KI sorgt für Arbeitsplatzängste in der Versicherungsbranche
Künstliche Intelligenz ist in der Versicherungsbranche längst angekommen. Doch die versprochenen Entlastungen lassen aus Sicht vieler Beschäftigter noch auf sich warten. Stattdessen wachsen Sorgen um Arbeitsverdichtung, Kontrolle und den eigenen Arbeitsplatz.

Für viele Beschäftigte in der Versicherungswirtschaft gehört der Einsatz von Künstlicher Intelligenz inzwischen zum Arbeitsalltag. Doch während Unternehmen die Technologie als Effizienztreiber und Zukunftsinvestition betrachten, fällt das Urteil vieler Mitarbeiter deutlich zurückhaltender aus. Das zeigt eine aktuelle Befragung der Gewerkschaft ver.di unter mehr als 8.000 Beschäftigten privater Versicherungsunternehmen.
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Demnach spüren acht von zehn Befragten bislang keine Verringerung ihres Arbeitspensums durch den Einsatz von KI. Fast neun von zehn Beschäftigten geben zudem an, dass die Technologie ihren täglichen Arbeitsdruck bislang nicht reduziert habe. Für mehr als 40 Prozent ist die Einführung von KI sogar mit Sorgen um den eigenen Arbeitsplatz verbunden. Besonders ausgeprägt sind diese Ängste bei Beschäftigten mit niedrigeren Einkommen.
Dabei lehnen die Mitarbeiter die neue Technologie keineswegs grundsätzlich ab. Im Gegenteil: Die Befragung zeigt, dass viele Beschäftigte die Chancen von Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz durchaus erkennen. Rund 40 Prozent sehen in besseren digitalen Anwendungen und KI-Tools das Potenzial, Arbeitsabläufe künftig spürbar zu erleichtern.
„Die Beschäftigten sind dabei alles andere als technologiefeindlich“, betont Deniz Kuyubasi, Bundesfachgruppenleiterin Versicherungen bei ver.di. Denn aktuell würden bereits drei von vier Befragten nach eigenen Angaben KI oder KI-basierte Anwendungen nutzen. Besonders verbreitet ist die Nutzung bei jüngeren Beschäftigten sowie in höheren Einkommensgruppen. Dennoch bleibt die erhoffte Entlastung vielerorts aus. „Am Arbeitsplatz sind noch viel zu wenig echte Verbesserungen zu spüren“, sagt Kuyubasi. Aus Sicht der Gewerkschaft sei dies ein klarer Auftrag, gemeinsam mit den Arbeitgebern verbindliche Regeln für die Einführung und Nutzung von KI zu schaffen.
ver.di fordert klare Leitplanken
Derzeit verhandeln ver.di und der Arbeitgeberverband der Versicherungsunternehmen (AGV) über einen Transformationsrahmentarifvertrag. Dieser soll zentrale Fragen rund um Digitalisierung, Automatisierung und den Einsatz von KI regeln. Für die Beschäftigten hat das Thema hohe Priorität. Rund 60 Prozent der Befragten fordern klare Regelungen für den Einsatz von KI. Im Mittelpunkt stehen dabei die Sicherung von Arbeitsplätzen und Standorten, Weiterbildungsansprüche, Mitbestimmungsrechte sowie der Ausschluss von Leistungs- und Verhaltenskontrollen durch KI-Systeme.
„Wir wollen, dass vor der Einführung von KI-Systemen die Auswirkungen auf Beschäftigung, Qualifikation und Arbeitsbedingungen transparent bewertet werden – damit es wirklich zu Entlastungen und Verbesserungen für die Beschäftigten kommt. Und nicht einfach nur zu Technik-Chaos und Arbeitsverdichtung“, erklärt Kuyubasi.
Grundsätzlich könne KI Beschäftigte bei Routineaufgaben, Recherchen oder Dokumentationsarbeiten unterstützen. Entscheidend sei jedoch die Art der Einführung. Nach Einschätzung von ver.di entstehen Probleme insbesondere dann, wenn neue Systeme ohne ausreichende Schulungen, ohne genügend Zeit zur Einarbeitung oder ohne Mitbestimmung eingeführt werden. Viele Beschäftigte berichten laut Befragung von zusätzlichen Korrekturschleifen, mehr Kontrollaufwand und einer steigenden Verantwortung, ohne dass ihnen gleichzeitig ausreichend Unterstützung zur Verfügung gestellt werde.
Für Kuyubasi geht es deshalb nicht nur um technische Fragen: „Wenn KI vor allem zur Kostensenkung, Leistungsverdichtung oder zum Personalabbau eingesetzt wird, verlieren Beschäftigte Vertrauen. So entsteht keine Offenheit für Veränderung, sondern Angst.“
Die nächste Verhandlungsrunde zwischen ver.di und dem Arbeitgeberverband ist für Ende Juni 2026 angesetzt. Für die Versicherungsbranche dürfte dabei eine zentrale Frage im Mittelpunkt stehen: Wie kann Künstliche Intelligenz so eingesetzt werden, dass Unternehmen effizienter werden, ohne das Vertrauen der Beschäftigten zu verlieren?
