ver.di-Chef Frank Bsirske. Foto: Kay Herschelmann/ver.diMillionen Deutschen droht im Jahr 2030 die Altersarmut, wenn es kein Umsteuern in der Rentenpolitik gibt. Das prognostiziert die Gewerkschaft ver.di und stützt sich hierbei auf eine Studie des Eduard Pestel Instituts aus Hannover. Wenn das Rentenniveau bis dahin auf 43 Prozent absinke, erwarten 30 Prozent aller Arbeitnehmer in Westdeutschland und sogar 40 Prozent der Beschäftigten im Osten eine Rente unter 800 Euro monatlich, so Berechnungen des Institutes. Das gelte selbst dann, wenn die Betroffenen 45 Jahre in die gesetzliche Rentenkasse eingezahlt haben.

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Jeder zweite Erwerbstätige erzielt Bruttoeinkommen von weniger als 2.500 Euro

Hintergrund der aktuellen Berechnungen ist der Umstand, dass aktuell 44 Prozent der sozialversicherungspflichtig Erwerbstätigen weniger als monatlich 2.500 Euro brutto in der Lohntüte haben. Rechnet man noch die 5,14 Millionen Minijobber hinzu, verdienen deutschlandweit rund 50 Prozent aller Beschäftigten weniger als 2.500 Euro brutto. All diese Menschen erwarten in 2030 eine Rente nahe oder unterhalb der Grundsicherung, warnt ver.di.

Frauen seien von Altersarmut besonders bedroht: 62 Prozent der Frauen im Westen und 68 Prozent der Frauen verdienen laut Studie weniger als 2.500 Euro im Monat. Zudem müssten sie öfter ihr Erwerbsleben für Kindererziehung oder die Pflege von Angehörigen unterbrechen, geben die Studienmacher zu bedenken, so dass viele Frauen weniger Beitragsjahre in der Rentenkasse ansammeln.

Frank Bsirske: „Nicht akzeptabel!“

Bei der Vorstellung der Zahlen am Freitag in Berlin nannte es ver.di-Chef Frank Bsirske „nicht akzeptabel“, dass weiten Teilen der Bevölkerung Altersarmut drohe. „Diese Rentenerwartungen sind armutsgefährdend für weite Teile der Bevölkerung, auch der Mittelschichten. Diejenigen, die nur auf 40 oder gar 30 Beitragsjahre kommen, und das sind wegen der Erziehungszeiten vor allem Frauen, rutschen definitiv auf Hartz-IV-Niveau“, warnt Bsirske. Es drohe millionenfache Altersarmut, wenn es keinen Kurswechsel in der Rentenpolitik gebe.

Bei der Studie habe das Pestel Institut auch berücksichtigt, dass viele Arbeitnehmer nicht oder nicht ausreichend privat vorsorgen, etwa mit einer Riester-Rente. Allein bei denen mit einem Monatseinkommen von 1500 bis 2500 Euro brutto seien das 4,9 Millionen, die im Alter von Grundsicherung leben müssten. Dazu kämen rund neun Millionen Arbeitnehmer mit einem Einkommen unter 1500 Euro brutto, die auch mit privater Vorsorge nicht über das Grundsicherungsniveau kommen.

ver.di fordert höheres Rentenniveau

Die Lösung aus Sicht von ver.di: eine höhere gesetzliche Rente. Nötig sei es, die Rente beim jetzigen Niveau von 48 Prozent zu stabilisieren und dann auf 50 Prozent anzuheben, so die Forderung der Gewerkschaft laut Pressetext. "Der Sinkflug der Renten muss gestoppt werden, das Niveau der gesetzlichen Rente muss stabilisiert und wieder angehoben werden", verlangt Bsirske.

Dass eine andere Politik möglich sei, zeige ein Blick über die Grenze: Österreich habe in den 2000er Jahren die Teilprivatisierung der Rente nicht mitgemacht. „Statt die Bevölkerung zum Riestern aufzufordern, hat die österreichische Politik die gesetzliche 35 ausgebaut“, sagte Frank Bsirske. Das Ergebnis: Die gesetzliche Rente sei im Durchschnitt über 500 Euro höher als in Deutschland. „Eine andere Rentenpolitik ist möglich. Auch bei uns. Es braucht aber den politischen Willen dazu“, so der ver.di-Chef.

Finanziert werden soll die Stärkung der gesetzlichen Rente laut Bsirske durch einen Beitragsanstieg auf bis zu 25 Prozent sowie eine Anhebung des Bundeszuschusses für die Rentenkassen um rund 30 Milliarden Euro.

Kritik am Niedriglohnsektor

Die Pestel-Studie berücksichtigt freilich nicht, ob und in welchem Umfang die Betroffenen ihr Einkommen steigern können. Die niedrige Rentenerwartung gilt nur dann, wenn man davon ausgeht, dass die Erwerbstätigen in ihrer Erwerbsbiographie dauerhaft wenig verdienen. Auch wird nicht ausgewiesen, ob die Minijobber ihrem Job aufgrund eines Studiums oder als Zweitjob nachgehen und später bessere Lohnaussichten haben. All dies würde die Zahlen relativieren.

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Die Gewerkschaft sieht aber einen Zusammenhang mit den niedrigen Löhnen am Arbeitsmarkt. "Vor allem der wachsende Niedriglohnsektor hat negative Wirkung auf das Lohnniveau und folglich auf die Rentenerwartung", so Bsirske. Auch wer den gesetzlichen Mindestlohn von derzeit 1.450 Euro brutto verdiene, habe weniger als die Grundsicherung im Alter zu erwarten. Laut der gewerkschaftsnahen Böckler-Stiftung arbeitet derzeit jeder fünfte Deutsche für weniger als zehn Euro pro Stunde.