Seit gut fünf Jahren sind die ersten InsurTech-Startups mit einer Lizenz der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) am Markt: Neue Wettbewerber also, die selbst als Versicherung tätig sein dürfen. Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) hat sich nun angeschaut, wie sich die neuen Wettbewerber schlagen. Das Ergebnis: zum Jahresende 2021 hatten sie immer noch einen verschwindend kleinen Anteil am Versicherungsgeschäft.

Anzeige

Sieben Versicherer neu auf dem Markt

Eine BaFin-Zulassung als Versicherer haben bisher sieben InsurTech-Neugründungen erhalten, berichtet der GDV. Hier ist zu beachten, dass die Anforderungen, einen Versicherer gründen zu dürfen, sehr hoch sind - etwa mit Blick auf Eigenkapital und Geschäftsstruktur. Schließlich müssen die Versicherer garantieren, auch mittel- und langfristig alle Ansprüche der Kundinnen und Kunden aus den Verträgen bedienen zu können. Der GDV spricht von hohen Markteintrittskosten aufgrund von gefordertem Kapital, Kosten für Geschäftsbetrieb und IT.

Allerdings sei die niedrige Zahl an Neuzulassungen auch im Kontext aller Neuzulassungen an neuen Nicht-Lebensversicherern zu sehen. Im Zeitraum 2017 bis 2022 entfiel die Hälfte der Neuzulassungen durch die BaFin auf InsurTech-Startups. Und das, obwohl Versicherer im Zuge des Brexit auch Unternehmen in die EU verlagert haben und entsprechend neu gründeten. Es herrscht also Dynamik auf der InsurTech-Versicherer-Markt: wenn auch auf niedrigem Niveau.

Großes Wachstum, kleine Beiträge

Blickt man allein auf die Wachstumszahlen, so können die Versicherer-Startups große Erfolge vorweisen. Ihre Beitragseinnahmen sich zwischen 2020 und 2021 um gut 100 Prozent gestiegen, wie aus der BaFin-Erstversicherungsstatistik hervorgeht. Doch gewachsen sind sie von einem sehr niedrigen Niveau aus. So summieren sich ihre aggregierten Beitragseinnahmen im Jahr 2021 auf einen mittleren zweistelligen Millionen-Euro-Betrag. Gemessen an den Gesamt-Beitragseinnahmen der Nicht-Lebensversicherer von über 140 Milliarden Euro haben sie aktuell einen Marktanteil von circa 0,03 Prozent.

“Damit bestätigt sich die Erfahrung aus der Vergangenheit: selbst erfolgreiche Start-ups im Versicherungsbereich benötigen einen längeren Zeitraum, um signifikante Marktanteile zu erlangen. Hier schlägt sich u. a. der Langfristcharakter des Versicherungsgeschäfts und der Zeitbedarf zum Aufbau eines Kundenstamms nieder“, schreibt der GDV in einem Fachaufsatz. Doch das sei nicht der einzige Grund für die geringen Einnahmen. Die neuen Wettbewerber müssten sich in einem hart umkämpften Markt behaupten: das gelinge nicht immer. So habe ein Versicherer seine BaFin-Lizenz 2022 bereits wieder zurückgegeben bzw. einem anderen Versicherer überschrieben.

Ein Beispiel: Ottonova, der einzige private Krankenversicherer unter den Neugründungen, erzielte im Jahr 2021 laut BaFin-Statistik Beitragseinnahmen von knapp 14,6 Millionen Euro. Das versicherungstechnische Ergebnis war mit -2,08 Millionen Euro dennoch negativ: auch wenn das Minus gegenüber dem Vorjahr deutlich reduziert werden konnte (-3,12 Millionen). Der Versicherer aus München besitzt die BaFin-Lizenz seit 2017. Bei diesen Zahlen muss aber die Zukunftsperspektive bedacht werden. Der Versicherer hat eine vergleichsweise junge Zielgruppe, was sich auch in niedrigeren Krankheitskosten niederschlägt (Brutto-Aufwendungen für Versicherungsfälle: 6,67 Millionen Euro).

Aktuell 128 Versicherungs-Start-ups

Blickt man auf die Gesamtzahl der Start-ups, die derzeit auf dem deutschen Versicherungsmarkt aktiv sind, gestaltet sich das Bild jedoch weit komplexer und vielfältiger. 128 InsurTechs tummeln sich derzeit in der Branche, so weiß InsurLab Germany anhand einer Studie zu berichten. Viele bedienen andere Teile der Wertschöpfungskette und sind nicht selbst als Versicherer aktiv. Zudem kooperieren die InsurTechs mit etablierten Versicherern.

Anzeige

Mit Blick auf die gesamte Gründerszene zeigt sich aber, dass Deutschland anderen europäischen Ländern hinterher hinkt. Laut einer Studie von Finch Capital wurden im letzten Jahrzehnt europaweit mehr als 100.000 Start-ups gegründet. Während in Großbritannien 0,34 Startups auf 1.000 Einwohner kommen und in Frankreich 0,21 Start-ups, sind es in Deutschland lediglich 0,14 Startups je 1.000 Einwohner. Das bedeutet, dass das Vereinigte Königreich 2,4mal und Frankreich 1,5mal so viele Start-ups pro Kopf hat wie Deutschland.