2.500 Euro Bruttolohn bedeuten Rente auf Hartz-IV-Niveau

Wie kommt Bsirske auf diese drastische Zahl? Mit einer einfachen Rechnung. Derzeit verdient jeder dritte Arbeitnehmer weniger als 2.500 Euro Bruttolohn im Monat. Wer sein ganzes Erwerbsleben lang unter dieser Einkommensgrenze verdient -Bsirske rechtnet mit 35 Beitragsjahren-, dessen Rentenanspruch würde im Jahr 2030 unter der derzeitigen Grundsicherung von 750 Euro im Monat liegen. Mit anderen Worten: selbst der Mittelstand muss die Armut im Alter fürchten!

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Bsirskes Zahlen wurden umgehend kritisiert. Das Handelsblatt sprach von einer „klassischen Milchmädchenrechnung“, wenn auch mit einem Kern Wahrheit. Bsirske geht schlicht davon aus, dass das Gehalt der Betroffenen über die gesamte Lebensarbeitszeit hinweg unverändert bleibt – was bei vielen Menschen nicht der Fall sein dürfte. Sie können ihre Einkommenssituation auch verbessern. Dass manche Beschäftigte freiwillig weniger verdienen, etwa weil sie nur in Teilzeit tätig sind und über ihren Lebenspartner finanziell abgesichert, blendet Bsirske ebenfalls aus.

Aber, und dies ist der Kern Wahrheit: Die Prekarisierung des Arbeitsmarktes hat spätestens seit den Arbeitsmarktreformen unter Gerhard Schröder stark zugenommen, so berichtet die gewerkschaftsnahe Böckler-Stiftung. Mussten im Jahr 1990 noch 20 Prozent der Beschäftigten mit befristeten und schlecht bezahlten Jobs Vorlieb nehmen, so sei diese Zahl bis 2015 auf 39,3 Prozent angewachsen. Umso wahrscheinlicher ist auch, dass ganze Erwerbsbiographien von niedrigen Löhnen geprägt sind. Und die Betroffenen gezwungen sind für einen Lohn zu arbeiten, der keine auskömmliche Rente sichert.

Rente als Wahlkampfthema vorbereitet

Doch Bsirskes drastische Rechnung erfolgt nicht ohne Hintergedanken – die Rente dürfte bei der kommenden Bundestagswahl ein wichtiges Thema werden. Und hier positionieren sich die Gewerkschaften dafür, die gesetzliche Rente zu stärken, indem das Rentenniveau wieder angehoben oder zumindest nicht weiter abgesenkt wird.

Das sogenannte Rentenniveau beschreibt, wieviel Prozent des durchschnittlich während seines Erwerbslebens erzielten Nettolohns vor Steuern jemand als Rente erhält, der 45 Jahre lang eingezahlt und immer den Durchschnittsverdienst erzielt hat. Und dieses Niveau soll von ursprünglich über 50 Prozent auf 43 Prozent im Jahr 2030 abgesenkt werden, so hat die Bundesregierung 2001 beschlossen.

Für Bsirske eine klare Fehlentscheidung, weil so auch Menschen mit Durchschnittslohn die Altersarmut fürchten müssen. Die private Vorsorge, etwa mit einer Riester-Rente, könne die entstehende Rentenlücke allein nicht schließen, so argumentiert Bsirske. Er spricht sich für eine erneute Anhebung des Rentenniveaus aus – finanziert zur Not über Beitragserhöhungen zur gesetzlichen Rentenversicherung.

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Arbeitgeber sprechen von "brandgefährlicher Dynamik"

Doch auch die Arbeitgeber haben sich bereits positioniert - eine weitere Anhebung des Rentenbeitrages kommt für sie nicht in Frage. Die Arbeitgeber weisen darauf hin, dass die eigentliche Belastungsprobe der Rentenversicherung erst bevorsteht, wenn ab 2021 die geburtenstarken Jahrgänge in Rente gehen. Der Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall, Oliver Zander, warnt vor einer "brandgefährlichen Dynamik", wenn Sozialreformen zurückgedreht werden, und einer Überforderung der Rentenkassen. Das Rentenniveau stabil zu halten oder gar wieder anzuheben, würde "etliche Milliarden verschlingen", so Zander.

Handelsblatt