Die Rückkehr der Kriegsprämie
Mit der Eskalation im Iran-Konflikt ziehen die Preise für War-Risk-Deckungen sprunghaft an und das teils bis an die Grenze der Versicherbarkeit. Während Kapazitäten schrumpfen und Policen still verschärft werden, verlagert sich das Risiko zunehmend von Versicherern zurück auf Unternehmen. Warum sich der Markt schleichend zurückzieht und welche Rolle der Staat künftig spielen könnte, erklärt der ehemalige Versicherungsmanager Alwin W. Gerlach.

Die Preislisten haben sich in wenigen Tagen verändert. Für Tanker, die durch die Straße von Hormus fahren, werden seit der jüngsten Eskalation im Iran-Konflikt wieder Aufschläge verlangt, wie sie sonst nur in akuten Krisenphasen zu sehen sind. Marktteilnehmer sprechen davon, dass sich War-Risk-Prämien zeitweise vervielfacht haben, von wenigen Basispunkten des versicherten Wertes auf ein Vielfaches davon, zahlbar pro Reise. Zwei mit der Situation vertraute Broker sagen, dass einzelne Routen zeitweise „praktisch nicht mehr platzierbar“ gewesen seien. „Das geht im Zweifel über Nacht“, sagt ein Hamburger Schifffahrtsmakler, der seit Jahren mit Risikodeckungen für den Golf arbeitet. „Und manchmal gibt es dann einfach kein Angebot mehr.“
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Gleichzeitig berichten Broker, dass Kapazitäten knapper werden, Limits gesenkt und Zeichnungen kurzfristig zurückgezogen werden. Offiziell ist das eine Reaktion auf die Lage. Intern wird das nüchterner formuliert. „Die Modelle geben das nicht mehr her“, heißt es aus dem Umfeld eines großen europäischen Versicherers.
Die stille Verschiebung in den Policen
Der Blick in die Vertragswerke liefert erste Hinweise. Kriegsausschlussklauseln gehören seit Jahrzehnten zum Standard, doch ihre Auslegung hat sich in den vergangenen Jahren spürbar verschoben. Besonders im Cyberbereich wurde der Begriff „kriegsähnliches Ereignis“ sukzessive erweitert. In mehreren internationalen Verfahren haben Versicherer argumentiert, staatlich beeinflusste Angriffe könnten als kriegsbedingt gelten, auch ohne formelle Kriegserklärung.
Diese Linie setzt sich nun in anderen Sparten fort, weniger sichtbar, aber wirksam. Risiken bleiben formal versicherbar, werden faktisch, aber enger gefasst. „Das steht da nicht offen drin, aber es ist klar, wie es gemeint ist“, sagt ein Industrieversicherungsmakler. Im Zweifel entscheidet nicht mehr nur der Schaden, sondern seine Einordnung.
Rückversicherung als Taktgeber
Parallel dazu hat sich die Rückversicherung neu sortiert. Unternehmen wie Munich Re und Swiss Re haben bereits nach der Pandemie und verstärkt seit Beginn geopolitischer Spannungen ihre Risikomodelle angepasst. Offiziell geht es um bessere Steuerung von Aggregationsrisiken. In der Praxis bedeutet das vor allem eines: weniger Spielraum.
In Branchenkreisen ist von deutlich engeren Grenzen die Rede, also Limits für Schäden, die gleichzeitig auftreten können. Zwei Marktteilnehmer bestätigen unabhängig voneinander, dass diese Aggregationsgrenzen in den vergangenen Monaten spürbar gesenkt wurden. Genau hier liegt der Kern des Problems. Ein Angriff auf Energieinfrastruktur im Golf, Störungen im Schiffsverkehr und koordinierte Cyberangriffe würden nicht als Einzelschäden auftreten, sondern als Kaskade. „Das ist kein Szenario mehr, das man sauber durchrechnen kann“, sagt ein Rückversicherungsmanager, der nicht namentlich genannt werden möchte.
Konkrete Folgen für Unternehmen
Diese Neubewertung hat unmittelbare Auswirkungen. In der Energieversicherung steigen die Selbstbehalte, während Deckungssummen zurückgehen. Für große Anlagen in der Region werden Policen fragmentierter, Risiken auf mehrere Anbieter verteilt, wenn sich überhaupt noch ausreichend Kapazität findet.
Ein Industrieversicherer beschreibt es so: „Wir zeichnen das noch, aber anders als vor drei Jahren.“ Gemeint sind kleinere Linien, engere Bedingungen, kürzere Laufzeiten. Für Unternehmen bedeutet das vor allem eines: mehr Eigenrisiko.
Besonders sichtbar wird die Entwicklung im Transportsektor. Dort lassen sich Veränderungen schneller ablesen als in langfristigen Industrieverträgen. Broker berichten, dass einzelne Versicherer Deckungen für Fahrten durch den Persischen Golf nur noch unter Vorbehalt anbieten oder ganz aussetzen, sobald sich die Sicherheitslage kurzfristig verschärft. Gleichzeitig bleibt die Nachfrage hoch. Öl und Gas müssen transportiert werden.
Ein Rückzug mit Ansage
Auffällig ist, dass diese Entwicklung nicht erst mit der aktuellen Eskalation begonnen hat. Bereits seit mehreren Jahren verschieben Versicherer ihre Portfolios weg von schwer kalkulierbaren Großrisiken hin zu besser diversifizierbaren Segmenten. Die Pandemie hat diesen Prozess beschleunigt, der Krieg in der Ukraine hat ihn verstärkt, und der Konflikt mit Iran bringt ihn nun in eine neue Phase.
In internen Diskussionen, von denen mehrere Marktteilnehmer unabhängig berichten, wird systemisches Risiko zunehmend als Kategorie behandelt, die sich klassischen Versicherungsmechanismen entzieht. „Das ist kein klassisches Underwriting-Thema mehr“, heißt es aus einem großen europäischen Haus. „Das ist eine politische Frage.“
Europa als blinder Fleck
Auffällig ist, dass es für genau diese Art von Risiken in Europa bislang keine gemeinsame Antwort gibt. Während in anderen Bereichen , etwa bei Terrorrisiken, staatlich gestützte Absicherungsmodelle entstanden sind, fehlt für geopolitische Großrisiken eine vergleichbare Struktur. Die Folge ist ein fragmentierter Markt, in dem nationale Lösungen nebeneinanderstehen, ohne sich zu ergänzen.
Für Versicherer erhöht diese Unsicherheit den Druck. Ohne verlässlichen politischen Rahmen lassen sich systemische Risiken kaum langfristig kalkulieren. Entsprechend vorsichtig agieren Anbieter. „Wir warten im Grunde auf ein Signal aus der Politik“, sagt ein Branchenvertreter. Zwei Personen aus dem Umfeld europäischer Institutionen bestätigen, dass entsprechende Modelle zwar diskutiert werden, konkrete Strukturen jedoch bislang fehlen.
Für Unternehmen wird diese Lücke konkret. Sie sind auf funktionierende Absicherung angewiesen, treffen aber auf einen Markt, der Risiken zunehmend weiterreicht.
Wenn der Staat ins Spiel kommt
Damit rückt eine Frage in den Vordergrund, die bislang eher theoretisch diskutiert wurde. Wenn der Markt Risiken nicht mehr tragen kann, wer übernimmt sie dann? Erste Antworten sind aus anderen Bereichen bekannt. Terrorrisiken werden über staatlich gestützte Pools abgesichert, Pandemieschäden wurden weitgehend durch staatliche Hilfen aufgefangen.
Für geopolitische Konflikte existiert ein solches Instrument bislang nicht. In Berlin und Brüssel wird darüber zwar gesprochen, konkrete Modelle sind jedoch nicht absehbar. „Es gibt Überlegungen, aber keine Struktur“, heißt es aus Regierungskreisen.
Ein möglicher Ausweg: begrenzte, geteilte Verantwortung
In der Branche wird deshalb über pragmatische Lösungen nachgedacht. Ein Modell, das immer wieder genannt wird, ist eine mehrstufige Absicherung. Ein begrenzter Basisschutz für kritische Infrastrukturen und zentrale Handelsströme, getragen von privaten Versicherern bis zu einer klar definierten Schadenshöhe, darüber hinaus staatliche Garantien.
Diskutiert werden auch parametrische Ansätze, etwa Auszahlungen bei klar definierten Ereignissen wie der Sperrung zentraler Handelsrouten. „Das wäre zumindest berechenbar“, sagt ein Marktteilnehmer. Es würde das Risiko nicht lösen, aber kalkulierbarer machen.
Ein Markt, der enger wird
Gleichzeitig entstehen Nischenmärkte. Spezialanbieter für War-Risk-Deckungen nutzen die steigende Nachfrage und verlangen entsprechend hohe Prämien. Doch auch diese Märkte sind begrenzt. Sie funktionieren nur, solange die Wahrscheinlichkeit eines Totalausfalls als beherrschbar gilt.
Der Iran-Konflikt legt damit eine Entwicklung offen, die sich seit Jahren abzeichnet. Versicherer ziehen sich nicht abrupt zurück, sie verändern ihre Bedingungen. Sie erhöhen Preise, reduzieren Kapazitäten und verschieben Risiken schrittweise aus dem Markt. Für Unternehmen bedeutet das nicht, dass sie unversichert sind, sondern dass sie einen wachsenden Teil des Risikos selbst tragen.
Die entscheidende Veränderung ist dabei weniger sichtbar als ein Rückzug. Sie liegt in der Verschiebung von Verantwortung. Was früher über Policen abgesichert wurde, wird zunehmend zur unternehmerischen oder politischen Aufgabe. Der Markt verschwindet nicht vollständig. Aber er wird enger. Und an manchen Stellen ist er es bereits.
