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Kommentar Kapitalanlage

Geldanlage - Ist der Bundesbürger kein Homo Investicus?

Der Reichstag in bunten Farben (Symbolbild). Beim Thema Geldanlage mögen es die Bundesbürger weniger bunt.Schoenau2014@Pixabay.com

Geldanlage: Biologisch erklärte die Welt am Sonntag unlängst die deutsche „Unfähigkeit zum Sparen“. So sei die langjährige kulturelle und familiäre Sozialisation die Basis für die Art und Weise des Sparens, sogar von einem „genetischen Code der Geldanlage“ ist die Rede. Die Deutschen hielten beim Sparen immer noch an Prinzipien der Nachkriegszeit fest, der genetische Code hätte sich seitdem nicht geändert und würde vor allem bei der jungen Generation für Frust sorgen und die Nachhaltigkeit des Vorsorgesystems gefährden. Eine ziemlich steile These. Was ist dran?

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Genetischer Code? Nachkriegszeit? Geldanlage? Was ist da mit der Welt am Sonntag los? So lange die Deutschen ihr Geld nicht in Flick-Aktien anlegen, ist doch alles gut, sollte man meinen. Aber in einer Studie stellte Mercer nun unlängst fest, dass man sich in Deutschland mit der Kombination von staatlicher, betrieblicher und privater Rente überfordert fühle. Was so klar noch keiner zuvor gesehen hat, brachte Mercer nun ans Licht: die Beiträge zur gesetzlichen Rente steigen und das Versorgungsniveau sinkt.

Obschon, so neu ist diese Einsicht des Mercer Global Pension Index nun auch wieder nicht. Der Versicherungsbote schrieb in den letzten Jahren dazu bereits mehrere prophetische Artikel. Aber was leiten die „Experten“ nun aus ihren Ergebnissen ab? Etwas müsse getan werden, um das Rentensystem zu reformieren. Erstens: Anhebung der Mindestrenten für Niedriglohn-Rentner, 2. Weitere Erhöhung der Erwerbsquote älterer Arbeitnehmer, 3. Verbesserung der Kommunikation an die Leistungsempfänger, 4. Erhöhung der Teilnahmequoten in der betrieblichen Altersversorgung.

Private Vorsorge der Deutschen - unbeholfen?

Darauf geschaut, wie die Menschen in Deutschland ihr private Vorsorge betreiben, fand Union Investment in einer umfassenden Studie heraus, dass die meisten Deutschen noch mit so anachronistischen Methoden wie Sparbuch, Festgeld und Co. hantierten. Besonders für die jungen Deutschen sei, so proklamierte Welt am Sonntag, dies ein Problem. Das Sparbuch stelle keine Option mehr dar und hier nun käme „das Dilemma des genetischen Codes der Geldanlage“ zum tragen: genetisch seien die Sparer nicht fähig, eine andere Anlageform zu wählen.

Um die Behauptung zu stützen, bringt die Welt ein Berechnung der DZ Bank ins Spiel: die Zinsverluste durch traditionelles Zinssparen privater Haushalte summierten sich in dem Zeitraum von 2010 bis 2014 auf bereits 112 Mrd. Euro – 1.400 Euro pro Bundesbürger. Ein Studienteilnehmer kam beim Nachdenken, wie man seinen gentischen Code überlisten könne, auf jene Idee: ein Schulfach müsse eingeführt werden, das sich um Vor- und Nachteile von Anlageformen drehe: “Ich habe mich oft gefragt, warum ich im Matheunterricht lerne, eine Tangentensteigung zu berechnen, obwohl das im Leben nie wieder brauchen werde.” So viel zur Gencode-These der Welt am Sonntag. Hoffen wir, dass die interviewte Person nie Architekt, Physiker oder gar Aktuar werden will, sonst könnte sich fehlendes mathematisches Grundlagenwissen verheerend auswirken.

Ohne evolutionsbiologische Krücken argumentierte der Versicherungsbote zum Thema „Die Unmöglichkeit zu sparen“ bereits im April diesen Jahres. Deutsche Sparer haben zwischen 2010 und 2014 im Schnitt bereits rund 1.400 Euro an Zinsverlusten erlitten. Insgesamt ergibt sich daraus die beeindruckende Summe von 112,5 Milliarden Euro. Das macht mehr als ein Drittel dessen aus, was der deutsche Staat in diesem Jahr insgesamt ausgibt. Und allein in diesem Jahr sind noch einmal 71 Milliarden Euro an Zinsverlusten zu erwarten – rund 900 Euro je Bundesbürger. Geht’s hier also wirklich noch um Gencodes oder liegt der Fehler vielleicht in einem anderen Detail?

"Sollte es bis Ende 2020 dauern, bis das Normalzinsniveau wieder erreicht wird, erleidet ein heute 47-Jähriger bezogen auf das durchschnittliche Geldvermögen insgesamt Zinseinbußen von 4.900 Euro", hat DZ-Bank-Ökonom Michael Stappel ausgerechnet. Bringt Sparen also überhaupt nichts? Ob man seine Banknoten Zuhause hinter dem Sofakissen versteckt oder auf einem Tagesgeldkonto hortet, es würde keinen Unterschied mehr machen. Die niedrigen Zinsen schlagen unerbittliche Schneisen durch das einst so wohlstaatliche Europa und hinterlassen Heerscharen trauriger Sparer.

Zinsniveau - Tendenz weiter fallend

Keine Arbeit, keine Zinsen, keine Aussichten. Wer wirklich auf den grünen Zweig kommen will, muss zu anderen Maßnahmen greifen. Seit dem Ende der 90er-Jahre hatte sich das Niveau beispielsweise für Bankeinlagen zwischen 2,0 und 2,8 Prozent eingependelt und lag im Schnitt in dieser Zeit bei 2,3 Prozent. Im Jahr 2014 allerdings erzielten die Sparer nur noch 0,6 Prozent auf ihr Erspartes und die Tendenz: ist weiter fallend. Die privaten Haushalte haben allein in diese Anlageform rund 1,9 Billionen Euro investiert.

So ist der Zinsrückgang in diesem Bereich für den Löwenanteil der Verluste verantwortlich. Die Verluste beliefen sich von 2010 bis 2014 auf rund 111,7 Milliarden Euro. Bei Versicherungen, also vor allem Lebens-Policen, beliefen sich die Verluste bis 2014 auf insgesamt 47,5 Milliarden Euro, bei festverzinslichen Rentenpapieren und Rentenfonds auf 31,2 Milliarden Euro. Dem gegenüber stand eine Zinsersparnis bei Krediten von rund 77,9 Milliarden Euro. Insgesamt also bedeutet das einen Zinsverlust von 112,5 Milliarden Euro innerhalb der fünf Jahre zwischen 2010 und 2014.

Private Haushalte leiden an extrem niedrigen Zinsen

"Insgesamt überwiegen für die privaten Haushalte die Nachteile extrem niedriger Zinsen", so Stappels Schlussfolgerung. Ein Grund dafür sei, dass die Deutschen mehr Vermögen als Schulden hätten. In vielen südeuropäischen Staaten nämlich ergibt sich eine ganz andere Bilanz. Dort lässt sich netto, also nach Aufrechnung von Zinsgewinnen und Zinsverlusten, meist sogar ein kleines Plus errechnen. Dass die Leute in Südeuropa damit mehr auf der Bank haben, ist bekanntermaßen aber nicht der Fall.

EZB beschert Aktien Kapitalismus

...,titelt boerse-online.de. Und dass die Deutschen so sehr am Niedrigszins leiden, liegt nicht nur an ihren relativ geringen Schulden, so Zeit Online. "Es liegt auch daran, dass private Anleger in Deutschland nur gering in Aktien, Aktienfonds und Zertifikaten engagiert sind und daher kaum an positiven Entwicklungen an den Aktienmärkten partizipieren", sagt Stappel.

Allein in den ersten drei Monaten des aktuellen Jahres beispielsweise hatte sich der Wert der 30 Dax-Unternehmen um rund 250 Milliarden Euro erhöht. Von den Gewinnen der DAX-Unternehmen profitieren allerdings die wenigstens Deutschen. Obschon viele der deutsche Firmen zu den besten der Welt gehören und ihre Mitarbeiter an der Erwirtschaftung der riesigen Gewinne Anteil haben, beteiligt sich kaum ein Mitarbeiter an den Gewinnen - stattdessen gehört die Mehrheit der Aktien der Dax-Unternehmen ausländischen Investoren.

In Aktien investieren, nicht in Tagesgeld

Und die können sich über satte Kursgewinne und in den nächsten Wochen auf einen Dividendenzufluss im Wert von 30 Milliarden Euro freuen. Allein jene Dividende übrigens würde bereits die Hälfte der Zinsverluste der Deutschen ausgleichen, die ihnen in diesem Jahr widerfahren werden - dazu aber müssten sie in Aktien und nicht in Tagesgeld investieren, so Welt Online.

Nur noch 20 Prozent der Deutschen erwarten, dass die Phase des Niedrigszins in absehbarer Zeit zu Ende sein wird. Das ergab eine Umfrage der Comdirekt Bank. Jeder dritte Deutsche fürchtet sogar, dass die Zinsen noch weiter fallen werden. Bei der konsequenten Konjunkturpolitik, die die EZB betreibt, ist das durchaus nicht unwahrscheinlich. Trotzdem würden die wenigsten Deutschen der noch lange andauernde Phase mit logischem Vorgehen begegnen, wundert sich "Die Welt".

Geldanlage zeitgemäß wählen

Nur jeder Fünfte erwäge bisher, seine Geldanlage an die Gegebenheiten anzupassen, zeigte eine Umfrage des Maktforschungsinstituts TNS Emnid im Auftrag der Deutschen Börse. Und jeder Siebte erst hat wirklich schon etwas unternommen, also sein Geld stärker in Aktien und andere Sachwerte angelegt.

Unter den TOP-Ten der beliebtesten Anlageformen aber rangiert die Aktie immer noch auf dem letzten Platz. Viel beliebter, aber leider nicht "zeitgemäß" - da sie nur Minizinsen einbringen - sind Girokonto, Sparbuch, Bausparvertrag, Lebensversicherung oder Bargeld. Am Aktienmarkt hingegen geht die Rallye inzwischen wieder wild weiter und wenn die Deutschen hier nicht aufspringen, werden sich ihre Zinsverluste in den kommenden Jahren noch steigern, argumentiert Die Welt.

Allianz bestätigt: Zinsniveau drückt auf Vermögensentwicklung

Auch die Allianz kommt in einer aktuellen Studie namens „Global Wealth Reports“ zu dem Ergebnis, dass die niedrigen Zinsen die deutschen Haushalte circa 23 Milliarden Euro kosten. Seit 2010 würden sich die „Zinsverluste“ auf etwa 280 Euro pro Kopf belaufen, während gleichzeitig das Brutto-Geldvermögen in Deutschland im vergangenen Jahr um 4 Prozent anwuchs.

So zeitigen die Niedrigzinsen ihre Wirkung nicht nur in der Verzögerung des langfristigen Vermögensaufbaus, sondern auch unmittelbar bei den Einkommen, in Gestalt entgangener Zinseinnahmen und reduzierter Zinszahlungen für Kredite. In einer hypothetischen Berechnung gelangt die Allianz Studie auf der Grundlage des durchschnittlichen Zinsniveaus der Jahre 2003 bis 2008 als Vergleichsmaßstab zu dem Ergebnis, dass sich die „Zinsverluste“ für die Jahre 2010 bis einschließlich 2014 auf knapp 23 Milliarden Euro belaufen, was 280 Euro pro Kopf sind.

„Die Vermögensentwicklung in Deutschland ist im wahrsten Sinne des Wortes mittelmäßig“, kommentierte Michael Heise, Chefvolkswirt der Allianz. „Dabei sparen die Deutschen überdurchschnittlich viel. Aber kaum jemand bringt auch so viel Geld zur Bank wie wir, obwohl die Bankzinsen deutlich niedriger sind als im Rest Europas. Es scheint, als ob die deutschen Sparer immer noch im Krisenmodus verharren und Anlageentscheidungen eher vermeiden wollen. Abwarten heißt jedoch Geld zu verschenken. Sechs Jahre nach Lehman ist es höchste Zeit, wieder langfristig zu denken und zu investieren.“ Höchste Zeit, den Gencode zu überschreiben.

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Stefanie Rodegast

versicherungswirtschaft-heute.de, versicherungsbote.de, Welt Online
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