Gesundheitsreform: „Absurd", „Provokation" und spürbare Mehrbelastungen
Die Gesundheitsreform wird kurz vor dem Kabinettsbeschluss entschärft. Doch der Streit geht weiter. Weniger Einsparungen, mehr Belastung für Versicherte und massive Kritik aus allen Lagern prägen das Bild. Die Reform droht zum Dauerbaustellenprojekt zu werden.

Ende März 2026 hatte ein von der Bundesregierung eingesetztes Expertengremium einen umfassenden Maßnahmenkatalog zur Reform der Gesetzlichen Krankenversicherung vorgelegt. Die Finanzkommission Gesundheit empfiehlt insgesamt 66 Reformvorschläge, die die Kassen langfristig entlasten sollen. Würden alle Maßnahmen umgesetzt, könnten die GKV-Finanzen laut Berechnungen der Kommission bereits im Jahr 2027 um 42,3 Milliarden Euro verbessert werden. Bis 2030 läge die Entlastung sogar bei mehr als 60 Milliarden Euro.
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Insbesondere die beitragsfreie Mitversicherung von Ehepartnern ohne eigenes Einkommen wurde dabei in den letzten Wochen ausgiebig diskutiert. Ein weiterer Vorschlag betrifft die Finanzierung gesamtgesellschaftlicher Aufgaben. So plädierte die Kommission dafür, die Kosten für Bürgergeldempfänger künftig aus Steuermitteln zu finanzieren. Diese Kostenstelle hat ein Volumen von rund 12 Milliarden Euro. Angesichts der angespannten Haushaltslage galt eine Umsetzung als fraglich und wurde von Finanzminister Lars Klingbeil und Arbeitsministerin Bärbel Bas umgehend vom Tisch genommen.
Inzwischen hat sich viel bewegt: Die Gesundheitsreform der Bundesregierung ist auf den letzten Metern deutlich verändert worden und bleibt dennoch hoch umstritten. Kurz vor dem Kabinettsbeschluss wurden zentrale Punkte angepasst, um Versicherte und Beschäftigte zu entlasten. Aus Regierungskreisen heißt es, der Entwurf sei „klar verbessert worden für Versicherte und Beschäftigte“ und insgesamt „gerechter und sozial ausgewogener“.
Diese Nachbesserungen spiegeln sich vor allem im reduzierten Sparziel wider. Statt ursprünglich knapp 20 Milliarden Euro sollen nun 16,3 Milliarden Euro eingespart werden. Gleichzeitig bleibt die finanzielle Herausforderung gewaltig. Denn die prognostizierte Finanzierungslücke der gesetzlichen Krankenversicherung könnte bis 2030 auf über 40 Milliarden Euro anwachsen.
Zu den wichtigsten Änderungen zählt der Verzicht auf eine pauschale Kürzung des Krankengeldes. Auch bei der Familienversicherung wurde der Druck reduziert. Der geplante Zuschlag für mitversicherte Ehepartner fällt nun mit 2,5 Prozent geringer aus als zunächst vorgesehen. Gleichzeitig bleiben Kinder sowie bestimmte Gruppen weiterhin beitragsfrei abgesichert.
Dennoch bringt die Reform für viele Versicherte spürbare Mehrbelastungen mit sich. Insbesondere Gutverdiener müssen künftig tiefer in die Tasche greifen, da sowohl die Beitragsbemessungsgrenze als auch die Versicherungspflichtgrenze angehoben werden. Dadurch steigen die Beiträge und der Wechsel in die private Krankenversicherung wird erschwert. Diese Maßnahmen sollen helfen, die Beitragssätze zu stabilisieren, führen aber gleichzeitig zu einer intensiven Debatte über die Balance zwischen Solidarität und individueller Belastung.
Ein zentraler Streitpunkt bleibt die Finanzierung der Gesundheitskosten für Bürgergeldempfänger. Zwar ist vorgesehen, dass der Bund seine Zuschüsse schrittweise erhöht, gleichzeitig werden jedoch an anderer Stelle Mittel gekürzt. Konkret sollen jährlich 250 Millionen Euro an die Krankenkassen für die Finanzierung der Bürgergeldempfänger fließen. Dieser Anteil solle jährlich steigen. Gleichzeitig werde der Bundeszuschuss an den Gesundheitsfonds aber um zwei Milliarden Euro gekürzt. „Das heißt: Unterm Strich soll den Krankenkassen in einer Dimension von 1,75 Milliarden Euro Geld weggenommen werden zur Sanierung des Bundeshaushaltes. Das ist absurd“, kritisiert DAK-Chef Andreas Storm gegenüber dem Nachrichtensender "WELT TV". Der Vorschlag stelle „eine unerträgliche Provokation dar", so der DAK-Chef.
Auch die private Krankenversicherung sieht die Reform kritisch. Insbesondere die Anhebung der Versicherungspflichtgrenze wird als Eingriff in den Wettbewerb gewertet. PKV-Verbandschef Thomas Brahm warnt, die Reform „beschädigt einen wichtigen und funktionierenden Eckpfeiler des deutschen Gesundheitssystems“. Die Einschränkung der Wahlfreiheit könne langfristig Auswirkungen auf die Struktur des dualen Systems haben.
Neben strukturellen Eingriffen setzt die Reform auch auf zusätzliche Einnahmequellen. So soll ab 2028 eine Abgabe auf zuckergesüßte Getränke eingeführt werden, die jährlich rund 450 Millionen Euro in die Kassen bringen könnte. Gleichzeitig sind weitere Maßnahmen vorgesehen, etwa strengere Regeln bei Arzneimitteln, Kürzungen der Zuschüsse beim Zahnersatz und neue Modelle wie die Teilkrankschreibung. Ein Credo der Reform könnte also lauten: Versicherte und Arbeitgeber sollen künftig tiefer in die Tasche greifen. Derweil stopft der Staat eine Haushaltslücke auf Kosten der Beitragszahler
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