Die deutsche Versicherungswirtschaft macht Druck bei der Modernisierung von Staat und Verwaltung. In einem umfangreichen Positionspapier zur Modernisierungsagenda des Bundes begrüßt der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) zwar die Reformpläne der Bundesregierung – fordert aber zugleich ein deutlich höheres Tempo bei Bürokratieabbau, Digitalisierung und effizienteren Verwaltungsprozessen.

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„Die deutschen Versicherer begrüßen die Modernisierungsagenda der Bundesregierung für Staat und Verwaltung ausdrücklich“, heißt es in dem Papier. Angesichts von Digitalisierung, Künstlicher Intelligenz und demografischem Wandel sei eine grundlegende Modernisierung staatlicher Entscheidungen, Prozesse und Strukturen „dringend erforderlich“.

Bürokratieabbau im Fokus

Besonders wichtig ist für die Branche das Handlungsfeld „spürbarer Bürokratieabbau“. Der GDV kritisiert, dass Regulierungsdichte und Bürokratiekosten gerade im Finanz- und Versicherungssektor in den vergangenen Jahren erheblich gestiegen seien.

Gefordert wird unter anderem der Abbau überflüssiger Vorgaben, Berichtspflichten und Doppelstrukturen. Zudem sollten neue Belastungen gar nicht erst entstehen. Der Verband spricht sich daher klar für eine konsequente „One-in-one-out“-Regel aus: Für jede neue bürokratische Pflicht müsse eine alte entfallen.

Kritik an EU-Regulierungsflut

Deutlich wird das Papier auch beim Blick nach Brüssel. Nach GDV-Angaben haben EU-Kommission, Europäisches Parlament und Rat allein zwischen 2019 und 2024 mehr als 77 Rechtsakte mit rund 10.000 Seiten Umfang verabschiedet. Hinzu kämen hunderte Seiten Leitlinien sowie tausende Fragen-und-Antworten-Dokumente der europäischen Aufsicht EIOPA.

Zwar verfolge die Regulierung legitime Ziele wie Verbraucherschutz oder Finanzstabilität. In der Praxis entstünden jedoch erhebliche Kosten, steigender Ressourcenaufwand und erschwerte Markteintritte. Das betreffe insbesondere für kleinere Anbieter.

Mehr Digitalisierung, weniger Papier

Auch bei der öffentlichen Verwaltung sieht die Branche großen Nachholbedarf. Der Versicherer-Verband fordert vollständig digitale Prozesse, schnellere Genehmigungsverfahren sowie moderne Schnittstellen zwischen Wirtschaft und Behörden.

Zudem müsse Gesetzgebung digitaltauglicher werden. Der bereits diskutierte „Digitalcheck“ für neue Gesetze solle verpflichtend eingeführt werden, damit Regelungen von Beginn an praxistauglich und bürokratiearm gestaltet werden.

KI und Datenschutz neu denken

Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf dem Einsatz von Künstlicher Intelligenz. Die Versicherer sehen große Chancen für schnellere Antrags- und Leistungsprozesse, beklagen jedoch rechtliche Unsicherheiten durch Datenschutzrecht und neue KI-Regeln. Hier brauche es klarere gesetzliche Grundlagen, damit Innovation nicht durch widersprüchliche Vorgaben ausgebremst werde.

Unterm Strich unterstützt die Branche die Reformagenda schon, verlangt im gleichen Atemzug nun aber konkrete Ergebnisse. Entscheidend sei, dass die angekündigten Maßnahmen „zeitnah und konsequent umgesetzt“ werden. Denn ohne weniger Bürokratie und mehr Effizienz droht Deutschland im internationalen Wettbewerb weiter zurückzufallen.