Versicherungsbote: 76 Prozent aller deutschen Haushalte haben eine Hausrat-Police, aber weniger als 3,5 Millionen Bürger besitzen eine Pflegezusatz-Police: nur rund vier Prozent der Bevölkerung. Sie ist eine Nische, obwohl existentieller Schutz. Was läuft da schief?

Anzeige  

 

Annabritta Biederbick: Die soziale Pflegepflichtversicherung wurde vom Gesetzgeber bewusst als Teilkaskoversicherung konzipiert. Eigenvorsoge ist ausdrücklich gewollt und notwendig. Ein Großteil der Bevölkerung geht aber vermutlich davon aus, dass die Leistungen der gesetzlichen Pflegeversicherung schon ausreichen werden, wenn sie pflegebedürftig werden. Darüber hinaus werden die Kosten, die im Pflegefall selbst zu tragen sind, unterschätzt.

Annabritta Biederbick, Hauptabteilungsleiterin der Debeka.DebekaDie staatlichen Leistungen decken jedoch lediglich einen Teil der Pflegekosten ab. Man kann zum Teil von einer riesigen Lücke zwischen der gesetzlichen Pflegeleistung und den tatsächlichen Kosten sprechen. In unserem Angebotsportfolio haben wir sowohl die privat ergänzende Pflegeabsicherung als auch die staatlich geförderte Pflegezusatzversicherung. Die Pflegeversicherung ist ein fester Bestandteil in unserer Vorsorgeanalyse beim Kunden. Insofern kommen wir unserem gesellschaftlichen Auftrag in dieser Marktnische nach.

Letztendlich bewertet und entscheidet aber der Interessent, ob er dieses existentielle Risiko abzusichern möchte. Das Thema Pflege ist oftmals auch negativ belegt bzw. wird verdrängt („Das ist noch so lange hin, ich bin doch noch jung!“…), so dass die Abschlussbereitschaft – trotz eindeutiger Gründe – auf die lange Bank geschoben wird.

Seit dem 1. Januar 2013 gibt es die staatlich geförderte Pflegezusatzversicherung, auch Pflege-Bahr genannt. Sie sollte die Privatvorsorge der Bürger in Sachen Pflege stärken. Wie sieht es bei Ihnen aus? Wie hoch ist der Bestand der Debeka an Pflege-Bahr-Tarifen im Verhältnis zu „herkömmlichen“ Pflegezusatzversicherungen?

Seit dem 1. Januar 2013 bietet die Debeka die Tarife EPG (staatlich geförderte Pflegeergänzung) und EPC (ungeförderte Pflegeergänzung) an. In Tarif EPG sind 166.000 Personen und in EPC fast 70.000 Personen versichert. Tarif EPC kann nur zusammen mit EPG abgeschlossen werden.

In den Pflegeergänzungstarifen, die bereits vor dem 1. Januar 2013 eingeführt wurden, sind weitere 184.000 Personen versichert.

Kann man allen Menschen einen Pflege-Bahr-Tarif empfehlen? Oder sollten die Versicherten zunächst versuchen, eine ungeförderte Pflegezusatzversicherung zu erhalten? Kritiker warnten bei Einführung: Vor allem ältere und kranke Personen, die keinen „normalen“ Zusatztarif erhalten, könnten Pflege-Bahr bevorzugen — aufgrund der eingeschränkten Gesundheitsprüfung. Das führe zu höheren Prämien bei diesem Vorsorgemodell.

Generell empfehlen wir den geförderten Debeka-Tarif EPG allen Bürgerinnen und Bürgern. Gerade jüngere Versicherte zahlen in der Regel nur den Mindestbeitrag und können auf diese Weise bereits mit einem geringen monatlichen Beitrag Vorsorge für den Pflegefall treffen. Über 50 Prozent der Versicherten in Tarif EPG sind jünger als 40 Jahre. Aber auch für Ältere und Versicherte mit Vorerkrankungen ist der Tarif EPG – solange noch keine Pflegebedürftigkeit besteht – aufgrund des Kontrahierungszwangs interessant. Denn unabhängig vom Gesundheitszustand werden weder Leistungsausschlüsse noch Risikozuschläge erhoben.

In diesem Zusammenhang darf aber nicht außer Acht gelassen werden, dass der Tarif EPG mit einem monatlichen Pflegegeld von 600 Euro im Pflegegrad 5 lediglich eine Grundabsicherung bietet. Eine zusätzliche – ungeförderte – Vorsorge in Form des Tarifs EPC ist nicht nur sinnvoll, sondern empfehlenswert. Da der Abschluss des Tarifs EPC aber eine Gesundheitsprüfung voraussetzt, ist es möglich, dass gerade für Personen mit Vorerkrankungen ein Abschluss nur zu besonderen Bedingungen oder gar nicht möglich ist. Diesen Personen bleibt daher nur der Tarif EPG, um für den Pflegefall vorzusorgen.

Je höher aber der Anteil an Personen mit Vorerkrankungen, desto höher ist auch das Risiko eines Pflegefalls und umso größer ist die Wahrscheinlichkeit zunehmender Beitragssteigerungen. Um diesem Risiko infolge einer möglichen „Antiselektion“ entgegenzuwirken, haben wir uns bei Einführung entschieden, den Tarif EPG an den Tarif EPC zu koppeln. Das heißt, wer gesund ist und die umfangreicheren Leistungen des Tarifs EPC wünscht, muss auch den Tarif EPG als Grundabsicherung abschließen. Auf diese Weise versuchen wir eine ausgewogene Kalkulation zu erzielen, die letzten Endes allen nach Tarif EPG Versicherten zu Gute kommt.

Ein wichtiger Kritikpunkt bei Pflege-Bahr war bzw. ist, dass die Policen keine Beitragsbefreiung im Leistungsfall vorsehen. Auch wer bereits pflegebedürftig ist, muss weiter monatlich Beiträge zahlen. Wie sieht das bei Ihnen aus? Und wie wirken sich die Beiträge im Pflegefall für die Versicherten aus — können Sie ein Beispiel nennen?

Eine Beitragsbefreiung im Leistungsfall halten wir für problematisch: In allen Tarifen gilt, dass der zukünftige Leistungsbedarf durch das zukünftige Beitragsaufkommen finanziert wird. Werden die Beiträge nur von den noch nicht pflegebedürftigen Versicherten getragen, fallen sie daher grundsätzlich höher aus. Insbesondere für die hohen Alter, in denen der überwiegende Teil der Menschen pflegebedürftig ist, ergibt sich dadurch ein erheblicher zusätzlicher Finanzierungsbedarf.

Anzeige  

 

Der monatliche Beitrag während des Pflegefalls lässt sich durch den Abschluss eines höheren Pflegetagegeldes gleich zu Beginn der Versicherungszeit minimieren. Im Pflegefall könnten dann vom vereinbarten Pflegegeld nicht nur die monatlichen Pflegekosten, sondern darüber hinaus eine Beitragsreduzierung finanziert werden.