Der Strom kommt aus der Steckdose – und schon bald von den großen deutschen Versicherungsunternehmen? Laut einem Bericht des Handelsblattes zeigen die Branchengrößen Allianz und Munich Re Interesse, Milliarden in den Ausbau der Strom- und Gasnetze zu investieren. Sie würden von den üppigen Zinsen profitieren, die der Staat für den Ausbau erneuerbarer Energien zur Verfügung stellt.

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Die Energiewende hat ein entscheidendes Problem. Um die Haushalte mit Wind-, Gas- und Sonnenenergie zu versorgen, müssen die Stromnetze weiter ausgebaut werden, doch das verschlingt Milliarden von Euro. Viele Stromnetzbetreiber stoßen an die Grenzen ihrer finanziellen Möglichkeiten – so auch der niederländische Anbieter TenneT, der rund 460 Millionen Euro Umsatz im Jahr erwirtschaftet und ein wichtiger Kooperationspartner der Bundesregierung beim Ausbau der Windenergie ist.

Die TenneT Holding ist mit dem Ausbau der Netzanbindung für Offshore-Windparks in der Nordsee überfordert. Rund 15 Milliarden Euro müsste der niederländische Staatskonzern laut Handelsblatt zusätzlich in das deutsche Stromnetz investieren, damit der rauen Nordseeküste zukünftig die geplante Menge Energie abgerungen werden kann. 10.000 Megawatt Strom sollen es bis zum Jahr 2020 sein – genug, um eine Großstadt wie Berlin zu versorgen. Ohne die Windparks auf hoher See kann die Energiewende nicht gelingen, aber TenneT räumt offen ein, Probleme mit der Finanzierung zu haben.

Versicherer könnten TenneT-Stromnetz übernehmen

Das ruft Akteure auf den Plan, die weniger knausern müssen: Die deutschen Versicherer. Die Allianz, Europas größter Versicherungskonzern, und der weltgrößte Rückversicherer Munich Re haben nach Informationen des Handelsblattes (Montagsausgabe) Interesse an der Übernahme und dem Ausbau des Tennet-Netzes bekundet. Beide hätten bereits im Ministerium vorgefühlt, heißt es in Verhandlungskreisen. Für die milliardenschweren Unternehmen wäre es kein Problem, die Kosten für den Ausbau des Stromnetzes zu stemmen. Sogar die Bundesregierung habe TenneT schon einen Verkauf des Stromnetzes nahe gelegt und plane mit den Versicherern, da man mit den Fortschritten beim Ausbau des Stromnetzes unzufrieden sei.

Eine offizielle Bestätigung der Versicherer steht noch aus. Bei Munich Re hieß es, man kommentiere Spekulationen um TenneT nicht, könne sich aber „ganz generell“ weitere Investitionen in das Stromnetz vorstellen. Der Konzern ist bereits an Amprion, einem der drei weiteren deutschen Netzbetreiber, beteiligt. Am Montag gab die Munich Re zudem den Kauf von drei britischen Windparks bekannt. Auch die Allianz kommentierte, das Stromnetzgeschäft sei „grundsätzlich ein ideales Investment“.

Gewaltige Renditen zulasten des Stromkunden

Ganz selbstlos ist das Engagement der Versicherer allerdings nicht. Je risikoreicher das Investment in Staatsanleihen wird und je weniger Rendite die Papiere abwerfen, desto mehr wächst der Wunsch nach alternativen Anlageformen. Für Neuinvestitionen in Stromnetze hat die Bundesnetzagentur eine Eigenkapitalverzinsung von 9,05 Prozent festgelegt, um Investoren anzulocken. Die gewaltigen Zinsen werden von den Bundesbürgern über die Verbraucherpreise mitfinanziert – ein lukratives und sicheres Geschäft.

Aber ungeklärte Haftungsfragen halten die Versicherungskonzerne derzeit noch von ihren Investments in die alternative Energie ab, berichtet das Handelsblatt. Wer trägt etwa das Risiko, wenn die Netzanbindung eines Offshore-Windparks nicht rechtzeitig fertig wird, aber der Park schon produziert? Die Regierung arbeitet deshalb unter Hochdruck an Haftungsregeln, dies durchaus im Sinne der Netzbetreiber. Ein Teil der Kosten soll sozialisiert werden, so dass die Stromkunden eventuelle Ausfälle und Versorgungsengpässe aus ihrem eigenen Portemonnaie zahlen müssen. Gewinne privatisieren, Verluste sozialisieren: Es wäre ein zusätzlicher Anreiz für das Engagement der Versicherungsgiganten.

Tennet dementiert Verkaufsinteresse

Der niederländische Stromnetzbetreiber TenneT erklärte am späten Montagabend, dass man gewillt sei das deutsche Stromgeschäft beizubehalten. "Tennet erwägt nicht, das deutsche Netz zu verkaufen“, sagte eine Firmensprecherin dem Tagesspiegel. Sie verwies auf erste Erfolge des Unternehmens: Man habe bereits rund 6 Milliarden Euro an Investitionsmitteln „ausgelöst“ und könne damit 5,5 Gigawatt Nordseestrom gewinnen. Nun bemühe sich das Unternehmen um zusätzliche Gelder, wobei die Finanzlöcher bei weitem nicht so hoch seien wie vom Handelsblatt berichtet.

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Des Weiteren forderte TenneT einen Offshore-Entwicklungsplan, der Aufschluss gibt über Leistung und Fertigstellung der Nordsee-Windparks. Hier sei die Regierung am Zuge. Insgesamt muss der holländische Netzbetreiber zehn Windparks in der Nordsee anschließen, davon sieben aufwändige Gleichstromprojekte, die weit von der Küste entfernt sind. Für zwei dieser Projekte wurde mit Mitsubishi bereits einen Partner gefunden, für die übrigen fünf werden noch Geldgeber gesucht.