Lohnt sich die Lebensversicherung noch? Diese Frage stellen sich nicht nur die Kunden, sondern immer öfter die Versicherer selbst. Der Niedrigzins erschwert es zunehmend, den Sparern langfristige Garantien zuzusichern. Und es scheint, als müsste sich Deutschland auf einen langsamen, aber schmerzhaften Abschied von seinem beliebtestem Sparprodukt einstellen. Die klassische Lebensversicherung mit durchgehendem Garantiezins – ein Auslaufmodell?

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LVM ohne durchgehenden Garantiezins

Nachdem bereits die Versicherungsriesen Allianz, Ergo, Generali und HDI angekündigt haben, teilweise oder vollständig auf Policen mit durchgehendem Garantiezins zu verzichten, hat nun auch die LVM Lebensversicherung-AG diesen Schritt vollzogen, und zwar ohne großes Tamtam. Bereits seit Anfang 2015 wurde die Angebotspalette entsprechend umgestellt.

Bei privaten Rentenversicherungen der LVM gilt der aktuelle Garantiezins von 1,25 Prozent nur noch bis zum Rentenbeginn, wie die „Euro am Sonntag“ (17. Oktober) auf Nachfrage erfuhr. Anschließend greifen die „dann für das Neugeschäft gültigen Rechnungsgrundlagen“, teilte eine Sprecherin der Wochenzeitung mit. Bei anderen Anbietern gilt der Garantiezins üblicherweise auch in der Rentenphase. Wie eine Sprecherin des Unternehmens erklärte, solle gleichwohl die, bei Vertragsabschluss vereinbarte, Kapitalabfindung oder Mindestrente garantiert sein.

Aktuare empfehlen zeitlich begrenzte Garantien von 15 Jahren

Für Vermittler könnte damit eines der wichtigsten Verkaufsargumente wegfallen – die vermeintliche Sicherheit der Lebensversicherung. Zwar argumentieren die Anbieter, die Policen ohne Garantiezins böten höhere Renditechancen. Aber das Kapitalmarktrisiko trägt stärker als bisher der Kunde. Doch gibt es überhaupt Alternativen zum aktuellen Trend, wenn die Zinsen am Kapitalmarkt voraussichtlich niedrig bleiben?

Den Abschied vom durchgehenden Garantiezins hat auch Dr. Wilhelm Schneemeier angemahnt, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Aktuarvereinigung e.V. (DAV). Zwar sagt der Fachmann: “Ohne Garantien würde die Lebensversicherung keine wirklichen Altersvorsorgelösungen mehr bieten”. Zugleich spricht er sich aber für zeitlich begrenzte Zusagen an den Kunden aus.

“Bei klassischen Lebenspolicen benötigen wir eine regulatorische Änderung in Richtung von Abschnittsgarantien: Für einen Zeitraum von 15 Jahren ist der Kapitalmarkt für laufende Beitragseinnahmen einschätzbar”, so Versicherungsmathematiker Schneemeier. Hingegen seien die neuen Angebote mit höherer Renditechance bei gleichzeitig höherer Volatilität wenig bekannt und stünden mit der weit verbreiteten Risikoaversion der deutschen Sparer in Konflikt. Er forderte, dass die neuen Produkte einen verlässlichen Ausgleich gegen die Inflation bieten.

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Bundesregierung diskutiert Abschaffung des Garantiezinses

Sogar die Politik diskutiert aktuell, den gesetzlichen Garantiezins zu kippen. Dieser soll 2016 abgeschafft werden und lediglich für kleinere Unternehmen gelten, bestätigte eine Sprecherin des Bundesfinanzministeriums gegenüber dem Handelsblatt. Allerdings wird das Aus weniger mit dem Niedrigzins begründet, sondern mit aufsichtsrechtlichen Überlegungen. Anlass für die Abschaffung sei die europäische Eigenkapital-Richtlinie Solvency II: Werde diese eingeführt, werde der Garantiezins „für den Zweck der Aufsicht nicht mehr benötigt“. Es könnte das Ende der Altersvorsorge sein, wie wir sie bisher kannten.

Euro am Sonntag