KI in der Versicherungsbranche: Das unterschätzte Risiko wächst im Hintergrund
Künstliche Intelligenz eröffnet der Versicherungswirtschaft enorme Chancen. Zugleich entstehen durch ihre zunehmende Vernetzung neue systemische Risiken. Warum künftig weniger die Leistungsfähigkeit der KI als ihre technologischen Abhängigkeiten über die Versicherbarkeit ganzer Wirtschaftsbereiche entscheiden könnten, erklärt der ehemalige Versicherungsmanager Alwin W. Gerlach.

Kaum eine technische Entwicklung hat in so kurzer Zeit eine vergleichbare Dynamik entfaltet wie die künstliche Intelligenz. Was zunächst als faszinierende Innovation für Forschung und Wissenschaft begann, entwickelte sich innerhalb weniger Jahre zu einem Werkzeug, das nahezu alle Bereiche des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens erreicht hat. Unternehmen investieren Milliardenbeträge in neue Anwendungen, Verwaltungen modernisieren ihre Prozesse und ganze Branchen verbinden mit künstlicher Intelligenz die Hoffnung auf mehr Effizienz, höhere Produktivität und bessere Entscheidungen.
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Auch die Versicherungswirtschaft gehört zu den frühen Anwendern. Schäden lassen sich schneller bearbeiten, Betrugsmuster früher erkennen, Tarife individueller kalkulieren und Kundenanliegen rund um die Uhr beantworten. Kaum ein Strategiekonzept, kaum eine Vorstandspräsentation und kaum eine Zukunftsstudie kommt heute ohne künstliche Intelligenz aus. Die Erwartungen sind groß und vielfach berechtigt.
Dennoch entsteht der Eindruck, dass die öffentliche Diskussion über künstliche Intelligenz lange Zeit von einer bemerkenswerten Einseitigkeit geprägt war. Im Mittelpunkt standen fast ausschließlich Chancen, Wachstum und technischer Fortschritt. Die Risiken wurden zwar erwähnt, blieben jedoch häufig auf Fragen des Datenschutzes, der Urheberrechte oder möglicher Arbeitsplatzveränderungen beschränkt.
Dabei zeichnet sich längst eine Entwicklung ab, die weit über diese Fragestellungen hinausreicht. Die eigentliche Herausforderung liegt nicht darin, dass künstliche Intelligenz immer leistungsfähiger wird. Leistungsfähige Werkzeuge hat die Menschheit in ihrer Geschichte immer wieder hervorgebracht. Neu ist vielmehr, dass dieselbe Technologie gleichzeitig immer mehr kritische Prozesse miteinander verbindet. Aus einzelnen digitalen Anwendungen entsteht Schritt für Schritt ein eng vernetztes Geflecht, in dem Entscheidungen, Datenströme und Steuerungsmechanismen ineinandergreifen. Genau darin könnte das eigentliche Risiko unserer Zeit liegen.
Wenn Vernetzung neue Risiken entstehen lässt
Versicherungen beruhen seit jeher auf der Annahme, dass Risiken analysiert, bewertet und mit ausreichender Genauigkeit kalkuliert werden können. Statistische Erfahrungswerte bilden die Grundlage für Prämien, Rückstellungen und Rückversicherungsschutz. Selbst außergewöhnliche Naturereignisse folgen bestimmten Wahrscheinlichkeiten und räumlichen Begrenzungen.
Je mehr Unternehmen dieselben Plattformen, dieselben Cloud Infrastrukturen und künftig auch dieselben leistungsfähigen KI Systeme nutzen, desto stärker wachsen gemeinsame Abhängigkeiten. Ein technischer Fehler bleibt dann nicht zwangsläufig auf ein einzelnes Unternehmen beschränkt. Er kann sich entlang digitaler Schnittstellen ausbreiten und gleichzeitig zahlreiche Organisationen erfassen, die voneinander unabhängig erscheinen und dennoch auf denselben technologischen Fundamenten stehen.
Die Gefahr entsteht dabei nicht durch ein denkendes oder gar bewusst handelndes System. Für eine solche Annahme gibt es nach heutigem wissenschaftlichem Kenntnisstand keine belastbaren Belege. Die eigentliche Gefahr entsteht dort, wo hochkomplexe technische Systeme immer stärker miteinander verbunden werden und sich dadurch Wirkungen entfalten können, deren Geschwindigkeit und Reichweite bisher kaum vorstellbar waren.
Diese Entwicklung verdient eine sachliche und nüchterne Betrachtung. Gerade weil künstliche Intelligenz enormes wirtschaftliches Potenzial besitzt, muss gleichzeitig die Frage gestellt werden, welche neuen systemischen Risiken mit ihrer immer weiter zunehmenden Verbreitung verbunden sind. Fortschritt und Verantwortung dürfen dabei niemals Gegensätze werden. Sie gehören untrennbar zusammen.
Systemische Risiken entstehen schleichend
Die Geschichte wirtschaftlicher Krisen zeigt immer wieder ein ähnliches Muster. Nur selten entstehen große Schäden plötzlich und ohne Vorzeichen. Häufig entwickeln sie sich über Jahre nahezu unbemerkt. Neue Technologien werden eingeführt, Prozesse beschleunigt, Kosten gesenkt und Abläufe automatisiert. Jede einzelne Entscheidung erscheint sinnvoll. Erst im Rückblick wird deutlich, dass sich aus vielen vernünftigen Einzelschritten eine Abhängigkeit entwickelt hat, deren Tragweite zuvor kaum erkannt wurde. Genau an diesem Punkt steht die Diskussion über künstliche Intelligenz.
Heute sprechen wir überwiegend über die Leistungsfähigkeit der Systeme. Wir vergleichen Modelle, messen Rechengeschwindigkeiten und bewerten ihre Fähigkeit, Texte zu schreiben, Bilder zu erzeugen oder komplexe Zusammenhänge zu analysieren. Weitaus weniger Aufmerksamkeit erhält eine andere Entwicklung. Immer mehr Unternehmen verlassen sich bei zentralen Entscheidungen auf dieselben technologischen Grundlagen. Damit entstehen Konzentrationen, die weit über einzelne Anwendungen hinausreichen.
Fällt eine Maschine aus, lässt sie sich ersetzen. Fällt jedoch eine digitale Infrastruktur aus, auf der tausende Unternehmen gleichzeitig aufbauen, verändert sich die Dimension des Risikos grundlegend. Dann geht es nicht mehr um einen einzelnen Schadenfall, sondern um die Stabilität ganzer Wertschöpfungsketten.
Diese Entwicklung betrifft längst nicht mehr nur die digitale Wirtschaft. Energieversorger steuern Netze mit intelligenten Systemen. Krankenhäuser arbeiten mit KI gestützten Diagnoseverfahren. Banken automatisieren Kreditentscheidungen. Industrieunternehmen vernetzen Produktionsprozesse. Logistikunternehmen koordinieren weltweite Lieferketten in Echtzeit. Öffentliche Verwaltungen beginnen ebenfalls, künstliche Intelligenz in ihre Arbeitsabläufe zu integrieren.
Jede dieser Anwendungen kann für sich betrachtet sinnvoll sein. Zusammengenommen entsteht jedoch eine Vernetzung, deren Risiken sich nicht mehr isoliert betrachten lassen.
Ein aktueller Hinweis aus der Praxis
Dass selbst die führenden Entwickler künstlicher Intelligenz dieser Entwicklung mit großer Aufmerksamkeit begegnen, zeigt ein aktuelles Beispiel. OpenAI berichtete vor kurzem über einen sicherheitsrelevanten Vorfall im Rahmen interner Tests eines besonders leistungsfähigen Systems. Nach Angaben des Unternehmens wurden daraufhin zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen und Kontrollmechanismen eingeführt. Unabhängig von den technischen Einzelheiten wird damit eines deutlich. Die Entwickler selbst betrachten Sicherheit längst nicht mehr als nachgelagertes Thema, sondern als zentrale Voraussetzung für den weiteren Fortschritt.
Diese Erkenntnis sollte auch außerhalb der Technologiebranche aufmerksam verfolgt werden. Denn die entscheidende Frage lautet nicht, ob künstliche Intelligenz Fehler machen kann. Fehler gehören zu jeder technischen Entwicklung. Entscheidend ist vielmehr, welche Auswirkungen ein Fehler entfalten kann, wenn Millionen von Anwendungen, Unternehmen und Infrastrukturen miteinander verbunden sind. Hier verändert sich das Verständnis von Risiko. Nicht die Intelligenz der Systeme ist der Maßstab. Die Reichweite ihrer Wirkung ist es.
Damit erhält künstliche Intelligenz eine versicherungswirtschaftliche Bedeutung, die weit über klassische Cyberrisiken hinausgeht. Sie berührt die Stabilität wirtschaftlicher Prozesse und damit eine der zentralen Grundlagen jeder Versicherbarkeit.
Die Versicherungswirtschaft steht vor einer neuen Risikodimension
Die Versicherungswirtschaft hat sich immer wieder als anpassungsfähig erwiesen. Neue Technologien, veränderte Lebensgewohnheiten und wirtschaftliche Umbrüche führten regelmäßig dazu, dass Risiken neu bewertet, Produkte weiterentwickelt und Kalkulationsgrundlagen angepasst wurden. Gerade diese Fähigkeit gehört seit jeher zu den großen Stärken der Branche.
Die Entwicklung künstlicher Intelligenz stellt jedoch eine Herausforderung dar, die sich von vielen früheren Veränderungen unterscheidet.
Traditionelle Versicherungsmodelle beruhen auf Erfahrungswerten. Aus einer großen Zahl vergleichbarer Schadenereignisse lassen sich Wahrscheinlichkeiten ableiten. Rückversicherer ergänzen diese Modelle durch umfangreiche Naturgefahrenanalysen, Katastrophenszenarien und Kumulberechnungen. Über Jahrzehnte hinweg sind daraus Verfahren entstanden, die weltweit als Maßstab für professionelles Risikomanagement gelten.
Künstliche Intelligenz verändert diese Ausgangslage. Nicht deshalb, weil bestehende Modelle unbrauchbar würden. Vielmehr entsteht eine zusätzliche Ebene der Risikobetrachtung. Neben Naturereignissen, technischen Ausfällen oder wirtschaftlichen Entwicklungen treten digitale Abhängigkeiten, die sich nicht an geografischen Grenzen orientieren. Ein Ereignis kann sich nahezu zeitgleich in zahlreichen Ländern auswirken, ohne dass zwischen den betroffenen Unternehmen unmittelbare Geschäftsbeziehungen bestehen. Gerade hierin liegt die eigentliche Herausforderung.
Versicherer werden künftig noch stärker untersuchen müssen, welche gemeinsamen technologischen Abhängigkeiten innerhalb ihrer Bestände bestehen. Unternehmen aus völlig unterschiedlichen Wirtschaftszweigen können heute dieselben Cloud Plattformen nutzen, auf identischen Softwarearchitekturen arbeiten oder vergleichbare KI Modelle einsetzen. Äußerlich erscheinen diese Risiken unabhängig. Tatsächlich können sie durch dieselbe technische Grundlage miteinander verbunden sein.
Für das Underwriting eröffnet sich damit ein neues Aufgabenfeld. Neben der Bonität eines Unternehmens, seiner Branche oder seinem individuellen Sicherheitsniveau gewinnt die Frage an Bedeutung, auf welchen digitalen Fundamenten seine Geschäftsprozesse beruhen. Digitale Konzentrationen könnten sich künftig als ebenso bedeutsam erweisen wie geografische Konzentrationen oder Naturgefahrenzonen.
Auch Rückversicherer werden ihre Modelle kontinuierlich weiterentwickeln müssen. Die klassische Betrachtung von Kumulschäden erhält eine zusätzliche Dimension. Während Naturkatastrophen räumlich begrenzt bleiben, können digitale Ereignisse eine erhebliche internationale Reichweite entfalten. Das bedeutet nicht zwangsläufig höhere Schäden, wohl aber eine andere Struktur möglicher Schadenverläufe.
Damit verändert sich auch die Diskussion über Cyberversicherungen. Bisher standen häufig Angriffe einzelner Tätergruppen, Datenverluste oder Betriebsunterbrechungen im Mittelpunkt. Künftig könnte stärker in den Vordergrund rücken, welche Auswirkungen systemische Störungen auf ganze Wirtschaftsbereiche haben. Die Übergänge zwischen Cyberrisiko, Betriebsunterbrechung, Vermögensschaden und Haftung könnten fließender werden als bisher.
Dies verlangt keine grundlegende Abkehr von bewährten Versicherungsprinzipien. Es verlangt jedoch den Mut, vertraute Annahmen regelmäßig zu hinterfragen und neue Entwicklungen frühzeitig in die Risikomodelle einzubeziehen. Gerade darin lag stets eine besondere Stärke der Versicherungswirtschaft. Sie reagierte nicht erst auf eingetretene Schäden, sondern versuchte, zukünftige Entwicklungen möglichst früh zu erkennen. Vielleicht beginnt genau jetzt eine solche Phase des Umdenkens.
Fortschritt verlangt Verantwortung
Die Geschichte technischer Innovationen ist zugleich eine Geschichte wachsender Verantwortung. Jede bedeutende Erfindung hat den Menschen neue Möglichkeiten eröffnet. Sie hat Wohlstand geschaffen, Krankheiten bekämpft, Kommunikation erleichtert und wirtschaftliche Entwicklung beschleunigt. Gleichzeitig zeigte sich immer wieder, dass technischer Fortschritt nur dann dauerhaft Vertrauen schafft, wenn seine Risiken mit derselben Sorgfalt betrachtet werden wie seine Chancen.,Vor genau dieser Aufgabe stehen wir heute erneut.
Künstliche Intelligenz wird unser Leben verändern. Daran bestehen kaum noch Zweifel. Sie wird Arbeitsabläufe vereinfachen, medizinische Diagnosen verbessern, wissenschaftliche Forschung beschleunigen und Unternehmen dabei helfen, komplexe Zusammenhänge schneller zu erkennen. Auf viele dieser Entwicklungen dürfen wir mit Recht hoffen.
Gerade deshalb sollte die Diskussion nicht von Euphorie oder Skepsis bestimmt werden, sondern von Verantwortungsbewusstsein.
Für die Versicherungswirtschaft bedeutet dies mehr als die Entwicklung neuer Produkte. Sie wird sich noch intensiver mit systemischen Risiken beschäftigen müssen, deren Ursachen nicht in einzelnen Unternehmen liegen, sondern in gemeinsamen technologischen Abhängigkeiten. Kumulrisiken werden künftig nicht allein durch Naturereignisse oder wirtschaftliche Krisen geprägt. Auch digitale Infrastrukturen, weltweit genutzte Plattformen und hochentwickelte KI Systeme können zu Faktoren werden, die Schadenereignisse miteinander verbinden.
Dies ist keine Prognose eines unausweichlichen Szenarios. Es ist vielmehr eine Einladung, frühzeitig über Entwicklungen nachzudenken, bevor sie den Markt bestimmen. Gerade darin lag seit jeher eine der wichtigsten Aufgaben der Versicherungswirtschaft. Risiken sichtbar zu machen, lange bevor sie sich verwirklichen.
Vielleicht werden Historiker eines Tages feststellen, dass die größte Leistung künstlicher Intelligenz nicht in ihrer Rechenleistung lag. Vielleicht werden sie aber ebenso fragen, ob wir rechtzeitig verstanden haben, dass jede neue Form technischer Vernetzung zugleich eine neue Form gemeinsamer Verwundbarkeit geschaffen hat.
Die eigentliche Herausforderung liegt deshalb nicht in der Frage, wie intelligent Maschinen werden können. Sie liegt in unserer Fähigkeit, ihre Wirkung verantwortungsvoll zu begrenzen, ihre Abhängigkeiten transparent zu machen und ihre Risiken mit derselben Konsequenz zu beherrschen, mit der wir ihre Möglichkeiten nutzen wollen.
Vertrauen entsteht nicht durch Innovation allein. Vertrauen entsteht dort, wo Fortschritt und Verantwortung miteinander wachsen.
Vielleicht ist genau das die wichtigste Erkenntnis, die künstliche Intelligenz unserer Zeit hinterlässt. Nicht ihre Intelligenz entscheidet über ihren Nutzen. Entscheidend ist, wie klug wir Menschen mit ihrer immer stärkeren Vernetzung umgehen.
Die Zukunft der künstlichen Intelligenz wird deshalb nicht allein in Rechenzentren, Entwicklungsabteilungen oder politischen Gremien entschieden. Sie wird dort entschieden, wo Verantwortung übernommen wird. In Unternehmen, in Aufsichtsbehörden, in der Wissenschaft und nicht zuletzt in einer Versicherungswirtschaft, deren Aufgabe seit jeher darin besteht, Unsicherheit beherrschbar zu machen.
Wer heute über künstliche Intelligenz spricht, sollte deshalb nicht nur über ihre Möglichkeiten sprechen. Er sollte ebenso über ihre Grenzen sprechen. Denn nachhaltiger Fortschritt entsteht nicht dadurch, dass alles technisch Machbare umgesetzt wird. Nachhaltiger Fortschritt entsteht dort, wo Innovation und Verantwortung dauerhaft im Gleichgewicht bleiben. So betrachtet liegt die größte Gefahr der künstlichen Intelligenz tatsächlich nicht in ihrer Intelligenz. Sie liegt in der Vernetzung ihrer Wirkung.
