Es gehört zu den kaum hinterfragten Grundsätzen eines börsennotierten Wirtschaftsunternehmens in der Marktwirtschaft, dass es immerzu wachsen und sein Ergebnis steigern muss. Wäre es ein Mallorca-Urlauber, es würde sich vornehmen, jede Woche mindestens einen Liter Sangria mehr zu trinken. Doch während aktuell viele Dax-Konzerne von einer Krise in die nächste schlittern, zum Beispiel Bayer oder Thyssenkrupp, zeigt Deutschlands größter Versicherer Stärke. Die Allianz Gruppe konnte auch im ersten Quartal 2019 wachsen und mehr Gewinn erzielen — sogar die Erwartungen vieler Analysten toppen.

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Weniger Naturschäden, mehr verwaltetes Vermögen

2,96 Milliarden Euro verdiente die Allianz in den ersten drei Monaten des Jahres, wie der Versicherer am Dienstag der Presse berichtet. Das sind satte 7,5 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Ein Grund ist, dass Stürme und andere Naturkatastrophen in diesem Jahr weitestgehend ausgeblieben sind. Das ist Balsam für die Bilanz des Versicherers.

Zur Erinnerung: Im Januar 2018 fegte noch Sturmtief Friederike über Deutschland hinweg, legte den Bahnverkehr lahm, deckte Dächer ab und sorgte für hohe Sach- und Personenschäden. Allein dafür mussten die Münchener im Vorjahr rund 220 Millionen Euro erstatten, speziell die Komposit-Sparte blutete. Das war ein Grund, weshalb das operative Ergebnis im ersten Quartal 2018 um sechs Prozent einbrach (der Versicherungsbote berichtete).

Nun strotzt ausgerechnet die Schaden/Unfallsparte vor Stärke. Um sechs Prozent wuchsen die Prämieneinnahmen, der operative Gewinn in diesem Bereich gar um 14 Prozent. Mit fast 1,5 Milliarden Euro erwirtschaftet die Allianz knapp die Hälfte des Gewinns allein in der Sach-Sparte. "Es zeigt, dass wir global gut aufgestellt sind" kommentiert Finanzvorstand Giulio Terzariol die guten Ergebnisse.

Unter Druck steht hingegen die Lebensversicherung, wo vor allem sinkende Margen aus Kapitalanlagen das Ergebnis gefährden. Dies habe der Versicherer durch höhere Gebühren und Verwaltungskostenzuschläge infolge des steigenden Anlagevolumens ausgleichen können. Das operative Ergebnis verbesserte sich um 1,1 Milliarden Euro.

Ein durchmischtes Ergebnis zeigt sich in einer anderen Problemzone des Versicherers: der Vermögensverwaltung. Diese wird vor allem von den beiden Konzerntöchtern Pimco und Allianz Global Investors verantwortet. Positiv: die Allianz konnte in den drei Monaten 18 Milliarden Euro an frischem Kapital einsammeln und vermeldet einen Rekord. Stolze 2,1 Billionen Euro verwalten die Münchener nun: so viel wie noch nie. Eine ähnliche Summe würde zusammenkommen, wenn alle deutschen Arbeitnehmer ihren Brutto-Arbeitslohn von zwei Jahren zusammenlegen. Weniger erfreulich ist hingegen das operative Ergebnis in dieser Sparte: es brach um vier Prozent auf 573 Millionen Euro ein.

Besonders teuer: Boeing-Absturz und Minenunglück

Kostentreiber gab es freilich auch im aktuellen Quartal. In Äthiopien stürzte Anfang März eine Boeing 737 Max 8 ab, an Bord viele internationale Diplomaten, mehr als 150 Menschen fanden den Tod: wohl, weil der Flugzeughersteller bei der Elektronik schlampte. Zu den beteiligten Versicherern des Fluges gehörte auch die Allianz.

Ebenfalls teuer wurde für die Münchener ein Dammbruch im brasilianischen Bundesstaat Minas Gerais, den der Bergbaukonzern Vale zu verantworten hat. Am 25. Januar war in einem Erzbergwerk nahe der Kleinstadt Brumadinho der 86 Meter hohe Wall eines Abklingbeckens eingestürzt. Daraufhin rollte eine giftige Schlammlawine von 12 Millionen Kubikmetern den Berg hinab und begrub mehrere Siedlungen unter sich. Mehr als 300 Tote waren bei der Katastrophe zu beklagen. Auch für die Überlebenden hat das Unglück bittere Konsequenzen: Grundwasser und Böden wurden mit Schwermetallen vergiftet, der angrenzende Fluß transportierte den Giftschlamm weiter in andere Gewässer. Laut der nationalen Umweltbehörde ANA sind nun rund 300 Kilometer Flusslauf verseucht. Allein für diese beiden Ereignisse musste die Allianz zusammen rund 100 Millionen Euro erstatten.

Die Folgen von Klüngelei und Aufsichtsversagen als Kostentreiber?

Auch wenn es so nicht explizit im Pressetext steht, zeigt sich — zusätzlich zu Naturereignissen — in den beiden Fällen ein weiteres Kostenrisiko für die Versicherer: Korruption und Aufsichtsversagen beziehungsweise die daraus resultierenden Folgen.

Hier sei daran erinnert, dass im letzten Jahr bereits der Einsturz des Polcevera-Viaduktes am 18. August in Genua sowie ein missglücktes Staudamm-Projekt in Kolumbien, die Ituango-Talsperre, den deutschen Versicherern hohe Kosten bescherte. Im ersten Fall fanden 43 Menschen den Tod, nachdem die schlecht gewartete Brücke eingestürzt war, der Transitverkehr von Italien nach Frankreich brach zusammen. In Kolumbien mussten mehr als 100.000 Menschen evakuiert werden, weil der Staudamm plötzlich Risse zeigte und einzustürzen drohte. Die Talanx gab im November sogar eine Gewinnwarnung heraus, nachdem sie von diesen Schadenereignissen besonders betroffen war. Wie auch bei den oben genannten Fällen wurde der Vorwurf laut, Aufsichtsbehörden hätten bewusst weggeschaut oder schlampig geprüft: auch aufgrund von Interessenskonflikten (der Versicherungsbote berichtete).

Entsprechendes Versagen deutet sich nun auch bei den Allianz-Kostentreibern an. Der Absturz der Boeing Max betraf bereits das zweite Flugzeug dieser Bauart innerhalb von wenigen Monaten. Es fiel vom Himmel, obwohl es nagelneu war und hervorragende Wetterbedingungen herrschten. Die Aufklärung ist in beiden Fällen noch nicht gänzlich abgeschlossen. Dennoch deutet vieles auf Probleme des Steuerungssystems MCAS hin: Es drückt bei einem drohenden Strömungsabriss die Nase des Flugzeugs automatisch nach unten, auch wenn die Piloten gegensteuern.

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Nach Recherchen der „Washington Post“ und „New York Times“ waren der US-Luftfahrtbehörde FAA entsprechende Probleme bekannt, das Flugzeug hätte wohl nicht zugelassen werden dürfen. Um aber den Start des milliardenschweren Prestigeprojektes nicht zu gefährden, habe man die Zulassung der Flugzeuge quasi Boeing selbst überlassen: offenbar mit tödlichen Konsequenzen. Die Untersuchungsberichte zu den Abstürzen kamen in beiden Fällen zu dem Ergebnis, dass die Piloten nach den Vorschriften des Flugzeugbauers gehandelt haben.