Glaubt man den offiziellen Selbstdarstellungen von Katar, dann ist das Emirat an der Ostküste der arabischen Halbinsel ein Paradies. Bombastische Prunkbauten werden in den Wüstensand gesetzt, in den Lobbys der teuren Hotels locken Gold und künstliche Wasserlandschaften das Auge. Der reiche Ölstaat hat sich bereits die Formel1 in die Wüste geholt – im Jahr 2022 soll die Fußballweltmeisterschaft folgen. Für viele westliche Touristen verkörpert Katar den Traum von tausendundeiner Nacht.

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Doch wer hinter die glänzende Fassade schaut, lernt auch die dunkle Seite des Staates kennen. Katar wird als absolutistische Monarchie regiert, in der die Scharia noch immer das Gesetz prägt. Seit Jahren klagt Amnesty International über Menschenrechtsverletzungen. Und aus den armen Dörfern Nepals strömen zehntausende Arbeitsmigranten in das scheinbare Paradies. Sie hoffen darauf, etwas abzubekommen vom aberwitzigen Reichtum des Zwergstaates. Aber sie finden dort oftmals nur Not und Elend.

Es sind genau jene Gastarbeiter aus Nepal, die maßgeblich am Bau der WM-Stadien beteiligt sein werden. Und die nach Recherchen des Guardian unter teils menschenunwürdigen Bedingungen hausen müssen. Sie werden eingesperrt, entrechtet und zur Arbeit gezwungen. Ihnen werden Nahrung, Wasser und Lohn verweigert. Nicht wenige bezahlen den Traum von einem besseren Leben mit dem Tod. Mehr als hundert Milliarden Dollar will Katar für die WM 2022 ausgeben, um Stadien und Infrastruktur für das sportliche Großereignis fitzumachen – doch die Gastarbeiter profitieren nicht davon.

Lusail City – Höllenjobs für das künstliche Paradies

Wer die Gegensätze in Katar kennenlernen will, der muss sich nach Lusail City begeben. Noch ist das Areal nördlich von Doha eine große Baustelle. Doch einmal soll hier eine künstliche Stadt für die Reichen und Schönen dieser Welt entstehen. 355 Hochhäuser sind geplant, 22 Hotels, unzählige Freizeit- und Erholungsstätten. Und auch das WM-Finale 2022 soll hier ausgetragen werden – in einem Stadion, das über 90.000 Menschen Platz bieten wird. Es ist der Ort, wo die Gigantomanie des neureichen Wüstenstaates auf das Elend der Gastarbeiter trifft. Tausende Arbeitsmigranten schuften hier für einen Hungerlohn.

„Die ganze Zeit gab es nichts zu essen“, berichtet der frühere Gastarbeiter Ram Kumar Mahara dem Guardian. „Wir arbeiteten täglich 12 Stunden und auch nachts bekamen wir nichts. Als ich mich beschwerte, hat mich mein Vorarbeiter angegriffen und getreten. Aus der Unterkunft wurde ich hinausgeworfen, Lohn bekam ich auch keinen. Ich musste bei anderen Arbeitern um Essen betteln“.

Andere Arbeiter berichten, dass sie die Baustellen nicht verlassen dürfen. „Wir wollen gerne raus, aber die Firma erlaubt es uns nicht“, sagt ein Migrant. „Ich bin wütend, wie uns das Unternehmen behandelt, doch wir sind hilflos“. Bewacht werden die Arbeiter von privaten Sicherheitsfirmen, die von westlichen Experten ausgebildet worden sind.

Für viele Nepalesen wird die Arbeit zur tödlichen Falle. Wegen der niedrigen Sicherheitsstandards kommt es beinahe täglich zu Unfällen. Laut Dokumenten der nepalesischen Botschaft in Doha starben allein zwischen dem 04. Juni und dem 08. August 2013 44 Arbeiter. Mehr als die Hälfte der Verstorbenen erlitt eine Herzattacke, weil ihr Körper den extremen Belastungen bei 50 Grad Hitze nicht Stand hielt. Weitere 50 Prozent starben bei Arbeitsunfällen.

Zukünftig könnte sich die Situation sogar verschlimmern. Bis zu 500.000 Gastarbeiter werden in den kommenden Jahren in Katar erwartet, vor allem aus Nepal, Indien und Sri Lanka. Das kleine Katar wird mit ihrer Unterbringung völlig überfordert sein. Schon jetzt hausen viele Migranten zu zwölft in engen Hotelzimmern, es drohen Krankheiten und Seuchen. Die internationale Gewerkschaft IGB schätzt, dass es beim Bau der WM-Stadien bis zu 600 Todesfälle im Jahr geben könnte.

“Katar ist ein offenes Gefängnis“

Doch der Weg zurück in die Heimat ist den Gastarbeitern versperrt. Fast alle haben hohe Schulden aufgenommen, um eine jener dubiosen Agenturen zu bezahlen, die Tagelöhner von Nepal nach Katar vermittelt. Es sind diese Schulden, die den Status der Arbeiter als moderne Arbeitssklaven manifestieren. Sie sorgen dafür, dass die Migranten abhängig von ihren Arbeitgebern bleiben.

Zudem werden vielen Arbeitern die Ausweise abgenommen, wenn sie über die Grenze kommen. So erhalten sie den Status von illegalen Einwanderern – und sind de facto ohne Rechte. Jederzeit können sie ins Gefängnis geworfen werden, auch eine andere Arbeit aufzunehmen ist ihnen nicht erlaubt. Wird ihnen noch der Lohn verweigert, so erfüllen sie alle Kriterien, die laut Internationaler Arbeitsorganisation (ILO) moderne Sklaverei kennzeichnet.

Da wundert es nicht, dass vielen Nepalesen nur die Flucht bleibt. Etwa 30 Gastarbeiter suchten in den letzten Monaten Schutz bei der Nepalesischen Botschaft in Doha, weil sie die Arbeitsbedingungen nicht mehr ertragen wollten. Maya Kumari Sharma, der Botschafter Nepals in Katar, hat das Emirat kürzlich als ein „offenes Gefängnis“ bezeichnet.

WM-Organisationskomitee: "Untersuchungen sind bereits eingeleitet"

Und die FIFA – müsste sie nicht einfordern, dass der WM-Gastgeber die Arbeiter fair entlohnt und menschenwürdig behandelt? Das Organisationskomitee der WM 2022 erklärte auf Anfrage des Guardian, man sei zutiefst besorgt über die Vorwürfe. Aber die verantwortlichen Behörden hätten bereits Untersuchungen gegen die beschuldigten Subunternehmer eingeleitet.

Auch das Arbeitsministerium von Katar wollte nicht den Vorwurf auf sich sitzen lassen, man dulde Sklaverei im eigenen Land. Es gebe strenge Regeln für die Arbeit in der Hitze, auch für die Einstellung von Arbeitskräften und die Bezahlung der Arbeiter, sagte ein Sprecher. Wer die Regeln nicht einhalte, müsse mit empfindlichen Strafen rechnen.

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Viele Bauprojekte in Katar werden von westlichen Firmen betreut, etwa dem britischen Unternehmen Halcrow, das zur CH2M Hill-Gruppe gehört. Auf Nachfrage des Guardian beruft sich auch Halcrow darauf, dass man die Vertragspartner in Katar zur Einhaltung von Arbeitsstandards verpflichte. Ob die Standards tatsächlich eingehalten werden, dafür sei man aber nicht zuständig.

Guardian