datenschutzanforderungen prägen den Vertrieb. Kryptowährungen spielen im Retail-Vertrieb eine untergeordnete Rolle; der digitale Euro und regulierte Stablecoins gewinnen im gewerblichen Bereich an Bedeutung.
Cyber. Cyber-Deckungen werden Bestandteil von Standardpaketen für Privatkunden und zu einer eigenständigen, prämienstarken Sparte im Gewerbegeschäft. Die Nachfrage steigt durch zunehmende Angriffe auf Haushalte und Mittelstand.
Demografie. Rückläufige Absolventenzahlen treffen eine alternde Bestandsstruktur. Der Vertrieb reagiert mit Quereinsteigerprogrammen, KI-Assistenz und hybriden Co-Selling-Modellen zwischen Innen- und Außendienst.
Auswirkungen nach Unternehmensgröße. Große Versicherer (über 10 Mrd. € Bruttoprämien) profitieren von Skaleneffekten bei KI-Investitionen, internationalen Partnerschaften und starker Marktmacht in Embedded- und Bankassurance-Kooperationen. Mittlere Häuser (1–10 Mrd. €) finden Chancen in regionaler Verankerung, spezialisierten Zielgruppen und Plattformnutzung statt Eigenentwicklung. Kleine Versicherer (unter 1 Mrd. €) geraten im Alleingang unter Druck; tragfähig bleiben sie nur durch Kooperationen, Spezialisierung oder Anbindung an überregionale Vertriebsplattformen.
Betrieb 2030
KI im operativen Kern. Im Schaden- und Leistungsbereich können nach einer aktuellen Pexon-Studie aus dem Januar Dunkelverarbeitungsquoten bei Standardfällen branchenübergreifend 70 bis 85 Prozent bei voller DORA Compliance erreichen. Betrugserkennung arbeitet musterbasiert in Echtzeit. Im Underwriting laufen Tarifmodelle kontinuierlich gegen Live-Daten, Produktanpassungen werden in Wochen statt Monaten umgesetzt. Kundenservice-Zentren verlagern ihren Fokus auf komplexe Fälle; einfache Anliegen werden von Sprach- und Chat-Agenten abgeschlossen.
Veränderungen in den Fachbereichen. Das Aktuariat wandelt sich vom Rechenzentrum zur Modellgovernance-Instanz und übernimmt Validierung, Audit und Steuerung der KI-gestützten Tarifierung. Finance und Controlling schließen Monatsabschlüsse deutlich schneller ab; IFRS 17 und Solvency II werden durch agentische Vorarbeiten gestützt. Das Risikomanagement aggregiert Exposures spartenübergreifend in Echtzeit. Asset Management nutzt KI zur Portfoliosteuerung und erweitert alternative Anlageklassen. HR plant skillbasiert statt stellenbezogen und etabliert kontinuierliche Weiterbildung als Regelprozess. Vorstand und Geschäftsführung entscheiden auf Basis von Live-Dashboards statt Monatsberichten.
IT-Systeme. Bestandsführungssysteme bleiben erhalten, verlieren aber ihre zentrale Rolle. Die neue Mitte bilden Orchestrierungsplattformen – die MEA Platform gilt hier als ein innovatives Beispiel –, die kanalübergreifend Prozesse, KI-Integration und Geschäftslogik bündeln. Das Kernsystem wird zur Datenplattform mit Abrechnungsfunktion. Hyperscaler wie AWS, Azure und Google Cloud bleiben technologische Basis, zunehmend genutzt in souveränen EU-Zonen und mit verpflichtenden Exit-Strategien. Die Rolle des CIO verschiebt sich von der Infrastrukturverantwortung hin zur Orchestrierung von Ökosystemen, Plattformen und Partnern.
Globale Abhängigkeiten und Souveränität. Die Abhängigkeit von US-Technologie bleibt strukturell, wird aber regulatorisch eingehegt. Branchenspezifische Souveränitätsinitiativen entstehen unter deutsch-französischer Federführung, große Versicherer wirken als Treiber, kleinere als Nutzer.
Regulatorik. DORA-Resilienzanforderungen werden messbar und prüfbar, der AI Act erzwingt Modellregister und Erklärbarkeit, die BaFin erweitert ihre technische Prüfkompetenz. Anonymisierung und synthetische Daten werden operativer Standard.
Cyber im Eigenbetrieb. Versicherer sind zugleich Anbieter und Zielscheibe. KI-gestützte Angriffe, insbesondere Deepfake-basierte Betrugsszenarien in Leistungs- und Vertragsabläufen, nehmen zu. Zero-Trust-Architekturen, kontinuierliche Red-Team-Übungen und doppelte Prüfketten bei kritischen Entscheidungen werden zum Standard.
Demografie. Bis 2030 scheidet ein erheblicher Anteil der heutigen Mitarbeitenden in der Sachbearbeitung altersbedingt aus. Automatisierung schließt einen Großteil der Lücke, ergänzt durch neue Arbeitsmodelle: Remote-Hubs im europäischen Ausland, verkürzte Wochenarbeitszeiten, gezielte Rückhol- und Quereinsteigerprogramme.
Auswirkungen nach Unternehmensgröße. Große Versicherer investieren in eigene Plattformen, verhandeln auf Augenhöhe mit Hyperscalern und realisieren Skaleneffekte bei KI und Datenmanagement. Mittlere Häuser setzen auf Plattform-Nutzung, Konsortiallösungen und selektive Eigenentwicklung; hier liegt die größte Transformationslücke. Kleine Versicherer sind auf Insurance-as-a-Service-Modelle und Kooperationen angewiesen; Eigenbetrieb bleibt nur in eng definierten Nischen tragfähig.
Empfehlungen für Vorstände und Executives
Wo also beginnen, welche Schritte können sinnvoll aufeinander aufbauen und greifen ineinander? Ich empfehle folgende zehn Handlungsfelder bereits jetzt in Ihren Teams zu adressieren. Sicherlich wird sich in den nächsten Jahren einiges als weniger wichtig zeigen, dafür werden auch neue Prioritäten entstehen. Entscheidend ist es, jetzt die unterschiedlichen Facetten im Auge zu behalten und so anzugehen, dass man jederzeit reaktionsfähig bleibt.
- Verabschiedung eines verbindlichen KI-Zielbilds mit messbaren KPIs für Dunkelverarbeitung, Servicegrad und Time-to-Market. Dies bedeutet, den Übergang von isolierten Pilotprojekten hin zur skalierbaren Anwendung klar zu terminieren und budgetär abzusichern. Vorstände müssen definieren, welche Prozessschritte bis wann autonom laufen sollen, um eine verlässliche Planungsgrundlage für die Kapazitätssteuerung zu schaffen.
- Ablösung der Zwei-Geschwindigkeiten-IT durch eine einheitliche Architektur aus Kern, Orchestrierungsschicht und KI-Agenten. Ziel ist es, die technologische Starre alter Bestandssysteme aufzubrechen, indem eine flexible Zwischenschicht eingezogen wird, die als "Gehirn" für die Prozesslogik dient. Nur so können neue KI-Funktionen agil implementiert werden, ohne jedes Mal das Risiko eines Eingriffs in den hochsensiblen IT-Kern eingehen zu müssen.
- Entwicklung einer Souveränitätsstrategie mit klarer Workload-Zuordnung und Exit-Szenarien je Hyperscaler. Versicherer müssen aktiv steuern, welche sensiblen Daten in der Public Cloud und welche in geschützten europäischen Zonen verarbeitet werden, um regulatorisch handlungsfähig zu bleiben. Ein "Sovereign-Cloud-Konzept" verhindert einen kritischen Vendor-Lock-in und stellt sicher, dass Geschäftslogik im Notfall wieder zurückgeholt werden kann.
- Aufbau eines zweiten Geschäftsmodells Prävention in Gesundheit, Mobilität und Sachversicherung mit Prämienwirkung. Der Versicherer wandelt sich hierbei vom reinen Kostenerstatter zum proaktiven Risikomanager des Kunden, etwa durch IoT-Sensorik im Haus oder digitale Gesundheits-Coaches. Diese Services müssen direkt mit der Prämiengestaltung verknüpft werden, um echte Anreize für schadenminderndes Verhalten zu schaffen und die Kundenbindung zu erhöhen.
- Neuformatierung des Vertriebs durch KI-Ausstattung der Vermittler und aktive Verhandlung von Bankassurance- und Embedded-Partnerschaften. Vermittler benötigen "digitale Zwillinge" und KI-Assistenten, um in der hybriden Beratungswelt administrative Lasten abzuwerfen und sich auf komplexe Lebenssituationen zu konzentrieren. Gleichzeitig muss der Zugang zum Kunden direkt am Point-of-Sale durch die Integration in Handels- oder Mobilitätsplattformen strategisch gesichert werden.
- Ausbau der Cyber-Produktpalette bei gleichzeitiger Härtung der eigenen Infrastruktur. Angesichts steigender Bedrohungen durch Deepfakes und automatisierte Angriffe muss Cyber-Versicherung als ganzheitliches Schutzpaket inklusive Präventionsberatung und Incident-Response angeboten werden. Intern ist gleichzeitig eine Zero-Trust-Architektur unumgänglich, um das Vertrauen der Kunden in die Sicherheit ihrer Daten nicht zu gefährden.
- Neupositionierung des Aktuariats als Modellgovernance mit verpflichtender Data-Science-Qualifikation. Aktuare müssen in der Lage sein, die "Black Box" von KI-Modellen gegenüber der Aufsicht (BaFin) zu erklären und auf Fairness sowie Diskriminierungsfreiheit zu prüfen. Die klassische Risikokalkulation wird so durch eine umfassende Algorithmen-Überwachung ergänzt, die den Anforderungen des EU AI Act gerecht wird.
- Aktives Management der demografischen Lücke durch Quereinsteiger, Remote-Hubs, Senior-Rückholung und flexible Arbeitszeitmodelle. Da bis 2030 ein Großteil der Sachbearbeiterschaft ausscheidet, muss wertvolles Erfahrungswissen durch strukturierte Wissenstransfer-Programme gesichert werden. Neue Arbeitsmodelle müssen es ermöglichen, Talente über regionale Grenzen hinweg zu binden und erfahrene Mitarbeiter auch nach Erreichen der Altersgrenze projektbezogen einzubinden.
- Integration regulatorischer Anforderungen als Designprinzip, nicht als nachträgliche Ergänzung. Compliance-Vorgaben wie DORA oder der AI Act sollten bereits in der Konzeptionsphase neuer Produkte und IT-Architekturen ("Compliance by Design") berücksichtigt werden. Dies reduziert die Time-to-Market erheblich, da teure Nachbesserungen vor dem Rollout vermieden werden.
- Neudefinition der CIO-Rolle als Chief Orchestration Officer mit Produkt- statt Projektverantwortung. Der moderne CIO ist kein Verwalter von Rechenzentren mehr, sondern ein Architekt von digitalen Ökosystemen, der externe Partner und interne Plattformen nahtlos verbindet. Sein Erfolg misst sich an der Geschwindigkeit, mit der das Unternehmen neue digitale Services marktreif machen und skalieren kann.
Wer diese Maßnahmen konsequent umsetzt, kann 2030 aus einer Position der Stärke agieren. Die Branche verfügt über Kapital, Datenbestände und regulatorische Erfahrung – drei Ressourcen, die in der kommenden Dekade entscheidend sind.
