Das Interview erschien zuerst bei Dr. Robin Kiera auf Digitalscouting.de in Englisch und wurde auf InsurtechNews erneut abgedruckt. Nun veröffentlicht der Versicherungsbote es exklusiv auf Deutsch.

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Robin Kiera: Um einen ersten persönlichen Eindruck zu gewinnen: Kannst du uns verraten, welches deine drei wichtigsten „technischen Spielereien“ sind, die du unbedingt haben musst?

Matteo: Nun, für mich sind das: Smartphone, tragbare Powerbank... und eine zweite portable Powerbank, die natürlich größer ist als die erste.

Ok, wenn ich ehrlich sein soll, dann habe ich zugegebenermaßen ein Konnektivitätsproblem. Betrachte ich etwa gerade meinen Akkuverbrauch, so kann ich genau sehen, dass ich in den letzten 24 Stunden volle 8 Stunden vor dem Bildschirm verbracht habe. In den letzten sieben Tagen waren es 53 Stunden insgesamt. Damit verbringe ich 30 Prozent meiner Zeit (auch) vor dem Bildschirm des Telefons.

Das klingt nach einer Menge verschwendeter Zeit, die für andere Sachen fehlen könnte. Das mag zum Teil stimmen. Doch ich glaube, dass uns diese Art der Interaktion auch mehr Möglichkeiten bietet, Zeit sinnvoll auszufüllen. Denken Sie etwa an die ganze Freizeit, die verloren geht, wenn Sie im Taxi sitzen, im Aufzug fahren, auf Ihren Flug warten oder auf der Straßen laufen… da kann ich niemals zulassen, dass die Batterie plötzlich tot ist.

Du bist eines der bekanntesten Gesichter und einflussreichsten Stimmen der Insurtechbranche und im Bereich Telematik. Wie kam es überhaupt dazu und was hat dich dazu bewogen, solch eine öffentliche Rolle einzunehmen?

Es ist einfach passiert. Ich hatte keinen ausgefeilten, strukturierten Plan, mit dem ich ein bestimmtes Ziel verfolgte. Du startest damit, dass du neue Sachen mit einer recht kleinen Öffentlichkeit teilst. Du erhält erste Feedbacks, kannst daraus lernen. Wenn dir der Austausch gefällt, probierst du es erneut, arbeitest hart daran, besser zu werden … und eines Tages beginnt alles Früchte zu tragen und exponentiell zu wachsen.

So war es bei mir. Dies hätte allerdings nie funktioniert ohne das Netzwerk von 140.000 leidenschaftlichen Versicherungsexperten, die täglich mit mir auf LinkedIn diskutiert haben. Den größten Teil meiner Zeit widme ich daher LinkedIn. Ehrlich gesagt, weiß ich nicht, wohin mich das noch führen wird … aber ich lerne viel und genieße diese Reise unglaublich.

Welche Aussagen würdest du derzeit über das Fintech- und Insurtech-Ökosystems treffen - besonders in deinem Heimatmarkt Italien?

Naja, wenn mich gerade jemand fragt: „ Wo ist dein zu Hause“ antworte ich instinktiv „am Flughafen“. Für das Jahr 2017 blicke ich auf fast zweihundert Flüge zurück und habe mehr Nächte in einem New Yorker Hotel verbracht als in meinem Haus in Mailand.

Auch habe ich im letzten Jahr 50 Organisationen aus Europa und Nordamerika mit meinem „IoT Insurance Observatory“ betreut. Jede Woche war ich in deren Zentralen, um zu diskutieren, wie digitale Lösungen den Versicherungssektor unterstützen können. Darüber hinaus haben wir mehr als 350 Stunden Workshops abgehalten und ich hatte das Privileg, mit Hunderten von Versicherungsverantwortlichen in mehr als zehn verschiedenen Ländern zu diskutieren.

Kommen wir aber zurück zu deiner Frage. Ich sehe im italienischen Markt eines der besten Beispiele, wie sich einer der ausgereiftesten Insurtech-Trends nutzen lässt: Telematik! Die Versicherungsgesellschaften nutzen hier täglich Daten von 7 Millionen Autos, deren Besitzer bereits Telematiktarife abgeschlossen haben. Das sind 20 Prozent der in Italien versicherten Privatfahrzeuge.

Da du so viel reist und damit Einblicke in unterschiedliche Märkte gewinnst: Was könnten wir alle voneinander lernen?

Es gibt keinen einheitlichen Ansatz: Jeder Versicherungsmarkt hat spezifische Merkmale aufgrund von Kultur, Landesgesetzen, Geschäftspraktiken und Versicherungsvorschriften. Versicherungen kann man eben nicht wie Smartphones verkaufen. Eine Brücke zwischen beiden zu bauen, gehört aber zu meinem täglichen Geschäft.

Ich kann mich glücklich schätzen, vielen verschiedenen Märkten „ausgesetzt“ zu sein. Die Möglichkeiten, dass sich die Ideen verschiedenster Geschäftsbereiche und Märkte gegenseitig befruchten, sind vielfältig. Um diese Chancen allerdings zu verstehen und umzusetzen, ist allerdings ein tiefgreifenderes Verständnis der jeweiligen Marktspezifikas erforderlich.

Viele traditionelle Unternehmen haben Schwierigkeiten, sich an die schnellen Veränderungen anzupassen, die wir heute erleben. Was sind deiner Meinung nach die größten Chancen für traditionelle Unternehmen, die digitale Transformation zu nutzen? Was sind die größten Hürden?

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Ich glaube, dass es heute für Versicherungsgesellschaft unabdingbar ist, sich der Frage zu stellen, wie sie ihr eigenes Modell weiterentwickeln könnte. Dabei gilt es stets darüber nachzudenken, welche Module innerhalb ihrer Wertschöpfungskette durch Technologie und Datennutzung transformiert oder neu erfunden werden sollten. Die Schlüsselthese meines Buches, das ich InsurTechs gewidmet habe, lautet: „Das InsurTech ist die Supermacht für die Bewertung, Steuerung und Übertragung von Risiken“.