Marc Brandner und Pascal Michel sind Krisenberater und Mitinhaber von SmartRiskSolutions. Regelmäßig stehen Sie betroffenen Firmen und Familien bei Entführungen und Erpressungen als Berater zur Seite. Ihr Ziel ist es, durch Verhandlungen mit den Tätern die Freilassung der Entführungsopfer zu erreichen.

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Das Interview führte der Journalist Prof. Dr. Patrick Peters durch.

Marc Brandner ist Krisenberater und Mitinhaber von SmartRiskSolutionsSmartRiskSolutionsHerr Brandner, Herr Michel, Sie sind ja in einem außergewöhnlichen Bereich tätig. Wie kommt man zu diesem Beruf?

Marc Brandner: Wie die wenigen, die in diesem Segment des Krisenmanagements arbeiten, haben wir einen beruflichen Vorlauf im Staatsdienst. Während Herr Michel viele Jahre bei einer bundesdeutschen Sicherheitsbehörde im weltweiten Einsatz war, ist mein beruflicher Hintergrund ein militärischer, als Offizier im Kommando Spezialkräfte (KSK) der Bundewehr und anschließend als Leiter Sicherheits- und Krisenmanagement für eine EU-Mission in Afghanistan. In dieser Zeit erlebte ich als Sicherheitsverantwortlicher eine große Bandbreite an Vorfällen, darunter auch Entführungen. Anschließend war ich, wie Herr Michel, nach bestandenem Auswahlverfahren und intensivem Training mehrere Jahre exklusiv im internationalen Krisenreaktionsteam eines großen US-amerikanischen Spezialversicherers für Entführungen, Erpressungen und andere Krisenfälle weltweit tätig. Seit 2019 sind wir als SmartRiskSolutions direkt für einen namhaften deutschen Versicherer sowie mehrere andere Versicherer auf diesem Gebiet tätig.

Auch wenn die meisten Entführungen in Ländern wie Mexiko und Nigeria stattfinden, liest man immer wieder von Entführungen in Deutschland und anderen Industrienationen. Was sind denn wesentliche Unterschiede von Entführungen in westlichen Ländern, verglichen mit denen in Krisengebieten?

Pascal Michel: Blickt man auf Statistiken, so stellt man fest, dass die Überlebenschancen bei kriminellen Entführungen in Ländern mit hohen Entführungszahlen deutlich höher sind als bei Entführungen in Industrienationen. Der Anteil der Fälle von Entführungen in Deutschland, die leider tödlich endeten, ist mehr als doppelt so hoch wie in Krisengebieten.

Warum ist dies so?

Pascal Michel ist Krisenberater und Mitinhaber von SmartRiskSolutions.SmartRiskSolutionsPascal Michel: Nehmen wir Deutschland. Kriminelle, die eine Entführung ausführen, begehen in der Regel zum ersten Mal diese Tat und haben diesbezüglich keine Vorerfahrung – sind also keine Profis. Denken Sie an die Entführung des Bankierssohns Jakob von Metzler oder vor einigen Jahren von Anneli-Marie Riße, der Tochter eines lokalen Bauunternehmers, in der Nähe von Meißen. In Ländern wie Nigeria und Mexiko gibt es seit vielen Jahren eine Entführungsindustrie und die Täter sind routiniert. Hinzu kommt, dass sich dort die Polizei nur sehr wenig für Entführungen interessiert und oft korrupt ist. In Industrieländern geht die Polizei mit einem hohen Fahndungsdruck gegen Entführer vor. Dies alleine kann aber den unerfahrenen Täter derart unter Stress setzen, dass er mit der Situation überfordert ist und als Kurzschlussreaktion das Opfer tötet. Diese unerfahrenen Täter haben oft die Tat nicht zu Ende gedacht. Im Fall von Anneli-Marie Riße wollten die Täter zunächst Bargeld, dann sollte es auf ein Konto nach Malaysia überwiesen werden – die Täter hatten aber noch überhaupt kein Konto eingerichtet.

Worin unterscheidet sich der Entführer von einem Erpresser?

Marc Brandner: Der Erpresser braucht weniger kriminelle Energie und Gewaltbereitschaft. Er agiert aus der Distanz. Hingegen muss der Entführer zumindest zum Zeitpunkt des Überfalls bereit sein, Gewalt anzuwenden. Eine Erpressung erfordert weniger Logistik, kann also problemlos von einer Einzelperson begangen werden und hinterlässt meistens auch weniger Spuren. Und natürlich kann der Entführer, weil er das Leben des Opfers in der Hand hat, mehr Druck aufbauen und die emotionale Ausnahmesituation der Familienangehörigen ausnutzen als ein Erpresser.

Welches sind die kritischsten Phasen einer Entführung?

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Pascal Michel: Das sind für Täter und Opfer sicherlich der Überfall. Der Täter steht hier unter hohem Stress, will erfolgreich sein und den Überfall abschließen, bevor die Polizei eintrifft. Er muss über das Opfer sehr schnell die Gewalt erlangen. Wehrt sich das Opfer, kann die Lage eskalieren. Im besten Fall wird das Opfer nur verletzt, dann aber beginnt die Geiselhaft mit einer Verletzung. Kritisch ist für den Täter auch die Lösegeldübergabe. Hier rechnet er mit dem Eingreifen der Polizei und ist verständlicherweise sehr misstrauisch. Nicht selten brechen die Täter daher erst einmal eine Lösegeldübergabe wieder ab. Emotional sehr fordernd ist für die Familienangehörigen die Zeit direkt nach der Lösegeldübergabe. Denn es kann dann sogar mehrere Tage dauern, bis das Opfer freikommt. Die Familie hat gezahlt und muss nun darauf vertrauen, dass die Täter ihr Wort halten. Für das Opfer besteht während der Entführung immer die Sorge, dass der Täter bei der Lösegeldübergabe von der Polizei erschossen wird und niemand ihn dann findet. Auch die Freilassung kann traumatisch für das Entführungsopfer sein. Womöglich fahren die Täter das Opfer an einen Ort, um es freizulassen. Das Opfer weiß aber zu diesem Zeitpunkt nicht, ob die Fahrt dazu dient, ihn an einem anderen Ort zu töten.