Recht hat er, der Herr Thielmann, denn "Dumb German Money" ist seit Jahren ein fester Begriff, ursprünglich von US-amerikanischen Filmproduzenten für Gelder aus geschlossenen Medienfonds verwendet. Seitdem ist der Begriff auf viele Finanztransaktionen ausgeweitet worden, mit denen deutsche Anleger Geld verlieren konnten. "Wenn Geld für überflüssige Schiffe, Riesenräder in Singapur oder unrentable Ölsandprojekte in Kanada benötigt wurde, dann sammelte man es nicht in den Heimatländern der Initiatoren ein, sondern bei deutschen Zahnärzten, Lehrern und Ingenieuren", so Thielmann.

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Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung e. V. (DIW) in Berlin hat ermittelt, dass deutsche Anleger seit 2006 cirka 600 Milliarden Euro Kapital im Ausland verloren haben (Hinweis: PDF-Seite 12 unten links). Auch mit inländischen Anlageprodukten haben Deutsche in den vergangenen Jahren teilweise enorme Summen verloren. Dazu zählen z. B. Genussrechte, Orderschuldverschreibungen, geschlossene Immobilienfonds, Venture Capital, Schiffsbeteiligungen, a-typisch stille Beteiligungen, Non Performing Loans (NPL) etc..

Rechnen wir mal kurz: Wir schreiben gerade das Jahr 2013, somit wären seit 2006 bis heute pro Jahr (!) mindestens 85 Milliarden deutsche Spargelder den Bach runter gegangen – den inländischen grauen Kapitalmarkt, kapitalisierende Versicherungsprodukte, Zockerangebote der Banken und die wohl darüber hinaus gewaltige Dunkelziffer nicht mitgerechnet.

Wie kann das sein? Wie kommt so etwas zu Stande?

Ganz einfach. Unseriöse Teilnehmer des Kapitalmarktes benötigen hier zu Lande nicht wirklich viel:

  • einen tollen Hochglanzprospekt
  • eine fast unglaubliche Story gepaart mit einem Geheimtipp
  • das Versprechen Steuern zu sparen
  • eine dicken, langweiligen, offiziellen Verkaufsprospekt, den keiner lesen will
  • Maklerpools, Vertriebsorganisationen und naive Vermittler, die alle zumeist dringend auf Suche nach Ersatz für wegbrechende LV- & KV-Abschlussprovisionen sind
  • und "Dumb German Money", welches sich laut Thielmann oft bei deutschen Zahnärzten, Lehrern und Ingenieuren findet.

Nicht das Geld ist dumm

Sie merken es schon, nicht das Geld ist dumm, nein, die Kenntnisse deutscher Bürger in Geldangelegenheiten sind einfach völlig unzureichend! Schlimmer noch: Gerade die eigentlich auf Kundenseite stehenden Makler versäumen es, dies im positiven Sinne für sich zu nutzen. Zu dumm, oder? Deshalb eine etwas ausführlichere Betrachtung:

  • An den deutschen Schulen fehlt es an einer „Grundausbildung“ in Geldangelegenheiten. Nicht selten fällt Schulabgängern selbst einfachste Prozentrechnung schwer.
  • Die Begriffe Nominalzins und Effektivzins suchen nicht wenige Bürger im Fremdwörterbuch und das sowohl im Kredit- wie auch im Anlagegeschäft.
  • Verfasser kritischer Artikel in der Fachpresse, Ersteller von schwarzen Listen und sonstigen Warnmeldungen werden im Auftrag der Initiatoren dubioser Geldanlagen von deren ominösen Rechtsanwaltskanzleien mit Klagen überzogen, bis sie aufgeben. Bezahlt werden diese Rechtsanwaltskanzleien nicht selten mit eben jenem "Dumb German Money" – dem Geld der nichts ahnenden, zumeist völlig naiven Anleger.

Kritische Artikel sind unerwünscht, da schlecht fürs Geschäft

Kann ja wohl nicht sein, sagen Sie? Oh doch. Denn kritische Artikel sind letztlich doch recht hinderlich für den Vertrieb dubioser Geldanlagen. Und für den Vertrieb darf auch gern das ganze Geld der Anleger „verbraten“ werden. Steht dann ganz offiziell im so furchtbar langweiligen, von der BaFin geprüften offiziellen Verkaufsprospekt. Zitat aus solch einem Prospekt: „Das über die Emission in das Vermögen der Gesellschaft fließende Kapital steht der … zur freien Verfügung. Das Emissionskapital wird deshalb sowohl für Investitionen als auch zur Finanzierung der laufenden Kosten der Gesellschaft, insbesondere zur Deckung der Emissionskosten, eingesetzt. Sollte der … aus der Emission nur wenig Kapital zufließen, besteht das Risiko, dass das Kapital weitgehend oder vollständig zur Deckung der Emissionskosten verbraucht wird und damit für Investitionen nicht zur Verfügung steht.“ Alles klar? Anscheinend aber nicht, denn selbst Makler vermitteln derartige Produkte.

Selbst wenn einmal warnende oder kritische Artikel erscheinen, so werden diese oft genug von den fehlgeleiteten Vermittlern „verdrängt“. Und kritische Artikel gibt es zum grauen Kapitalmarkt durchaus (mein Respekt an die mutigen Journalisten und Redakteure!):

  • http://www.fondsprofessionell.de/news/vertrieb-praxis/nid/raetselhafte-gewinne-bei-infinus-und-future-business/gid/1011792/ref/4/
  • http://www.wiwo.de/finanzen/geldanlage/oelfonds-ohne-kohle-proven-oil-treibt-anleger-in-hoch-riskantes-abkassiermodell/8493878.html
  • http://www.bild.de/ratgeber/job-karriere/stiftung-warentest/finger-weg-geldanlage-grauer-kapitalmarkt-16798092.bild.html
  • http://www.wiwo.de/finanzen/geldanlage/grauer-markt-windkraft-prokon-schuettet-viel-aus-verdient-aber-weniger/7685806-8.html

Wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist

Wie es aussieht, wenn das Kind dann in den Brunnen gefallen ist, läßt sich in Sachen S&K nachlesen. Es wird abzuwarten sein, welche Klagen da noch auf Pools und Vermittler zukommen. Andere Beispiele jüngster Zeit finden sich hier oder auch hier oder in Sachen Schiff-Fonds.

Makler verpassen Chance zur Kundengewinnung

Dabei wären gerade Makler eigentlich klar im Vorteil, wenn sie lesen würden, lassen sich aber oft genug selbst blenden. Und ja, genau hier hat Herr Thielmann leider recht, wenn er anmerkt, dass die Finanzbildung bei vielen „sogenannten“ Finanzexperten, katastrophal ist. Von daher ist es auch richtig und wichtig gewesen, dass der Gesetzgeber § 34f GewO eingeführt hat, denn bei manchem Vermittler erscheint es überaus zwingend, dass dieser zumindest ein paar Grundlagen der Finanzanlagevermittlung lernt.

Leider noch immer die Minderheit

Es gibt aber natürlich auch wirkliche, gute Versicherungs- und Finanzmakler. Bei deren Kunden liegt aber das Geld weder im grauen Kapitalmarkt noch auf dem Sparbuch und auch nicht in einer Kapitalversicherung. Hier wurde die Risikoneigung fachgerecht ermittelt und eine tatsächliche Anlagestrategie erarbeitet, die der Kunde selbst verstehen kann – auch und gerade in Verlustphasen, insofern Teile in Investmentfonds investiert sind.
Leider jedoch sind diese guten Versicherungs- und Finanzmakler noch immer in der Minderheit. Denn große Teile der Vermittlerschaft scheuen sich gar vor der Sachkundeprüfung zum § 34f GewO. Da muss die Frage erlaubt sein, auf welcher Wissensgrundlage diese Vermittler bisher Finanzanlagen vermittelten. Vorstand Thielmann bringt es auch hier auf den Punkt, wenn er meint, dass es völlig rational für einen Kleinanleger ist, lieber das Geld auf dem Sparbuch zu lassen, anstatt es einen selbsternannten Anlagespezialisten zur Vernichtung (!) anzuvertrauen.

Makler könnten viel erreichen

Dabei könnten gerade Versicherungs- und Finanzmakler durch ihre rechtliche Stellung als Interessenvertreter ihrer Mandanten (Kunden) viel erreichen!

  • Warum bieten diese Makler den Schulen nicht einen regelmäßigen Finanzunterricht an (Themen wären z. B. Prozentrechnung im Finanzbereich, Unterschied Effektiv-/Nominalzins anhand von Beispielen im Kredit- und Anlagebereich, wie funktioniert ein Geldkreislauf, worin unterscheiden sich Kredit- und Anlageangebote, wie funktionieren Sparpläne, was bringt eine Anlage wirklich, wie erkenne ich unseriöse Angebote, was bedeutet der Begriff „Grauer Kapitalmarkt“ usw.).
  • Warum gehen diese Makler nicht offensiv auf ihre Kunden auch in Sachen Geldanlage zu? So z. B. mit Kundenveranstaltungen, welche ohnehin die gleichen Themen beinhalten können wie die vorstehend genannten Vorträge an den Schulen?
  • Warum warnen diese Makler ihre Kunden – insbesondere wenn es sich um Kleinsparer mit Anlagen unter 100.000 Euro oder Monatsbeiträgen unter 1.000 Euro handelt nicht eindeutig vor dem grauen Kapitalmarkt?
  • Betreuen Makler Ihre Kunden überhaupt auch in Geldanlageangelegenheiten?

Es gibt noch viel Arbeit und viel zu verdienen

Sie sehen, es gibt für Makler noch viel zu tun. Ein kleines Rechenbeispiel, wenn Makler denn etwas tun würden:
Jedes Jahr werden - wie anfangs aufgezeigt - mindestens 85 Milliarden Euro Anlegergelder vernichtet. Das sind übrigens fünfundachzigtausendmillionen Euro und die Zahl sieht so aus: 85.000.000.000,00 Euro. Nur ca. 30.000 Vermittler mit § 34 f GewO werden nach Ablauf der Übergangsfrist für das Ablegen der Sachkundeprüfung schätzungsweise endgültig registriert sein. Würde man nun die verlorene Anlagesumme auf 30.000 Vermittler aufteilen, so entfiele auf jeden Vermittler eine jährliche Anlagesumme von 2.833.333,33 €. Dies über den am Anfang des Artikels genannten Zeitraum von 7 Jahren ergibt eine Summe von 19.833.333,33 Euro (ohne jede Wertsteigerung) pro Vermittler mit § 34 f GewO. Allein die Bestandscourtage darauf ist sicher nicht zu verachten und würde den meisten Vermittlern Freudentränen in die Augen treiben – Jahr für Jahr!

Kein Interesse an Freudentränen?

Wird der Kunde ordentlich beraten und das Geld z.B. in offenen Investmentfonds angelegt, dann ist allein die Bestandscourtage darauf sicher nicht zu verachten und würde den meisten Vermittlern Freudentränen in die Augen treiben – Jahr für Jahr! Und dies alles ohne dass der Kunde über den Tisch gezogen wurde. Verpassen Sie vielleicht gerade etwas?
Das Geld verwirrter und irregeführter Kunden liegt quasi auf der Straße, aber der Makler kann oder will es nicht sehen und überlässt es auch unseriösen Marktteilnehmern, die es dann wieder umwandeln in "Dumb German Money".

Viele Grüße aus dem Land des dummen Geldes sendet Ihnen Ihr

Freddy Morgengrauen

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