Versicherungsbote: Die betriebliche und private Altersvorsorge werden durch dauerhaft niedrige Zinsen am Kapitalmarkt belastet: Die Anbieter sind gesetzlich gezwungen, große Teile der Beiträge in Anleihen zu investieren, sofern sie Garantien bieten. Die Deutsche Aktuarvereinigung (DAV) warnt, vollständige Beitragsgarantien seien mit den niedrigen Zinsen bei mehreren Vorsorgeformen nicht mehr darstellbar. Brauchen hier Versicherer, Pensionskassen und -fonds mehr Freiheiten, etwa dass sie Garantien beschneiden und das Geld stärker in Aktien und Fonds investieren können?

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Johannes Vogel: Wir Freie Demokraten wollen, dass in der betrieblichen Altersvorsorge alle Unternehmen die Möglichkeit zu breiteren Anlageformen und höheren Aktienquoten erhalten, insbesondere durch die „reine Beitragszusage“. In der Privaten Altersvorsorge sollen Lebensversicherer, Pensionskassen und Versorgungswerke vermehrt und einfacher in Wagniskapital, Start-ups, Aktien oder Infrastrukturprojekte investieren können. Anlagevorschriften bei der staatlich geförderten Altersvorsorge, zum Beispiel bei Riester-Verträgen, sollen geöffnet werden. Die Sparerinnen und Sparer sollen selbst entscheiden, welcher Rendite- und Risikomix und welche Anlageformen zu ihnen passen.

Vom Niedrigzins betroffen ist auch die staatlich geförderte Riester-Rente, die für einen Markt mit stabilen Zinserträgen „designt“ wurde. Das Neugeschäft stagniert seit Jahren. Wofür plädieren Sie: Neustart oder Abstellgleis? Welche Reformen könnten Riester wieder populärer machen?

Wir müssen die Riester-Rente besser, unkomplizierter und verbraucherfreundlicher machen. Generell brauchen wir viel mehr kapitalgedeckte Vorsorge. Ein Beispiel, was wir konkret verbessern könnten, um die Attraktivität der Riester-Rente zu steigern: Zukünftig sollten auch Selbstständige die Möglichkeit haben, die Riester-Förderung zu nutzen, alles andere wäre ungerecht. Durch eine Öffnung erleichtern wir so auch den immer häufiger gewünschten Wechsel zwischen Anstellung und Selbstständigkeit – denn heute kann man teils nicht mal seine Altersvorsorge weiterführen beziehungsweise seine Förderung mitnehmen. Das ist doch völlig aus der Zeit gefallen.

Zudem wollen wir in allen Durchführungswegen der betrieblichen und privaten Altersvorsorge höhere Aktienquoten erlauben und die Regeln entsprechend anpassen. Zusätzlich wollen wir als neue geförderte Vorsorgeform ein Altersvorsorge-Depot schaffen, das das Beste aus Riester-Rente (Zulagen-Förderung), Rürup-Rente (steuerliche Förderung) und dem amerikanischen 401k (Flexibilität und Rendite-Chancen) vereint.

Dank Niedrigzins-Politik werden viele populäre Geldanlagen der Deutschen vakant: Lebens- und Rentenversicherungen rentieren sich immer seltener. Müssen die Bürger umlernen und ihr Geld in andere Vorsorgeformen stecken? Würden Sie eine breitere Aktionärskultur in Deutschland begrüßen? Was müsste angestoßen werden, um die Deutschen zu Aktionären zu machen?

Wir brauchen zwingend mehr Aktienkultur in Deutschland. Gerade bei langfristigen Anlagen, etwa für die Altersvorsorge, ist das Risiko sehr gering und der Ertrag vergleichsweise hoch. Deutschland hat trotz Niedrig- oder sogar Negativzinsen den Aufbruch in ein Zeitalter noch vor sich, in dem mehr Sparer über langfristig angelegte Aktiensparpläne Anteile an Unternehmen und damit an den weltweiten Produktivitätszuwächsen der Wirtschaft erwerben. Wer als Kleinsparer ein Wertpapier länger hält, um etwa für das Alter vorzusorgen, sollte nach dieser Spekulationsfrist den Veräußerungsgewinn steuerfrei erhalten. Außerdem muss der Sparerpauschbetrag für Dividendeneinkommen erhöht werden.

Mir scheint, fast alle Parteien sind der Idee eines Staatsfonds gegenüber nicht abgeneigt, etwa nach dem Vorbild Schwedens und Norwegens. So soll das Umlageverfahren der gesetzlichen Rente durch einen Kapitalstock ergänzt werden. Würden Sie für Ihre Partei einen solchen Staatsfonds begrüßen? Wenn ja: Wer soll ihn verwalten – und wie soll er organisiert sein, damit Bürgerinnen und Bürger ihn akzeptieren?

Ja, die Gesetzliche Aktienrente ist ein zentraler Punkt unserer Vorstellung eines modernen Rentensystems – aber das ist bei uns im Kern ein Vorschlag für die notwendige Reform der ersten Säule, da lese ich von den anderen Parteien leider nur die Fortsetzung der Rentenpolitik der Großen Koalition. Wir wollen allen Menschen ermöglichen, vom weltweiten Wachstum profitieren zu können. Unser Vorschlag einer Gesetzlichen Aktienrente sieht vor, dass ein Teil des Beitrages zur ersten Säule in einen öffentlichen Non-Profit-Fonds investiert wird, der im öffentlichen Auftrag von Profis verwaltet wird. Dadurch würden alle Menschen profitieren, wir würden zeitgleich die Rentenfinanzen stabilisieren und mittel- und langfristig ein steigendes Rentenniveau erhalten. Schweden macht uns das seit Jahren erfolgreich vor.

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Konkret schwebt uns vor, dass jede und jeder Versicherte zum Beispiel zwei Prozent des eigenen Bruttoeinkommens verpflichtend in die Gesetzliche Aktienrente einzahlt, wie in Deutschland üblich, aufgeteilt in Arbeitnehmer- und Arbeitgeberbeitrag. Der Beitragsanteil zur umlagefinanzierten gesetzlichen Rente wird um exakt dieselben Prozentpunkte gesenkt. Die gesetzliche und verpflichtende erste Säule des Rentensystems besteht damit künftig aus zwei Elementen. Derselbe Anteil sozialversicherungspflichtiger Entgelte wird wie bisher für die Altersvorsorge aufgewendet. Neu wäre, dass neben dem deutlich größeren Anteil, der weiter in die Umlage fließt, ein kleiner Anteil in eine langfristige, chancenorientierte und kapitalgedeckte Altersvorsorge – die Gesetzliche Aktienrente – fließt. Gerade Menschen mit geringen Einkommen würden so erstmals von den Chancen der globalen Aktienmärkte profitieren und zu Unternehmensteilhaberinnen und -teilhabern werden. Gleichzeitig wird so auch die erste Säule der Alterssicherung langfristig abgesichert und durch die Teilkapitaldeckung gegen demografische Herausforderungen gefestigt.

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