Deutsche und Chinesen sparen recht erfolgreich. In Amerika hingegen trifft man an einem normalen Tag wohl kaum eine Person, die nicht knietief in den Schulden steht. Liegen diese Unterschiede begründet in der Geschichte der Länder, in ihrer soziokulturellen Tradition oder in der Struktur ihrer Wirtschaft? Nein, unsere Grammatik bestimmt unser Denken, so die Ausgangsthese der Theorie des Ökonoms Keith Chen über den Zusammenhang von Sprache und Spardisziplin.

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Geldanlage: Sprache beeinflusst Individuen, Unternehmen, ganze Nationen

Im Zusammenhang mit der Theorie Chens konnte eine aktuelle Studie der Business School CEIBS in Shanghai unlängst belegen, dass die Sprache nicht allein das Sparverhalten einzelner Individuen prägt. Nein mehr noch: Die Studie zeigte, dass sich die Sprache auswirkt auf die Finanzen ganzer Unternehmen. Der Studie der CEIBS zugrunde liegt ebenso die Annahme, dass sich Sprache auf Denken und Handeln der Menschen auswirkt. Auf den ersten Blick wirkt ein solcher Zusammenhang bezogen auf das Sparverhalten ziemlich fadenscheinig.

Doch fadenscheinig hin oder her. Seit der CEIBS Untersuchung jedenfalls steht fest, dass die Barreserven der Firmen in Sprachregionen, die keine Futurform benutzen, deutlich höher sind, als in den Gebieten des starken Futurs. Besonders eindrucksvoll war zudem für die Ökonomen aus Shanghai die Veränderung, die sich nach 1997 in Hongkong vollzogen hatte: Nachdem die einstige britische Kronkolonie wieder Teil Chinas geworden war, verschob sich nicht nur die sprachliche Dominanz zugunsten des Chinesischen - gleichzeitig mit der sprachlichen Verschiebung hin zum schwachen Futur erhöhten viele Firmen in Hongkong auch ihre Barreserven.

Berühmte Anhänger der Theorie

Wilhelm von Humboldt, der Bruder des großen Entdeckers, beschäftigte sich mit kulturwissenschaftlichen Zusammenhängen, mit Staatstheorie und unter anderem eben auch mit der analytischen Betrachtung von Sprache. Humboldt fand den Zusammenhang zwischen Sprache, Gedanken und Handlungen ebenso einleuchtend wie Chen und die Forscher aus Shanghai. Und auch in der linguistischen Forschung ist man seit den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts mit dieser Theorie per Du, die hier so genannte Sapir-Whorf-Hypothese trägt ihren Namen im Andenken an zwei Sprachwissenschaftler. Die Zahl und die Bedeutung der Anhänger der Sprach-Denk-Tat-Theorie ist also nicht gerade marginal.

Der Ökonom Keith Chen von der Yale Universität nahm die alte Idee also auf und projizierte sie auf einen wirtschaftlichen Kontext. Deutsche sprechen über die Zukunft normalerweise in der grammatikalischen Verwendung der Gegenwart. (Beispiel: Morgen fahre ich nach Phnom Penh, oder Döbeln. Wie man will. Wichtig ist, dass das Wort "Morgen" hier der einzige Hinweis auf die Zukunft ist - in der Grammatik selbst aber ist keine Zukunft enthalten) Das Besprechen der Zukunft unter Verwendung der grammatikalischen Gegenwart ist so auch verbreitet in der Sprache der Chinesen, der Schweden, Finnen, der Japaner und Niederländer, der Esten und Norweger. Man spricht hier von einem "schwachem Futur". Dem gegenüber steht das "starke Futur", das neben dem Englischen auch im Französischen, Spanischen oder Türkischen vorherrschend ist.

Schwaches Futur für gute Sparer

Chen dazu: "Für meine Studie habe ich verschiedene Industrieländer untersucht, und dabei ihre Sparquote und ihre Sprache verglichen. In Ländern wie China, Japan, Norwegen und Finnland mit einer zukunftslosen Sprache, war auch die Sparquote substantiell höher. Die Bevölkerung solcher Länder spart jedes Jahr im Schnitt sechs Prozent mehr ihres Bruttoinlandsprodukts als Staaten, in denen die Bürger zwingend das Futur benutzen müssen. Zum Beispiel in Spanien, Griechenland oder Portugal.

Chen glaubt, dass der Unterschied zwischen Gegenwart und Zukunft sich in Sprachen mit starkem Futur stärker anfühlt. Er glaubt: "... das macht es schwerer zu sparen." Denn zum Vorteil, der sich aus Erspartem in der Zukunft ergibt, fühlt man sich durch das Futur in größerer Distanz. Im schwachen Futur fühlt sich der Vorteil des Sparens dagegen viel unmittelbarer an und ist deshalb reizvoller.

Den Deutschen ist die Zukunft näher

Grundsätzlich ist es doch so, meint Chen: "Geld beiseite zu legen kostet Überwindung. Es verursacht heute Kosten und ich kann erst morgen einen Nutzen daraus ziehen. Wenn man wie die Deutschen in der Gegenwartsform über das Sparen sprechen kann, obwohl man die Zukunft meint, ist es einfacher zu sparen. Den Deutschen ist die Zukunft näher, die Überwindung ist nicht so groß."

Das mutet alles recht phantasievoll an und dazu steht Chen. Aber Chen hat auch Zahlen vorbereitet, die seine Theorie zementieren. Er hat die Sparraten in den OECD-Ländern daraufhin untersucht, welche grammatikalische Form beim Besprechen der Zukunft in der Sprache der jeweiligen Länder vorherrscht. Sein Ergebnis bezeugt: Im Durchschnitt sparen Menschen, die in der Gegenwartsform über die Zukunft sprechen, fünf Prozent mehr als die anderen.

Damit sei allen multilingualen Global Playern anempfohlen, zeitnah über eine Revision ihrer Unternehmensprache nachzudenken. Gibt es doch nur in der deutschen Sprache diese besondere Balance zwischen zwei antagonistischen Elementen, den atemtragenden Vokalen und den körpernahen Konsonanten (So schreibt es Uwe Timm). Und beim sparen hilft's ja auch.

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