Es sind brutale Bilder, die derzeit aus Brasilien nach Europa dringen. Auf einem Foto sind schwerbewaffnete Kämpfer der Gendarmerie Polícia Militar zu sehen, die an einer Steintreppe in einem Armenviertel posieren. Zwischen ihnen liegen sechs Jugendliche, vielleicht 16 Jahre alt, mit Bermuda-Shorts und farbigen T-Shirts begleitet. Doch die Halbwüchsigen sind tot. Dunkles Blut rinnt aus ihren Köpfen und färbt die Treppenstufen rot. Hier, bei einer Razzia in Rio de Janeiro, haben Polizisten ein Massaker angerichtet. Das brasilianische Onlineportal G1 berichtet von Drogenrazzien und Schießereien, auch zwei Polizisten seien verletzt worden.

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All das nährt nicht nur Zweifel an der Menschenrechtslage in einem Land, das nach wie vor an Korruption, Drogengewalt und einer Spaltung der Gesellschaft in Arm und Reich leidet. Es erlaubt auch die Frage, ob die Fußballweltmeisterschaft in Brasilien reibungslos ablaufen wird. In vier Wochen soll das Eröffnungsspiel in São Paulo angepfiffen werden. Hat sogar der mächtige Fußballweltverband FIFA Zweifel, dass alles ohne Zwischenfall vonstatten geht?

Rekordpolice gegen WM-Verschiebung

Nach Informationen von Reuters hat die FIFA eine Mega-Versicherung abgeschlossen, um sich gegen eine Verschiebung der Fußballweltmeisterschaft in Brasilien abzusichern. Für geschätzte 650 Millionen Euro bietet die Police unter anderem Schutz gegen Terrorismus, Naturkatastrophen, Epidemien, Kriege, Unfälle oder Unruhen. Doch einen Ausfall des Turnieres fürchtet der Fußballweltverband nicht. „Die FIFA entschied sich dagegen, das Stornorisiko abzudecken“, so ein Sprecher. „Denn selbst wenn sich die Veranstaltung aus irgendeinem Grund verzögert, ist es extrem unwahrscheinlich, dass sie abgesagt wird.“

Zwar sei es bei derartigen Großereignissen üblich, entsprechende Versicherungspolicen abzuschließen. Aber die Höhe der Versicherungssumme stelle einen neuen Rekord dar. Zum Vergleich: Bei der WM 2010 in Südafrika, als es ebenfalls infrastrukturelle Probleme gab und zudem islamistische Anschläge befürchtet worden, hatte die FIFA sich für rund 290 Millionen Euro versichert - nicht einmal die Hälfte der jetzigen Summe. Bisher war der Münchener Rückversicherer Munich Re Produktgeber für den Fußballweltverband.

Verzögerungen beim Stadionbau und Massenproteste

Tatsächlich gibt es derzeit Befürchtungen, dass die Fußballweltmeisterschaft nicht pünktlich angepfiffen werden kann. Keines der Stadien, in denen die WM-Spiele stattfinden sollen, konnte rechtzeitig übergeben werden, wie das Nachrichtenmagazin Spiegel berichtet. Das Eröffnungsstadion Itaquerao in São Paulo sei derzeit eine große Baustelle – Bulldozer planieren die rote Erde vor dem Eingang, es werde an Tribünen gesägt und gehämmert, der Weg zur nahen U-Bahn-Station führe über improvisierte Bretterpfade. Am Donnerstag, dem 12. Juni 2014, soll hier die Eröffnungsfeier stattfinden und die Seleção ihren ersten Sieg gegen Kroatien einfahren.

Auch die Bevölkerung nutzt wieder die Bühne, die das Großereignis ihr bietet. In São Paulo organisierte ein Zusammenschluss mehrerer Bewegungen am 01. Mai drei Anti-WM-Protestzüge. Brasiliens zweitgrößte Gewerkschaft Forca Sindical sprach von 1,2 Millionen Demonstranten. Die Protestierenden forderten unter anderem eine Bekämpfung der Wohnungsnot und bessere Arbeitsbedingungen. Bereits beim Confederations Cup 2013 hatten Massenproteste weltweit für Schlagzeilen gesorgt. Die brasilianische Nationalmannschaft solidarisierte sich damals mit den Demonstranten.

In Rio de Janeiro streikten am Donnerstag die Busfahrer. Nur etwa ein Viertel der Busflotte war in der Sechs-Millionen-Stadt unterwegs, es kam zu teils chaotischen Zuständen. Tausende Menschen mussten stundenlange Verspätungen in Kauf nehmen, Randalierer beschädigten 500 Busse. Ob die WM den Menschen nützt, ist ebenfalls umstritten. Laut Spiegel haben sich die Mieten in manchen Vierteln der WM-Städte nahezu verdoppelt.

GDV: Sicherheit wird „an der Copacabana großgeschrieben“

Trotz aller Probleme warnt der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) vor Panikmache und will die hohe Versicherungssumme nicht überbewertet wissen. „Was für die Fans Unterhaltung pur ist, ist für die Veranstalter eine knallharte wirtschaftliche Unternehmung – mit entsprechenden Risiken“, heißt es in einer Pressemeldung des Verbandes. Ein Großereignis wie die WM würde ohne Versicherungen nicht mehr stattfinden können.

Brasilien habe umgerechnet 10,5 Milliarden Euro in die WM investiert, unter anderem für den Neubau von Stadien und den Ausbau der städtischen Infrastruktur, für Hotels und Flughäfen. Das alles will abgesichert sein. „Natürlich haben sich öffentliche und private Investoren geschützt – ohne umfassende Bau-, Haftpflicht- und andere Versicherungen wäre wohl keines der Projekte zustande gekommen“, argumentiert der Verband.

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Ein Hoffnungszeichen: Auch bei der WM vor vier Jahren zweifelten vor dem Turnier viele Kritiker an, ob es richtig war die WM in Südafrika stattfinden zu lassen. Eventuelle Befürchtungen, Fußballfans könnten Opfer von Gewaltverbrechen werden, haben sich aber nicht bestätigt. Im Rückblick war es ein erfolgreiches Turnier – mit einem geschätzten Versicherungsbedarf von rund 5 Milliarden Euro.

GDV / Reuters