Versicherungsbote: Sehr geehrter Herr Heise, mit der GKV-Finanzreform sollen die Krankenkassen mehr Spielraum bei der Beitragsgestaltung erhalten - seit Januar dürfen sie wieder einen kassenindividuellen Zusatzbeitrag erheben. Vom Wettbewerb unter den Kassen sollen die Patienten profitieren. Wie beurteilen Sie diese Reform?

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Mario Heise: Grundsätzlich halte ich die Abkehr vom Einheitsbeitrag für einen Schritt in die richtige Richtung – der mit der Reform in meinen Augen aber nicht konsequent genug gegangen wird. Denn der eingeführte „individuelle Zusatzbeitrag“ erweckt einen falschen Eindruck. Nämlich den, dass jede Kasse auch mit dem Zusatzbeitragssatz wirtschaftet. Das ist nicht der Fall: Auch die Zusatzbeiträge fließen in den Gesundheitsfonds und damit in das System der durchschnittlichen Zuweisungen, die jede Kasse erhält. Kassen wie die BKK Mobil Oil, die viele Zusatzleistungen anbieten, müssen diese Mehrleistungen und Innovationen von diesen durchschnittlichen Zuweisungen leisten. Andere Kassen profitieren überdurchschnittlich von den Zuweisungen, wenn sie weniger oder gar nicht in sogenannte Satzungs- und Ermessungsleistungen investieren. Ein Wettbewerb um eine hohe Qualität der Versorgung wird so nicht unterstützt.

Die Reform hat nicht mehr Transparenz und Fairness in den Wettbewerb gebracht. Der Gesundheitsfonds ist nach wie vor ein undurchschaubares, manipulationsanfälliges System mit vielen systematischen Fehlern. Erkennen kann man das sehr gut an der neuen Positionierung einiger Ost-AOKen oder meist regionaler kleinerer Krankenkassen: Noch vor 2013 standen diese Kassen finanziell kritisch dar, weil es ihnen nicht gelungen ist, bei Leistungs- und Verwaltungsausgaben kostendeckend zu arbeiten beziehungsweise Rücklagen zu bilden. Nach der Neuregelung des Morbi-RSA mit der sogenannten Annualisierungsregelung können ausgerechnet diese Kassen plötzlich mit ausgesprochenen niedrigen Beiträgen in den Markt gehen, weil die Neuregelung zu einer strukturellen Überdeckung führt. Diese Kassen erhalten jetzt deutlich mehr aus dem Gesundheitsfonds, als sie für die Versorgung ihrer Versicherten benötigen.

Versicherungsbote: Sie werben mit dem Slogan „Die Krankenkasse der neuen Generation“. Wie sehen Sie die BKK Mobil Oil im Wettbewerb mit anderen Krankenkassen aufgestellt?

Mario Heise: Nach der Gesundheitsreform 2009 haben wir uns neu aufgestellt und mit unserem Leistungs- und Serviceversprechen „Mehr Service, mehr Leistung, mehr Wert“ formuliert, wie wir die „Krankenkasse der neuen Generation“ verstehen: Unabhängig von den jeweiligen Rahmenbedingungen wollen wir unseren Versicherten unbürokratisch und zuverlässig eine persönliche Gesundheitsbetreuung bieten. Wenn uns die politische Entwicklung einen Einheitsbeitragssatz vorgibt, arbeiten wir durch die Schaffung von zahlreichen Zusatzleistungen daran, dass das Preis-Leistungsverhältnis für eine individuelle Gesundheitsversorgung bestmöglich bleibt. Wenn Mitbewerber durch die Koppelung verschiedener Leistungen in Form eines Gesundheitskontos den Zugang zu Mehrleistungen beschränken, um die Leistungsausgaben zu kontrollieren, setzen wir darauf, dass unsere Kunden je nach persönlicher Gesundheitssituation oder Präferenz frei wählen können.

Die Grundidee: Wir möchten unsere Versicherten in ihren unterschiedlichen und individuellen Lebensentwürfen und -phasen als Gesundheitspartner flexibel, aber zuverlässig begleiten und zeigen, dass ein gesundheitsbewusster Lebensstil nicht Verzicht und Askese bedeutet, sondern Spaß macht. Also nicht belehren, sondern motivieren. Deshalb stellen Vorsorge, finanzielle Anreize für gesundheitsbewusstes Verhalten wie unsere 200,00 Euro Aktiv-Prämie und die Unterstützung neuer, innovativer Behandlungsmethoden die zentralen Säulen, sowohl unserer Produktstrategie als auch unserer Markenkommunikation, dar.

Versicherungsbote: Die Bundesregierung ist mit dem erklärten Ziel angetreten, Kassenpatienten zu entlasten. Doch die GKV verzeichnete 2014 erstmals seit 2008 wieder Quartalsverluste, die Zusatzbeiträge könnten in den kommenden Jahren schnell steigen. Ist die angebliche Entlastung eine Mogelpackung?

Mario Heise: Wie Ihre Frage schon klar macht – die Entlastung einer Vielzahl aller gesetzlich Versicherten ist eine politische Zielsetzung, die mit der Reform kurzfristig realisiert wurde. Allerdings mit voraussichtlich sehr begrenzter Haltbarkeit: Die aktuellen Beitragssätze vieler Kassen werden nur durch den Einsatz von Rücklagen möglich. Die erfolgreiche Lobbyarbeit z.B. von Ärzteverbänden und Arzneimittelherstellern, die demografische Entwicklung sowie das daraus resultierende Verhältnis von Ausgaben und Einnahmen werden schon bald zu deutlich höheren Beitragssätzen führen. Um hier zumindest mittelfristig Planungssicherheit für unsere Versicherten zu schaffen, war es uns wichtig, auf Beitragsstabilität statt auf kurzfristige Niedrigpreis-Effekte zu setzen – deshalb wollen wir unseren Beitragssatz bis mindestens 2017 stabil halten.

Versicherungsbote: Wagen Sie eine Prognose, wie hoch die durchschnittlichen Zusatzbeiträge in den Jahren 2016 und 2017 sein werden?

Mario Heise: Natürlich ist eine solche Prognose immer auch etwas spekulativ – aber im Branchendurchschnitt halte ich Zusatzbeiträge von 1,2 Prozent beziehungsweise 1,5 Prozent in 2016 und 2017 für durchaus denkbar.

Versicherungsbote: Kritiker der Zusatzbeiträge warnen, dass Krankenkassen mit vielen alten und kranken Versicherungsnehmern durch den Preiskampf benachteiligt werden. Diese müssten wegen den höheren Gesundheitskosten von Senioren am ehesten den Zusatzbeitrag anheben und könnten kaum attraktive Zusatzleistungen bieten. Ist diese Kritik berechtigt? Wie „fair“ ist der Wettbewerb zwischen den Kassen?

Mario Heise: Diese Befürchtung halte ich für überholt. Mit der rückwirkend bis 2013 umgesetzten Neuregelung des Morbi-RSA, der sogenannten „Annualisierung“ ist der oben beschriebene Effekt ins Gegenteil verkehrt worden. Die mit der Neuregelung angestrebte Kompensation der hohen Ausgaben für Schwerkranke in ihrem letzen Lebensjahr ist so realisiert worden, dass die Zuweisungen für Schwerkranke, die über einen längeren Zeitraum in diese Klassifizierung fallen, die durchschnittlichen Ausgaben deutlich überschreiten. So lässt es sich erklären, dass Kassen, die traditionell hohe Beitragssätze, wenig Zusatzleistungen und hohe Verwaltungskosten haben, plötzlich ein hohes Vermögen verzeichnen und mit besonders niedrigen Zusatzbeiträgen in den Wettbewerb gehen – Beispiele finden sich hier besonders bei ostdeutschen AOKen.

Versicherungsbote: Kann man überhaupt von einem Wettbewerb sprechen, wenn doch die meisten Leistungen in der GKV (über 90 Prozent) von allen Kassen angeboten werden müssen?

Mario Heise: Aufgrund des gesetzlichen Leistungskatalogs ist der Wettbewerb zwischen den Krankenkassen natürlich nicht mit dem in der freien Wirtschaft vergleichbar, alle Kassen bietet mit dem gesetzlichen Leistungskatalog eine umfassende medizinische Grundversorgung. Im Bereich der Satzungs- und Ermessungsleistungen wie Osteopathie, Homöopathie oder erweiterten Vorsorgeprogrammen sowie bei der Bonifizierung von gesundheitsbewusstem Verhalten gibt es aber durchaus Unterschiede, die einen Wettbewerb möglich machen.
Insofern lohnt es sich für Versicherte, sich Gedanken über ihre individuellen Ansprüche in der Gesundheitsversorgung zu machen und zu vergleichen. Der Gesetzgeber ist hier aufgefordert, den politisch geforderten Leistungswettbewerb im GKV-System zukünftig stärker zu ermöglichen, indem der Spielraum der einzelnen Kassen für die Entwicklung individueller Angebote erweitert wird.

Versicherungsbote: Das Bundesversicherungsamt äußert den Verdacht, einige Kassen versuchen gar, ältere und kranke Menschen zur Kündigung zu bewegen und im Gegenzug gesunde und einkommensstarke Versicherungsnehmer anzuwerben. Ist dies die Kehrseite des verstärkten Wettbewerbs? Wie lassen sich derartige Tendenzen vermeiden?

Mario Heise: Versicherte vorsätzlich und gezielt zur Kündigung bewegen zu wollen ist natürlich schlicht völlig inakzeptabel. Schon aufgrund der oben beschriebenen Konsequenzen aus der sogenannten Annualisierung der Kosten Verstorbener halte ich den Verdacht aber für wenig begründet: Gerade Kassen mit vielen älteren, kranken Versicherten und Geringverdienern erhalten mehr Geld, als sie für die Gesundheitsversorgung ihrer Versicherten ausgeben. Diese Entwicklung belegt nicht nur die Tatsache, dass z.B. eine BKK mit vielen jungen, gesunden Versicherten zum Jahreswechsel „notfusionieren“ musste, sondern auch der niedrige Beitragssatz von Kassen wie der AOK Sachsen oder das hohe Vermögen der Bundesknappschaft.

Anreiz für eine qualitativ hochwertige Gesundheitsversorgung der Versicherten bei gleichzeitig planvollem und nachhaltigem Wirtschaften kann nur eine Reform des Morbi-RSA schaffen, die Ausgaben und Zuweisungen tatsächlich in ein adäquates Verhältnis setzt und so wirtschaftlich und zukunftsorientiert handelnde Kassen wieder belohnt.

Versicherungsbote: Für Prävention und Vorsorge geben Krankenkassen im Schnitt nur rund 1 Prozent ihres Budgets aus, der Großteil wird für Krankenhausaufenthalte, Operationen und Medikamente bezahlt. Wie erklärt sich dieses auffällige Verhältnis? Ist Heilen besser als vorsorgen?

Mario Heise: Selbstverständlich macht es Sinn, vermehrt auf Vorsorge und Prävention zu setzen, als erst dann aktiv zu werden, wenn eine Erkrankung bereits vorliegt. Das ist vor allen anderen Überlegungen eine zentrale Investition in die individuelle Lebensqualität unserer Versicherten.

Unsere Investitionen in „klassische“ Prävention liegen deutlich über dem gesetzlich geforderten Richtwert und auch über dem Schnitt der Branche. Darüber hinaus bieten wir im Bereich Vorsorge für alle wichtigen Themenfelder wie Schwangerschaft, Geburt, Impfungen und Krebserkrankungen diverse Zusatzleistungen.

Bevor man hier aber Ausgaben von „Vorsorge“ vs. „Heilen“ gegeneinander rechnet, müsste man zunächst definieren: Wo genau liegen die Grenzen? Ein einfaches Beispiel: Mutter-Kind-Kuren werden als Rehabilitation geführt, dienen aber dazu, Manifestationen von Krankheiten zu verhindern – sie haben hier also durchaus auch vorsorgenden Charakter.

Mit dem Präventionsgesetz, dass 2016 endlich tatsächlich umgesetzt wird, hat die Politik beim Thema Prävention jetzt konkrete Maßnahmen aufgesetzt. Sehr kritisch finden wir allerdings die Übertragung von Mitteln der gesetzlichen Sozialversicherung an eine Bundesbehörde und damit die faktische Finanzierung von Aufgaben des Bundes durch die Beitragszahlungen von Versicherten und Arbeitgebern. Es ist wenig zielführend, wenn sich die Politik kritisch über zu erwartende Steigerungen der Beitragsbelastung der gesetzlich Versicherten äußert, wenn diese Beiträge nicht mehr nur für die individuelle Gesundheitsversorgung der Versicherten eingesetzt werden, sondern auch noch Maßnahmen gegen gesellschaftliche Fehlsteuerungen auf Bundesebene finanzieren sollen.

Versicherungsbote: Oft wird über Einsparpotentiale bei Krankenhäusern und Fehlanreize bei Operationen diskutiert. Doch laut Arzneiverordnungsreport (AVR) sind auch Medikamente hierzulande teurer als in anderen europäischen Staaten. Wo sehen Sie speziell bei den Kassenausgaben für Arzneien Sparpotentiale? Wünschen Sie sich beim Verhandeln mit Pharma-Anbietern mehr Optionen?

Mario Heise: Die höheren Kosten in Deutschland belegen, dass auch die Arzneimittelhersteller in Deutschland hocherfolgreich Lobbyarbeit betreiben und ihre Interessen in die Ausgestaltung der politischen und gesetzlichen Rahmenbedingungen einbringen: Nach wie vor können pharmazeutische Unternehmen die Preise für ihre Arzneimittel zumindest bei der Einführung nahezu frei bestimmen. Ein aktuelles Beispiel ist das intensiv diskutierte Hepatitis C Präparat Sovaldi mit zunächst diskutierten 20.000 Euro, jetzt 14.500 Euro pro Packung. Natürlich bergen der klassische Arzneimittelvertrag, das Arzneimittelmarktneuordnungsgesetz oder die intensivere Zusammenarbeit zwischen Ärzten, Apothekern und Kassen noch Sparpotentiale. Darüber hinaus wären aber regulatorische Maßnahmen gegen die Preispolitik der Pharmalobby aus unserer Perspektive natürlich begrüßenswert.

Versicherungsbote: Erstmals sind in diesem Jahr seit Jahren wieder mehr Kunden von der PKV in die GKV gewechselt. Wagen Sie eine Prognose: Wie wird sich das Gesundheitssystem in den kommenden Jahren entwickeln? Werden die Krankenkassen ein wenig mehr wie Privatversicherer agieren - oder kommt doch noch die Bürgerversicherung?

Mario Heise: Eine langfristige Prognose zur Entwicklung der Themen GKV und PKV ist aufgrund des nicht immer berechenbaren politischen Kurses schwierig. Der Idee einer Bürgerversicherung wurde der Richtungswechsel 2014/2015 zumindest vorläufig eine deutliche Absage erteilt. Jetzt hoffen wir, dass der Ansatz eines Wettbewerbs zwischen den Kassen von der Politik durch eine adäquatere und damit fairere Regelung der Verteilungsprinzipien des Gesundheitsfonds sowie durch mehr echte Spielräume für die Kassen konsequenter und dabei transparenter verfolgt wird.

Versicherungsbote: Vielen Dank für das Interview! (Die schriftlichen Fragen stellte Mirko Wenig)

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Steckbrief Mario Heise: Mario Heise, geboren am 14. Januar 1972 in Lübeck, ist seit dem 
01. Januar 2009 Vorstandsvorsitzender der Betriebskrankenkasse Mobil Oil. Gemeinsam mit seiner Frau und den beiden Kindern lebt er in Schleswig-Holstein.
Im Anschluss an die Ausbildung zum Sozialversicherungsfachangestellten bei der Betriebskrankenkasse der Hansestadt Lübeck arbeitete 
Mario Heise dort als Teamleiter im Leistungswesen und beendete zudem im Jahr 1996 erfolgreich die Fortbildung zum Krankenkassenbetriebswirt.
Kurz nach seinem Wechsel zur Betriebskrankenkasse Mobil Oil im Jahr 1998, wurde Mario Heise 1999 zum stellvertretenden Vorstand ernannt und nahm außerdem die Position als Bereichsleiter Leistungen ein. Im Jahr 2003 wurde er zum Vorstand bestellt und übernahm am 
01. Januar 2009 den Vorstandsvorsitz der Betriebskrankenkasse Mobil Oil.