Ihre eigentliche Wirkung entfalten KI-Systeme an anderer Stelle: Kunden informieren sich vor Beratungsgesprächen intensiver, stellen detailliertere Fragen und erwarten schnellere, präzisere Antworten. Für Versicherer und Makler entsteht daraus kein unmittelbarer Verdrängungsdruck, aber ein klarer Anpassungsauftrag: Wer Vertrauen sichern will, muss eigene spezialisierte KI-Systeme einsetzen, fachliche Qualität gewährleisten und persönliche Beratung mit digitaler Leistungsfähigkeit verbinden.

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Warum Big Tech nicht zur direkten Bedrohung wird

Die Sorge, Google, Amazon, Meta und mittlerweile OpenAI, Claude, Gemini oder andere Big-Tech-Konzerne könnten die Versicherungsbranche überrollen, gehört seit Jahren zum Standardrepertoire digitaler Zukunftsdebatten. Fabian Wesemann, Mitgründer von Wefox und CEO von Afori, sieht das im Podcast „Die Versicherungsbranche in 2030 Tagen“ deutlich nüchterner. Im Versicherungsbote-Podcast sagt er: „Da bin ich relativ klar. Also ich glaube, die Big Techs werden auf keinen Fall Versicherer werden.“ Seine Begründung: Die Tech-Konzerne hätten „viel zu viele andere Baustellen“ und konzentrierten sich darauf, selbst Vorreiter bei Künstlicher Intelligenz zu sein.

Zugleich verweist er im Gespräch darauf, dass die Versicherungsbranche ein stark regulierter Markt bleibt. Beim Umgang mit Kundendaten, KI-Systemen und automatisierten Prozessen gehe es nicht nur um technische Machbarkeit, sondern um Datenschutz, Aufsicht und regulatorische Leitplanken. Afori habe sich deshalb von Anfang an DSGVO-konform, ISO-zertifiziert und „in Line mit dem EU AI Act“ aufgestellt. Gerade diese Anforderungen machen deutlich, warum Big Techs nicht einfach nebenbei zu Versicherern werden: Wer in der Assekuranz tätig ist, muss nicht nur gute Technologie liefern, sondern Verantwortung für sensible Daten, Beratung, Dokumentation und Haftung übernehmen.

Damit verschiebt sich die Debatte. Die eigentliche Gefahr liegt nicht darin, dass ChatGPT, Claude oder Gemini morgen eigene Versicherungsprodukte kalkulieren, Risiken zeichnen oder Schadenfälle regulieren. Viel relevanter ist, dass diese Systeme die Kundenvorbereitung verändern. Big Tech wird für Versicherer und Vermittler damit weniger zum direkten Wettbewerber als zur Erwartungsmaschine.

Kunden kommen mit KI-generierten Fragen

Wesemann beschreibt genau diese Veränderung im Podcast: „Der Endkonsument [wird] bei ChatGPT, bei Claude, bei Gemini einfach sich informieren“ und dann „mit einer komplett anderen Vorbereitung in einen Termin“ kommen. Aus einer allgemeinen Anfrage kann so eine E-Mail mit 20 KI-generierten Detailfragen zu Ausschlüssen, Leistungsauslösern, Tarifunterschieden oder Obliegenheiten werden.

Für Vermittler ist das ambivalent. Einerseits kommen Kunden informierter ins Gespräch. Andererseits sind KI-Antworten nicht automatisch richtig. Gerade bei Versicherungsbedingungen, Gesundheitsfragen, Deckungsausschlüssen oder Leistungsfällen können falsche Annahmen gravierende Folgen haben. Beratung wird dadurch nicht überflüssig, sondern anspruchsvoller: Der Makler muss nicht nur erklären, sondern auch einordnen, korrigieren und Vertrauen herstellen. Wesemann formuliert die Konsequenz klar: Wenn der Kunde sich von KI Fragen vorbereiten lässt und diese an den Makler weiterleitet, werde es schwierig, wenn Vermittler alles selbst „durchgehen, durchlesen, im Bedingungswerk nachlesen“ und einzeln beantworten müssten. Genau hier entsteht der Anpassungsdruck.

Makler brauchen eigene Versicherungs-KI

Die Antwort darauf kann nicht sein, KI auf Kundenseite zu ignorieren. Wesemann sieht vielmehr die Notwendigkeit, dass Vermittler selbst mit spezialisierten KI-Systemen arbeiten. Der Makler müsse „seine eigene KI“ haben, die auf Versicherungen spezialisiert sei, innerhalb regulatorischer Leitplanken arbeite und auf echtes Versicherungswissen zugreifen könne.
Der Unterschied ist entscheidend: Allgemeine Sprachmodelle können Fragen gut formulieren und Informationen verständlich aufbereiten. Fachlich belastbare Beratung erfordert jedoch geprüfte Datenquellen, aktuelle Bedingungswerke, Dokumentation und Verantwortlichkeiten. Genau hier liegt der künftige Wettbewerbsvorteil. Nicht die bloße Nutzung von KI entscheidet, sondern ihre Einbettung in Prozesse, Wissen und Compliance.

Auch aktuelle Branchenanalysen stützen diese Sicht. Deloitte beschreibt hybride Vertriebsmodelle aus digitalen Kanälen und persönlicher Beratung als zentrale Antwort auf veränderte Kundenerwartungen. Generative KI könne Service, Underwriting, Content-Erstellung und Produktinnovation verändern, werde aber vor allem dort wertvoll, wo sie in konkrete Prozesse integriert wird. McKinsey sieht KI ebenfalls besonders dort als Hebel, wo dokumentenintensive Aufgaben, Schadenprozesse, Policierung oder Risikoprüfung effizienter gestaltet werden können.

Regulierung wird zum Vertrauensfaktor

Dass Versicherer und Vermittler nicht einfach jedes KI-Tool unkontrolliert einsetzen können, ist kein Nachteil, sondern Teil des Vertrauensversprechens. Gerade weil Versicherung auf sensiblen Gesundheits-, Finanz- und Vertragsdaten beruht, wird regulierter KI-Einsatz zum Qualitätsmerkmal. Kunden werden künftig genauer darauf achten, wem sie ihre Daten anvertrauen und ob Systeme nachvollziehbar, sicher und fachlich korrekt eingesetzt werden.

Wesemann betont im Podcast, dass die Branche auch künftig „extrem reguliert“ sein werde und ergänzt: „Ich glaube auch, dass das auch gut so ist.“ Entscheidend sei, dass Kunden wissen, dass ihre Daten nicht „irgendwo im Darknet landen“, sondern verantwortungsvoll verarbeitet werden.

Damit wird Regulierung nicht nur als Bremse sichtbar, sondern als Schutzraum. Sie verhindert zwar, dass Big Techs ohne Weiteres in die Rolle von Versicherern schlüpfen. Gleichzeitig zwingt sie Versicherer und Vermittler dazu, KI nicht nur schnell, sondern kontrolliert und vertrauenswürdig einzusetzen.

Der Mensch wird nicht ersetzt, sondern wichtiger

Wesemanns zentrale These lautet deshalb nicht, dass KI den Menschen aus der Beratung verdrängt. Im Gegenteil: „Ich glaube, dass der Mensch viel wichtiger wird.“ Vertrauen entstehe auch künftig dadurch, „dass man Zeit miteinander verbringt, dass man aufeinander eingehen kann“. Allerdings werde der Mensch nur dann stärker, wenn er auf ein KI-basiertes Backoffice zugreifen könne.

Das verändert die Rolle des Maklers. Routineprozesse, E-Mail-Vorbereitung, Recherche, Schadenkommunikation oder Terminvorbereitung können stärker automatisiert werden. Die freiwerdende Zeit fließt idealerweise nicht in weniger Beratung, sondern in bessere Beratung: mehr Einordnung, mehr Empathie, mehr individuelle Begleitung.

Fazit: Big Tech verkauft keine Police, verändert aber die Messlatte für die Kundenkommunikation

Die These lautet also nicht: KI ersetzt Versicherer oder Makler. Sondern: KI verändert Vorbereitung, Geschwindigkeit und Anspruchsniveau. ChatGPT, Claude und Gemini werden voraussichtlich keine Versicherer. Aber sie sorgen dafür, dass Kunden besser vorbereitet, kritischer und mit konkreteren Fragen in Beratungsgespräche kommen.

Für Versicherer und Vermittler ist das keine Entwarnung, sondern ein Arbeitsauftrag. Sie müssen eigenes KI-Wissen aufbauen, Prozesse automatisieren, fachliche Qualität sichern und Beratung stärker als Vertrauensleistung positionieren. Big Tech verkauft dann vielleicht keine Police – verändert aber sehr wohl, was Kunden von denen erwarten, die es tun.

Das vollständige Gespräch mit Fabian Wesemann können Sie direkt hier hören oder im Versicherungsfunk auf Spotify & Apple-Podcasts und überall, wo es Podcasts gibt.