Der Mensch ist vernunftbegabt und zu sozialen Bindungen fähig, das Tier instinktgeleitet? Spätestens seit den 60er Jahren bröckelt diese Unterscheidung. Neuere Studien wollen dem Gefühlsleben von Tieren eine größere Vielschichtigkeit zugestehen. Sie sehen das Verhalten nicht auf wenige Grundbedürfnisse wie Fressen und Fortpflanzen reduziert, sondern glauben bei Tieren komplexe Gefühlswelten zu erkennen, wie sie auch dem Menschen zu eigen sind.

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Gregory Berns, Professor für Psychiatrie und Verhaltensforschung an der Emory University in Atlanta, hat nun in der New York Times einen Essay veröffentlicht, der die Debatte über das Innenleben von Tieren neu anstoßen könnte. Zwei Jahre lang hat Berns mit Hunden geforscht und ihre Hirnströme mit einem Magnetresonanztomografen gemessen. Seine so umstrittene wie faszinierende These: „Auch Hunde sind nur Menschen!“ Und er geht sogar noch weiter: Man müsse Tieren bestimmte Formen der Menschenrechte zugestehen, wenn man der Gemeinsamkeit von Mensch und Hund Rechnung tragen will.

Wie kommt der Hund in den Scanner?

Doch bevor er erste Ergebnisse präsentieren konnte, musste Professor Berns seine Hunde trainieren. Denn die Hirnmessung muss bei vollstem Bewusstsein durchgeführt werden. Die Magnetresonanztomographie ist ein aufwendiges Verfahren: Hierfür werden die untersuchten Personen in eine Röhre geschoben und müssen absolut still halten. Selbst Menschen empfinden die Prozedur als unangenehm – aber Hunde? Wie sollen die temperamentvollen Tiere dazu gebracht werden, sich freiwillig in die Röhre zu begeben und Kopf und Körper nicht zu bewegen? Schon kleinste Abweichungen können die Ergebnisse der Messung unbrauchbar machen.

Also tat sich der Neurowissenschaftler mit einem Hundetrainer zusammen und baute in seinem Wohnzimmer die Attrappe eines Tomografen auf. Der Hundetrainer sollte den Tieren lehren, sich wie eine menschliche Versuchsperson zu verhalten. Da Gregory Berns selbst ein Hundeliebhaber ist, wusste er auch, welches Tier den Anfang machen sollte: Callie, seine eigene Hündin, ein Schwarzer-Terrier-Mix. Normalerweise liebt es die zottelige Dame, im Hinterhof Eichhörnchen und Kaninchen zu jagen. Aber nun lernte die Hündin, die Stufen zu einem MRI-Scanner hochzulaufen, ihren Kopf in eine passgenaue Kinnablage zu legen und stillzuhalten. Auch Ohrenschützer musste die Hundedame erdulden, damit ihr empfindliches Hörorgan nicht von den 95 Dezibel lautem Lärm geschädigt wird, den so ein Scanner absondert. Und Callie lernte schnell. So wie andere Hunde auch, die sich in den Dienst der Wissenschaft stellten.

Berns ist es wichtig zu betonen, dass die Experimente auf freiwilliger Basis erfolgten. “Von Anfang an haben wir die Hunde als Personen behandelt“, berichtet Berns. „Wir hatten eine Einwilligungserklärung von dem Besitzer, die sich an entsprechenden Dokumenten für Kinder orientierte. Wir haben betont, dass die Studie freiwillig ist, und dass der Hund das Recht hat, jederzeit das Experiment abzubrechen. Wir hatten nur positive Trainingsmethoden – kein Druck und keine Bestrafung. Wenn die Hunde sich im Scanner unwohl fühlten, konnten sie ihn jederzeit verlassen.“

Das Hirn von Mensch und Hund verarbeitet Emotionen ähnlich

Wie aber kommt nun der Wissenschaftler zu seiner Behauptung, Hunde seien auch nur Menschen? Um diese Argumentation nachzuvollziehen, müssen wir uns in eines jener Hirnareale begeben, das für die Bewertung von Gefühlen bedeutsam ist: dem Caudatus Nucleus. Reich an Dopamin-Rezeptoren, sitzt der Caudatus zwischen dem Hirnstamm und der Hirnrinde. Hier werden frühere Erfahrungen verknüpft, hier wird antizipiert, was der Mensch von einem bevorstehenden Ereignis erwartet: Ob Wohlbefinden oder Schmerz, Erregung oder Gleichgültigkeit, Sympathie oder Antipathie. Und hier zeigen Mensch und Hund bei der Informationsverarbeitung überraschende Übereinstimmungen.

„Beim Menschen spielt der Caudatus eine Schlüsselrolle für jene Sachen, die wir als positiv empfinden, Sachen wie Essen, Liebe oder Geld“, erklärt Berns. Normalerweise sei es aufgrund der Komplexität des Gehirns nicht so einfach, von der Messung der Hirnströme auf das Denken eines Menschen zu schließen. Aber der Caudatus könnte hier eine Ausnahme bilden. Bestimmte Teile dieser Hirnregion werden zuverlässig aktiviert, wenn wir eine Sache genießen. „Die Hirnaktivität im Caudatus ist so verlässlich, dass man anhand der Messungen sogar die Vorlieben eines Menschen für Essen und Musik vorhersagen könnte“, so Gregory Berns.

Bei Hunden konnten die Neurowissenschaftler bei ihren MRT-Tests eine ganz ähnliche Aktivierung dieser Hirnregion beobachten. Wenn die Tiere Essen schnupperten oder den Geruch einer vertrauten Person, dann kam das Belohnungssystem des Hirns in Wallung. Positive Gefühle ließen sich sogar nachweisen, wenn die Hunde ihren Besitzer wiedersahen, nachdem diese kurzzeitig den Raum verlassen hatten – ein deutliches Indiz für soziales Empfinden. Der Hund hat sein Herrchen einfach gern.

„Beweist dies, dass die Hunde uns lieben?“, fragt Gregory Berns. „Nicht ganz. Aber viele der Wahrnehmungen, die den menschlichen Caudatus stimulieren und mit positiven Emotionen verknüpft sind, stimulieren auch den Caudatus eines Hundes. Neurowissenschaftler nennen dies eine Funktionshomologie.“ Die Schlussfolgerung des Hirnforschers: Hunde haben ein ähnlich komplexes Gefühlsleben wie ein Kleinkind. Sie sind in der Lage, positive Gefühle wie Liebe und Zuneigung zu erfahren, wie Menschen dies eben auch können.

Müssen Hunde wie Personen behandelt werden?

Für den Hundeliebhaber Gregory Berns ergeben sich aus den Erkenntnissen ganz neue Anforderungen an den Umgang mit Tieren. Zwar habe das amerikanische Tierschutzgesetz von 1966 eine Misshandlung von Tieren verboten, aber zugleich ihren Status als Besitz und Sache zementiert, kritisiert Berns. Der Grund für diese Fehleinschätzung seien auch die Beschränkungen des Behaviourismus gewesen, wonach sich das Gefühlsleben eines Hundes auf ein bloßes Reiz-Reaktionsschema reduzieren ließe. Iwan Pawlows These von der Konditionierung legte hierfür den Grundstein.

Aber nun, da die Magnetresonanztomographie ein weitaus komplexeres Gefühlsleben der Tiere gezeigt habe, könne dieses Denken nicht mehr aufrecht erhalten werden. „Hunde und möglicherweise viele andere Tiere auch (besonders die Primaten als unsere nächsten Verwandten) scheinen Gefühle zu haben, die den menschlichen vergleichbar sind. Das macht es unmöglich, sie weiterhin wie ein Ding zu behandeln“.

Eine Möglichkeit bestünde darin, Tieren eingeschränkte Personenrechte einzuräumen. Wer sich ein Tier hält, wird dann als „Vormund“ eingestuft, das Tier selbst als Schutzbefohlener – damit müsste ein Tierhalter für das Wohlbefinden seines Tieres Sorge tragen, ähnlich wie Eltern dem Wohlsein ihres Kindes verpflichtet sind. Das würde auch zwangsläufig auf ein Verbot von Tierversuchen, Hunderennen und Tierzucht zu Ausstellungszwecken hinauslaufen, da damit gegen das „Selbstbestimmungsrecht“ der Tiere verstoßen werde.

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Doch Gregory Berns provoziert mit seinem Aufsatz viele weitere Fragen. Wenn seine Thesen zutreffen - dürfen wir dann Tiere, die scheinbar weniger intelligent sind, schlechter behandeln als "intelligentere" Tiere? Ist es die Ähnlichkeit zum Menschen, die uns über das Wohlbefinden eines Tieres urteilen lässt? Und wer entscheidet über die Kriterien? Müsste der Mensch nicht komplett auf Fleischkonsum verzichten, wenn auch Tiere als Personen gesehen werden? Spätestens seit der amerikanische Autor Jonathan Safran Foer mit seinem Buch "Tiere essen" 2009 einen Bestseller landete, werden solche Fragen in der Öffentlichkeit breit diskutiert. Der Neurowissenschaftler aus Atlanta wird viel Zustimmung erhalten - und sich auf viele Gegenstimmen einstellen müssen. Nicht jeder wird im Gefühlsleben des Hundes eine gleiche Qualität erkennen wollen.