Die 2011 eingeführte Zinszusatzreserve für Lebensversicherungen ist 2016 auf ein Rekordhoch von 44,1 Milliarden Euro gestiegen. Das geht aus einer Antwort der Bundesregierung auf Anfrage der Linksfraktion hervor, wie die Rheinische Post am Montag berichtet. Stand Ende 2015 hatten die Versicherer laut der Finanzaufsichtsbehörde BaFin noch etwa 32 Milliarden Euro als Zinszusatzreserve zurückgehalten.

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Puffer für schlechtere Zeiten

Die Lebensversicherer sind seit 2011 gesetzlich verpflichtet, die Zinzusatzreserve anzusparen. Gedacht sind die Rücklagen als Puffer für schlechtere Zeiten, um die hohen Garantien aus Altverträgen abzusichern.

Der Hintergrund: Die Versicherer haben noch viele Altverträge aus den 90er Jahren im Bestand, die ihren Kunden einen Garantiezins von 3,5 bis vier Prozent auf den Sparanteil versprechen. Doch am heutigen Kapitalmarkt lässt sich dieser hohe Zins kaum noch erwirtschaften: schon gar nicht mit festverzinslichen Anlagen, in die Lebensversicherer große Teile ihres Geldes investieren müssen. Zehnjährige Anleihen, typisches Lebensversicherer-Invest, warfen laut dem Analysehaus Assekurata zu Beginn des letzen Jahres nur 0,67 Prozent Zinsen ab.

Also sollen die Lebensversicherer zusätzliche Sicherheiten ansparen, um die Ansprüche der Altkunden auch langfristig bedienen zu können. Je länger das Zinstief anhält, desto mehr müssen die Anbieter zurücklegen. Gestartet war die Zinszusatzreserve 2011 mit 1,5 Milliarden Euro.

175 Milliarden Euro Zinszusatzreserve im Jahr 2025?

Es könnte noch dicker kommen. „In den kommenden beiden Jahren wird der Betrag voraussichtlich noch einmal steigen. Die Entwicklung zeigt, wie groß die Herausforderungen durch den Niedrigzins sind“, sagte Frank Grund, Chef der Versicherungsaufsicht bei der Finanzaufsicht BaFin, im Sommer 2016. Leidtragende sind vor allem die Kunden, die sich auf sinkende Renditen einstellen müssen.

Dringenden Handlungsbedarf sieht auch Assekurata in seinem „Marktausblick zur Lebensversicherung 2016/17“. Bliebe das aktuelle Zinsniveau für die Zukunft bestehen, summierten sich die Zusatzreserven im Jahr 2025 auf dann gesamt etwa 175 Milliarden Euro, rechnet das Analysehaus vor (der Versicherungsbote berichtete).

„Überschusssystem ist ein Dickicht“

Die Versicherungsexpertin der Linksfraktion, Susanna Karawanskij, warf der Bundesregierung vor, insgesamt auf dem Versicherungsmarkt nicht für ausreichend Transparenz zu sorgen. Am Hungertuch nagten die meisten Versicherung nicht, sagte Karawanskij der Rheinischen Post. "Ihnen kommt zugute, dass das Überschusssystem ein Dickicht ist, durch das nicht mal versierte Finanzer von außen dringen können." Dieses Dickicht müsse endlich gerodet und zugunsten der Verbraucher transparent gemacht werden.

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Dass aber die Lebensversicherer durchaus unter ihren hohen Altlasten ächzen, zeigen Überlegungen einiger Anbieter, ihr klassisches LV-Geschäft in eine Abwicklungs-Gesellschaft auszugliedern oder an ein anderes Unternehmen zu verkaufen, das sich auf die Abwicklung von Beständen spezialisiert hat. Unter anderem hat die Arag angekündigt, ihr Lebensversicherungs-Geschäft an den Bestands-Verweser Frankfurter Leben Gruppe zu verkaufen. Auch die Ergo plant ein Run-off für klassische Lebensversicherungen.

Rheinische Post