Die Armutsquote der Rentner sei nicht höher als die Armutsquote der Gesamtbevölkerung. Heute beziehen etwa 20,5 Millionen Deutsche Altersrente. Jeder sechste Rentner ist allerdings einer Studie zufolge von Altersarmut betroffen. Das entspricht 3,4 Mio. Menschen. Wer als Alleinstehender bzw. als Alleinstehende weniger als 979 Euro netto im Monat zur Verfügung hat, gilt als arm.

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43 Jahre im Dienst und am Ende bleibt ein Minimum

Sie war immer auf den Beinen, ihr ganzes Arbeitsleben lang. Längst ist Lioba Bichl Rentnerin, doch früher, als angestellte Friseurin, stand Sie jahrzehntelang im Salon. Für die Rente hat Sie immer eingezahlt, zwei Kinder großgezogen und heute mit 74 und Mütterrente lebt Sie von 935 Euro netto im Monat. Da Sie keine anderen Einnahmen hat, ist sie statistisch gesehen altersarm. Zum Leben bleiben ihr gerade mal knapp 300 Euro im Monat. Dies sei „beschämend und fühle sich nicht nur schlecht, sondern auch diskriminierend an“, so Lioba Bichl in der Dokumentation. Ein Blick in Frau Bichls Wohnung würde Sie nicht gleich verraten. Allerdings sind nicht nur der Fernseher sowie die Schlafcouch hinterm Sofa, sondern jüngst auch die Mikrowelle Spenden einer Münchner Seniorenhilfe. „So eine Mikrowelle für etwa 80 Euro ist eben einfach nicht drin, wenn man nur 300 Euro zum Leben zur Verfügung hat“, schildert Bichl in WISO nüchtern.

Massenphänomen: 3,4 Mio. Menschen sind altersarm

Altersgrundsicherung beziehen in der Tat, so Ulrich Schneider vom Paritätischen Gesamtverband, „nur“ etwas über 500.000 Menschen. „Allerdings seien eine Vielzahl der Menschen nur knapp über dieser Grenze und müssen mit unter 900 Euro auskommen. Nimmt man diese zwei Gruppen zusammen, dann kommt man auf 3 Mio. Rentnerinnen und Rentner und das, so würde ich sagen, ist ein Massenphänomen“, spricht Schneider ganz offen über die Situation.

Nur solange man gesund ist und der Körper mitmacht

Bei den Nebenkosten leistet Lioba Bichl lieber ein paar Euro mehr Vorauszahlung, um am Ende des Monats nicht in die roten Zahlen zu kommen. Einen Nebenjob könnte Sie mit kaputten Knien inzwischen nicht mehr stemmen. Der gelernte Kessel- und Behälterbauer Gunter Gensel beginnt seine Taxischicht inzwischen, die er ein bis zwei Wochen monatlich aus finanziellen Gründen machen muss. Er käme sonst mit seiner kleinen Rente einfach nicht aus. Nach insgesamt 49 Jahren, die er in die Rentenkassen eingezahlt hat, ein schwaches Resultat. Seine körperliche Verfassung ermöglicht es ihm noch mit 68 Jahren Fahrdienste anzubieten, also arbeitet er weiter. Nachts möchte er allerdings nicht mehr fahren. Gensel war immer Kleinverdiener, somit fällt auch seine Rente bescheiden aus. 724 Euro netto seit der Erhöhung im Juli. Auf mehr kann er jetzt im Alter nicht zurückgreifen. Sparen war für ihn mit dem früheren Hauptverdienst nicht möglich. Grundsicherung im Alter will er nur im äußersten Notfall beziehen, so bleibt ihm also nichts als munter weiterzuarbeiten.

Das Problem wird größer

Nicht nur der demographische Wandel und der große Niedriglohnsektor, sondern auch das sinkende Rentenniveau und Beschäftigungslücken sowie befristete Arbeitsverträge sind Ursachen dieses nahezu unaufhaltsam scheinenden Problems. Und die Situation könnte sich zukünftig noch verschärfen.

Wer beispielsweise 2030 in Rente geht und eine nach heutigen Maßstäben durchschnittliche Lebensarbeitszeit von 37 Jahren absolviert hat, mit einem durchschnittlichen Einkommen von 2.900 Euro brutto, dem bleiben nach heutigen Berechnungen noch 880 Euro Nettorente zur Verfügung. Das wäre deutlich unter der aktuellen Armutsgrenze. „Ohne Partner im Haushalt oder geerbtes Vermögen, ist man somit Kandidatin bzw. Kandidat fürs Sozialamt“, so rechnet Schneider für die Zukunft.

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Vereine etablieren sich, um der Einsamkeit vorzubeugen

Vereine wie die Münchner Seniorenhilfe „Lichtblick“, unterstützt Rentner, die an- und unter der Armutsgrenze liegen. Da im Alter die Mittel fehlen, sich etwas leisten zu können, führe das oftmals zu Depressionen, sagt Sandra Bisping von der Lichtblick Seniorenhilfe. „Die Mittellosigkeit führt dazu, dass Senioren weder gemeinsam Kaffee trinken gehen noch die öffentlichen Verkehrsmittel nutzen können. Einsamkeit ist die neue Armut“, so die schaurige Erkenntnis von Frau Bisping.