Dass sich die Lebensversicherung in einer existentiellen Krise befindet, zeigen nicht nur die kritische Berichterstattung in den Medien. Auch die Lebensversicherer selbst scheinen zunehmende Zweifel zu haben, ob sie langfristige Garantiezusagen auch zukünftig bedienen können. Aktuelles Beispiel hierfür ist Maximilian Zimmerer, Chef-Investor der Allianz SE.

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“Müssen mit den Garantien für die Altersvorsorge runter“

In einem Interview mit dem Wirtschaftsmagazin „Capital“ (Ausgabe 6/2015) stellt Zimmerer lebenslange Zinsgarantien für neue Lebensversicherungen infrage. Wenn es dabei bleibe, dass Lebensversicherer einen Großteil der Kundengelder in festverzinsliche Wertpapiere investieren müssten, „dann müssen wir mit den Garantien für die Altersvorsorge runter. Wir müssen sie zwar nicht aufgeben, aber zumindest der Dauer oder der Höhe nach begrenzen", sagte der promovierte Jurist. Seit dem 1. Juni 2012 ist Zimmerer für die Kapitalanlagen der Allianz zuständig.

Der Vorschlag zeige die Not, in der sich das beliebteste Vorsorgeprodukt der Deutschen seit einigen Jahren befindet, kommentiert die Captial-Redaktion in einer Pressemeldung. Seit Jahresbeginn garantieren Lebensversicherer bei neuen Policen nur noch eine Verzinsung von 1,25 Prozent, auch die Überschussbeteiligung sinkt seit Jahren. Experten sehen etliche Lebensversicherer in Europa für finanziell gefährdet - auch der Internationale Währungsfonds in Washington hatte Mitte April vor Pleitegefahren für die Branche gewarnt. Die europäischen Lebensversicherer stehen vor einem „unhaltbaren Geschäftsmodell“, so die Einschätzung der IWF-Ökonomen.

Vorbild Belgien: Kunden kaufen eine achtjährige Garantie

Zimmerer sagte gegenüber „Capital“, für die Allianz könne er eine finanzielle Schieflage "hundertprozentig ausschließen". Dennoch erschwerten die ultraniedrigen Zinsen das Geschäft der Versicherer. "Interessant ist, was man in Belgien seit Längerem macht: Dort gibt es nach acht Jahren einen Garantie-Reset. Das heißt: Der Kunde kauft eine achtjährige Garantie."

Nach Ablauf dieser Frist werde die Verzinsung für die nächsten Jahre neu festgelegt, etwa orientiert an der Verzinsung belgischer Staatsanleihen. Versicherer seien dann nicht mehr gezwungen, Geld möglichst langfristig zu schlechten Konditionen anzulegen, und Kunden hätten bei steigenden Zinsen früher die Chance auf größere Gewinne. "Wenn die Inflation steigt, haben sie höhere Wiederanlagezinsen. Dann gehen auch die Garantien für die Kunden wieder nach oben", sagte Zimmerer. "Das halte ich für eine sehr interessante Idee."

Zimmerer rechnet mit Anhalten des Niedrigzinses

Einen schnellen Anstieg der Zinsen auf breiter Front hielte er zwar für "wunderbar", sagte Zimmerer, aber: "Ich sehe keine baldige große Zinswende in Europa." Warnungen vor einem Crash an den Finanzmärkten im Zuge eines Zinsanstiegs wies er zurück: Kurzfristige Marktbewegungen seien für die Allianz irrelevant. "Das bisschen Wackeln hin und her stört mich überhaupt nicht."

Selbst eine Pleite Griechenlands hält Zimmerer "für verkraftbar in jedem Fall, aber nicht wünschenswert". Für Griechenland wären die Folgen einer Pleite "katastrophal. Aber für den Rest gilt: Wir haben heute gute Sicherungsmechanismen. Die europäischen Staaten haben sich deutlich stabilisiert."

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Die Allianz konnte bei der Hauptversammlung Anfang Mai in München gute Zahlen präsentieren. Der Umsatz stieg 2014 um 11 Prozent auf nun 37,8 Milliarden Euro, das operative Ergebnis liegt mit 2,9 Milliarden Euro um 4,8 Prozent höher als im Vorjahr. Zugleich musste der mittlerweile ausgeschiedene Vorstandschef Diekmann einräumen, dass die LV-Sparte im deutschen Neugeschäft schwächelt. Die Beitragseinnahmen in Deutschland stiegen zwar um 11,8 Prozent auf 19.014 Millonen Euro. Aber das Wachstum wurde vor allem mit Sparprodukten gegen Einmalprämie erzielt, während die laufenden Beiträge stagnieren. Insgesamt vertreibt die Allianz Lebensversicherungs-Produkte in 42 Ländern und gehört damit zu den Weltmarktführern.

Pressemeldung Capital