Wohngebäudeversicherung: Warum Beitragsanpassungen allein nicht ausreichen
Die Wohngebäudeversicherung wiegt sich in trügerischer Sicherheit. Zwar wurden zuletzt wieder schwarze Zahlen geschrieben. Doch das gute Ergebnis 2025 sei vor allem dem Ausbleiben großer Naturkatastrophen geschuldet.

Die Wohngebäudeversicherung scheint nach Jahren hoher Verluste wieder auf Kurs zu sein. Mit einer Combined Ratio von rund 87 Prozent für das Jahr 2025 weist die Sparte erstmals seit Langem ein deutlich positives Ergebnis aus. Doch der Grund für die verbesserte Bilanz liegt vor allem in einem außergewöhnlich schadenarmen Jahr. Größere Überschwemmungen und andere kostspielige Naturkatastrophen blieben 2025 weitgehend aus. An den strukturellen Problemen der Sparte habe sich dagegen wenig geändert.
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„Ein gutes Schadenjahr heilt keine strukturelle Untertarifierung“, warnt Dr. Dirk Schmidt-Gallas, Senior Partner und Gründer der globalen Insurance Practice von Simon-Kucher. Die aktuelle Entwicklung dürfe nicht darüber hinwegtäuschen, dass viele Bestände weiterhin nicht risikoadäquat kalkuliert seien.
Ein Blick auf die langfristige Entwicklung unterstreicht diese Einschätzung. Zwischen 1996 und 2025 lag die durchschnittliche Combined Ratio in der Wohngebäudeversicherung bei rund 106 Prozent. Werden zusätzlich Rückversicherungskosten und kalkulatorische Kapitalkosten berücksichtigt, steigt die wirtschaftliche Combined Ratio sogar auf etwa 118 Prozent. Damit erwirtschaftet die Sparte ihre tatsächlichen Kosten seit Jahren nicht aus eigener Kraft.
Hinzu kommt die hohe Volatilität des Geschäfts. Einzelne Extremwetterereignisse können die Schadenbilanz eines Jahres massiv belasten. Gerade deshalb sei ein einzelnes schadenarmes Jahr kein belastbarer Indikator für eine nachhaltige Gesundung. Vor diesem Hintergrund geraten auch Beitragsanpassungen in den Fokus. Doch deren Wirkung ist begrenzt. Die in der Wohngebäudeversicherung übliche gleitende Neuwertversicherung gleicht zwar steigende Bau- und Wiederherstellungskosten aus, sie beseitigt jedoch keine dauerhaft zu niedrige Tarifkalkulation.
„Beitragsanpassungsklauseln stabilisieren ein tragfähiges Kalkulationssystem – sie reparieren kein strukturell falsch bepreistes Portfolio“, betont Dr. Per-Johan Horgby, Mitglied des Vorstands der Württembergische Versicherung AG. Was über Jahre hinweg zu günstig kalkuliert worden sei, lasse sich im Bestand nur begrenzt nachträglich korrigieren. Statt pauschaler Beitragserhöhungen sehen die Experten deshalb eine umfassende Bestandsanalyse als entscheidenden Hebel. Versicherer müssten ihre Portfolios deutlich stärker nach individuellen Risikomerkmalen differenzieren. Dazu gehören unter anderem Schadenhistorien, regionale Naturgefahrenrisiken, Baukostenentwicklungen sowie Rückversicherungs- und Kapitalkosten.
Die Herausforderung endet jedoch nicht beim Bestand. Auch im Neugeschäft dürften Versicherer nicht erneut den Fehler machen, Wachstum über aggressive Preisstrategien einzukaufen. „Eine Sanierung kann nicht gelingen, wenn alte Tarifgenerationen mühsam korrigiert werden, während neues Geschäft erneut zu knapp kalkuliert wird“, erklärt Schmidt-Gallas. Besonders anspruchsvoll dürfte dabei die Kommunikation mit Kunden werden. Notwendige Anpassungen müssten nachvollziehbar erklärt und transparent vermittelt werden. Übergangslösungen oder zielgerichtete Kompensationen könnten dabei helfen, die Akzeptanz zu erhöhen.
Die Branche sollte das vergleichsweise ruhige Jahr 2025 als Chance nutzen, um ihre Bestände wetterfest zu machen. „Die Branche muss jetzt handeln, solange sie noch selbst gestalten kann“, mahnt Horgby. Schmidt-Gallas ergänzt: „Wer Risiken angemessen kalkuliert, Bestände systematisch überprüft und Schutz langfristig tragfähig organisiert, sichert nicht nur Profitabilität. Er bewahrt auch unternehmerische Handlungsfreiheit.“
Ob die aktuelle Erholung von Dauer ist, dürfte sich spätestens mit dem nächsten größeren Naturereignis zeigen. Das Jahr 2025 sei daher weniger eine Entwarnung als vielmehr eine Atempause und die Frage bleibe, ob die Branche diese Zeit für die notwendigen strukturellen Anpassungen nutzt.

