Die Europäische Zentralbank (EZB) hat den Leitzins für die Euro-Länder von 0,75 auf 0,5 Prozent gesenkt. Von der Senkung auf das Rekordtief erhofft sich der EZB-Rat die Weitergabe des günstigen Zentralbankgeldes in Form von Krediten an Unternehmen und Verbraucher.

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Versicherungsbranche kritisiert Leitzinssenkung

Gegenwind kam aus der Versicherungsbranche. In einem gemeinsamen Schreiben des Bundesverbandes der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR), des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes (DSGV) und des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) warnt die Branche vor der Entscheidung der EZB: „Eine erneute Zinssenkung wäre ein falsches Signal für Sparer und alle, die für das Alter vorsorgen. Jeder Zinsschritt nach unten lässt die Sparguthaben schmelzen. Sinkende Zinsen bedeuten einen sinkenden Anreiz für das Sparen und Vorsorgen. Dabei müssen die Menschen heute mehr als bisher vorsorgen, um ihren Lebensstandard im Alter zu sichern.“

Erst im vergangenen Jahr hatte die Europäische Zentralbank den Leitzins auf 0,75 Prozent gesenkt (der Versicherungsbote berichtete: „EZB senkt Leitzins“). Bereits damals zeigte sich Georg Fahrenschon, Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes, skeptisch ob der Entscheidung der EZB. Zwar sei die Entscheidung vor dem Hintergrund der aktuellen Situation vertretbar. Dennoch solle man sich von der Maßnahme keine Wunderheilung versprechen, so Fahrenschon. „Einen nennenswerten konjunkturellen Effekt wird diese Zinssenkung von ‚nahe Null’ auf ‚noch näher Null’ nicht haben“, erklärte der Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes weiter.

Effekt auf Liquidität wäre sehr gering

Ebenso kritisch sieht der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) die aktuelle Zinssenkung. So erklärte Hauptgeschäftsführer Martin Wansleben: "Der Zinsschritt nach unten ist ein Tribut der EZB an die Rezession in weiten Teilen der Eurozone. Ob er hilft, ist allerdings sehr fraglich". Vielmehr hätten die Banken bereits zuvor genügend Liquiditätsspielraum für die Unternehmensfinanzierung, nutzten ihn aber nicht.

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Marcel Fratzscher, Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), sagte gegenüber dem Handelsblatt: "Der Effekt auf die Refinanzierungsbedingungen der Banken und die Liquidität wäre sehr gering". Zudem kritisierte er die Geldpolitik in Krisenländern. Dort kommt das Geld nicht bei den Unternehmen an. Doch dies liege sicher nicht an zu hohen Zinsen, sondern an den Problemen der Banken und weiterhin hohen Risiken.

Handelsblatt