Versicherungsvertrieb vor Umbruch
Der europäische Versicherungsvertrieb steht vor einem Wendepunkt. Nach Jahren des Wachstums durch steigende Prämien zählen nun Technologie, Spezialisierung und Integrationskraft. Wer Kundenzugang, Daten und KI beherrscht, dürfte künftig zu den Gewinnern gehören.

Der europäische Versicherungsvertriebsmarkt tritt nach Einschätzung der M&A-Beratung MarshBerry in eine neue Phase ein. Der bisherige Wachstumsschub durch steigende Prämien verliert an Kraft – und damit rücken strukturelle Unterschiede zwischen Marktteilnehmern stärker in den Vordergrund. Der aktuelle Report „The State of European Insurance Distribution M&A Market“ sieht den Markt deshalb an einem Scheideweg.
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In den vergangenen zehn Jahren profitierte die Branche von Konsolidierung und einem Umfeld steigender Prämien. Dieses Marktumfeld habe zahlreiche Geschäftsmodelle getragen. Nun normalisiere sich die Lage. Seit 2015 wurden europaweit mehr als 5.200 Fusionen und Übernahmen im Versicherungsvertrieb registriert, davon rund 530 allein im Jahr 2025. Doch Investoren agieren zunehmend selektiv, Bewertungen entwickeln sich stärker auseinander.
„Das Umfeld, das in den letzten Jahren ein breit angelegtes Wachstum begünstigt hat, normalisiert sich wieder. Skalierung bleibt nach wie vor wichtig. Doch daneben beobachten wir eine zunehmende Kluft zwischen Plattformen mit marktführender Umsetzungs- und Integrationsstärke und solchen ohne“, erklärt Fabian Seul, Managing Director bei MarshBerry in München.
KI verändert die Spielregeln im Vertrieb
Besonders deutlich wird der Wandel laut Report beim digitalen Kundenzugang. Künstliche Intelligenz beeinflusse zunehmend, wie Versicherungen gekauft, verwaltet und verglichen werden. Entscheidend seien künftig jene Plattformen, die Kundenschnittstellen, Datenflüsse und Prozesse kontrollieren. „Der Versicherungsvertrieb konzentriert sich wirtschaftlich immer stärker auf eine begrenzte Anzahl von Kontrollpunkten. Dazu gehören die Schnittstelle zum Kunden, die Datenerhebung und das Management sowie der Workflow“, sagt Seul.
Damit steigt der Druck auf klassische Vermittlermodelle, die technologisch nicht ausreichend aufgestellt sind. Wer diese Kontrollpunkte operativ integriere, könne Marktanteile gewinnen. Andere dürften unter Druck geraten.
Auch auf Investorenseite zeigt sich ein Strategiewechsel. Zwar waren 2025 noch 61 Prozent der Transaktionen Private-Equity-finanziert, doch Kapital werde gezielter eingesetzt. Statt bloßer Größe zählen nun organisches Wachstum, funktionierende Integration, Managementqualität und der konkrete Einsatz von KI. Besonders gefragt sind spezialisierte Makler, Gewerbe- und Mittelstandsplattformen sowie MGA-Modelle (Managing General Agent). Generalisten – vor allem im standardisierten Privatkundengeschäft – geraten dagegen stärker unter Bewertungsdruck.
Europa konsolidiert unterschiedlich schnell
Je nach Region verläuft die Marktkonsolidierung in Europa unterschiedlich. Großbritannien und Skandinavien gelten als reife Märkte mit sinkender Deal-Aktivität. Dort dominieren kleinere Ergänzungszukäufe. In Benelux bleibt der Markt aktiv, während die Niederlande bereits in einer späten Konsolidierungsphase angekommen sind.
Deutschland, Österreich und die Schweiz bilden laut MarshBerry einen großen, aber selektiven Markt. Käufer im DACH-Raum achten besonders auf Qualität, Profitabilität und Integrationsfähigkeit.
Frankreich, Italien, Spanien und Portugal erleben dagegen eine dynamischere Konsolidierung – begünstigt durch fragmentierte Märkte, Nachfolgethemen und frisches Kapital. In Mittel- und Osteuropa steckt dieser Prozess vielerorts noch in den Anfängen.
Zusätzliche Unsicherheit bringen geopolitische Krisen. Laut MarshBerry verändern Konflikte und globale Spannungen die Risikoeinschätzung spürbar. „Geopolitische Schocks wie der Irankrieg führen zu einer Anpassung der Risikoeinschätzung auf den Versicherungsmärkten“, unterstreicht Seul. Besonders in Marine-Versicherung und politischen Risiken seien steigende Prämien zu beobachten.
