Oliver Bäte, Vorstandschef der Allianz Gruppe, hat in einem Interview mit scharfen Worten die Politik kritisiert. „Wir reden derzeit in der Politik viel mehr darüber, wer ein Problem in diesem Land kreiert, als darüber, wie wir Zukunft schaffen“, sagte Bäte der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Bäte argumentiert in dem Gespräch, mit Debatten wie zum Beispiel über die Bürgerversicherung lenke die Politik von eigentlichen politischen Problemen ab.

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Investitionsstau + Zukunftstechnologien kaputtreguliert?

Allianz-Chef Oliver Bäte bei der Bilanzmedienkonferenz der Allianz 2017 (Archivfoto). Quelle: allianz.comEine solche Bürgerversicherung fordert die SPD vor den Sondierungsgesprächen mit der Union für eine mögliche Neuauflage der großen Koalition: Die privaten Krankenversicherer sollen neue Krankenvollversicherungen nur noch zu denselben Bedingungen anbieten dürfen wie die gesetzlichen Krankenkassen. So soll die Ungleichbehandlung zwischen privat und gesetzlich Krankenversicherten abgeschafft werden. Doch laut Bäte ist das kein zentrales Thema, dem sich die Politik stellen müsse.

Als eigentliches Problem wertet Oliver Bäte stattdessen, dass Deutschland bei wichtigen Schlüsseltechnologien gegenüber anderen Ländern den Anschluss verlieren könnte. Er frage sich, welche Industriestrategie die Bundesregierung für Deutschland habe und wer in Berlin darüber nachdenke, was in zehn Jahren die führenden Industrien sein werden.

„Jeder amerikanische Präsident hat eine Kommission, die eine ökonomische Strategie für das Land erstellt und definiert, welche Technologien man beherrschen will. Die Chinesen machen es mit ihrer Hightech-Strategie „Made in China 2025“ nach und vielleicht noch besser. Und wir diskutieren über die Bürgerversicherung. Toll!“, sagte der Allianz-Chef der FAZ.

Dass Deutschland bei den Schlüsseltechnologien nicht mehr mithalten kann, resultiert laut Bäte aus zwei Ursachen: dem Investitionsstau in Deutschland und der strengen Regulierung. Er kritisiert die -aus seiner Sicht- zu niedrigen Investitionen der öffentlichen Haushalte in die Infrastruktur und die Probleme bei Großprojekten wie dem Berliner Hauptstadtflughafen BER. Die fehlenden Investitionen könnten dazu führen, dass Deutschland seinen Wohlstand langfristig verliere: Noch immer zehre das Land von Reformen der späten 90er.

Strickte Regulierungsvorgaben würden darüber hinaus dazu beitragen, dass wichtige Technologien aus Deutschland abwandern: etwa die hierzulande verbotene Stammzellenforschung nach Bulgarien. „Ich halte das für fundamental falsch, weil wir die Forschung nicht mehr kontrollieren können“, so Bäte.

Millionenschweres Digitalprogramm der Allianz

Oliver Bäte hat der Allianz selbst ein Millionenschweres Modernisierungsprogramm verpasst. Und muss dabei seinen Kurs selbst gelegentlich neu ausrichten. So hat die Allianz mit „Allianz X“ im Winter des letzten Jahres eine eigene Start-up-Schmiede ins Rennen geschickt, ausgestattet mit 400 Millionen Euro an Wagniskapital (der Versicherungsbote berichtete).

Ursprünglich sollten unter dem Banner von Allianz X selbst Firmen gegründet werden, die Zukunftstechnologien entwickeln. Diese Strategie hat der Versicherer nun aufgegeben. Stattdessen fokussiert sich Allianz X „nunmehr auf Investments in Digitalinitiativen mit strategischer Relevanz für Allianz, und zwar in den fünf Ökosystemen Mobilität, vernetzte Gebäude, vernetzte Gesundheit, Vermögensmanagement und Altersvorsorge sowie Datenintelligenz und Internetsicherheit“, heißt es in einer Pressemeldung der Allianz Group.

Ein weiteres Steckenpferd der Allianz ist die „Single Digital Agenda“, eine weltweite Digitalstrategie des Versicherers, die mit 700 Millionen Euro bestückt ist. Damit hat die Allianz unter anderem aufstrebende Märkte wie in Afrika ins Auge gefasst. „Die Allianz geht voran und ist Zentrum des Geschäfts, nicht ihr Opfer“, gab Allianz-Chef Bäte als Losung für die digitale Zukunft des Versicherers aus. Dass dies nicht immer reibungslos geht, zeigen Probleme bei der deutschen Krankenversicherungs-Tochter: Dort führte eine IT-Umstellung dazu, dass viele Kundenanfragen nur mit Verzögerung bearbeitet werden können (der Versicherungsbote berichtete).

FAZ