Wer einmal in den Genuss kam, an einer Weiterbildungsmaßnahme der Arbeitsagentur teilzunehmen, der könnte gegen alle Demütigungen gefeit sein. Da werden gut ausgebildete Akademiker mit Dozentenerfahrung zu Bewerbungstrainings geschickt, in denen sie lernen, dass man beim Vorstellungsgespräch höflich sein soll, keine zerrissenen Jeans trägt und den Kaugummi aus dem Mund zu nehmen habe. Da dürfen erwachsene Menschen Kaufmannsladen spielen, so wie es in ihrer Kindheit taten – mit echten Produkten, aber Spielzeuggeld. „Real Life Training“ nennt sich das Programm, verschlingt jährlich Millionen und soll dazu dienen, „die freie Wirtschaft zu üben“. Einen Abschluss kann der Arbeitslose nicht erwerben, verpflichtend ist die Teilnahme allemal. Und lohnend für die Arbeitsagentur, denn wer sich in solch einer Maßnahme befindet, kippt aus der Arbeitslosenstatistik.

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Niedrigste Arbeitslosigkeit seit der Wiedervereinigung?

Es verwundert schon, wenn heute fast alle Medien verkünden, dass die Arbeitslosigkeit auf den niedrigsten Stand seit der Wiedervereinigung gesunken sei. „Arbeitslosenzahlen erreichen tiefsten Stand seit 1991“, titelte etwa der Stern. Von einem „Jobwunder“ schreibt der Focus. „Sonnige Aussichten auf dem Arbeitsmarkt“, jubiliert der NDR. „Der Arbeitsmarkt feiert Rekorde“, titelt auch der Spiegel. Und nirgendwo fehlt der Hinweis, dass es sich um den niedrigsten Wert seit der Wiedervereinigung handelt.

Das Problem ist nur: die Zahlen von damals und heute sind überhaupt nicht mehr vergleichbar. Denn in den letzten Jahren hat die Bundesagentur für Arbeit einige Kreativität bewiesen, wenn es darum ging, die Arbeitslosenzahlen kleinzurechnen.

So gibt es seit 2007 eine Sonderregelung für Arbeitssuchende, die das 58. Lebensjahr beendet haben. Finden sie länger als ein Jahr keine Arbeit, gelten sie offiziell nicht mehr als arbeitslos. Aber mit welcher Begründung? Diese Menschen wollen arbeiten und müssen ihren Jobverlust mit deutlichen Einbußen bei der Rente bezahlen. Und auch andere Gruppen werden nicht mehr zu den Arbeitslosen gezählt, obwohl sie streng genommen keine Arbeit haben. Seit dem Jahr 2009 werden etwa alle Arbeitssuchende nicht mehr erfasst, die von einem privaten Jobvermittler betreut werden. Auch hinsichtlich dieser Personengruppe stellt sich die Frage: mit welcher Begründung?

Die weit größte Lücke in der Statistik hinterlassen jedoch jene Arbeitssuchende, die an einer arbeitsmarktpolitischen Maßnahme teilnehmen: Ein-Euro-Jobber, Personen in Weiterbildung, Übergangsgeldempfänger, Existenzgründer mit Zuschüssen vom Staat. Wie eben jene Menschen, die trotz akademischer Ausbildung an fragwürdigen Jobtrainings teilnehmen müssen oder Kaufmannsladen spielen dürfen. Sie beziehen Arbeitslosengeld, werden aber bei den Arbeitslosenzahlen nicht berücksichtigt. Sie sind bei der Jubelzahl von 2,8 Millionen Erwerbslosen nicht mit eingerechnet!

„Unterbeschäftigung“ bildet Arbeitslosigkeit genauer ab

Und doch gibt es eine Zahl, die nahe dran ist an dem, was man im Jahr 1991 als Arbeitslosenzahl erfasste. Es ist die Zahl der Unterbeschäftigung, die jeden Monat von der Bundesagentur ebenfalls per Pressemitteilung verkündet wird. Hier sind sie nun alle mit dabei: die Ein-Euro-Jobber. Die Übergangsgeldempfänger. Die Existenzgründer, die so wenig verdienen, dass sie ohne Hartz IV nicht leben können. Ja auch die Kaufmannsladenspieler und schlecht betreuten Akademiker sind unter dem Stichwort „Unterbeschäftigung“ erfasst. All die Menschen, die dank der statistischen Tricks nicht mehr als arbeitslos geführt werden. Und diese Zahl gibt weit weniger Anlass zum Jubeln: im Monat September waren offiziell 3.935.000 Menschen unterbeschäftigt.

Folgt man also der Annahme vieler Statistiker, dass die Zahl der Unterbeschäftigten eher dem entspricht, was man im Jahr 1991 noch offiziell als Arbeitslosenzahl auswies, so müsste man sagen: im Jahr 1991 waren 2,8 Millionen Menschen arbeitslos. Heute sind es ca. 3,9 Millionen Menschen.

Als gute Meldung kann immerhin verkündet werden, dass sich die Arbeitslosenzahlen tatsächlich positiv entwickeln. Denn auch die Zahl der Unterbeschäftigten ist rückläufig, sie sank im Vergleich zum Vorjahr um 509.000. Doch für Jubelmeldungen, vielleicht sogar Rekordverkündungen besteht kein Anlass – dafür ist zu viel Mogelei im Spiel.

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Mirko Wenig

Ergänzung Aufgrund mehrerer Nachfragen haben wir eine Auflistung zusammengestellt, wie sich die Unterbeschäftigung errechnet (Zahlen für den September 2011). Hinzugezählt werden alle Personen, die offiziell als arbeitslos gelten (2.795.570 Arbeitslose) sowie zusätzlich:

  • Arbeitssuchende, älter als 58 Jahre, die Arbeitslosengeld I oder II beziehen: 377.399
  • Ein-Euro-Jobber/Personen in Arbeitsgelegenheiten: 190.768
  • Arbeitssuchende in beruflicher Weiterbildung: 166.021
  • Teilnehmer an Maßnahmen zur Aktivierung und beruflichen Eingliederung nach § 46 SGB III (Hierbei handelt es sich um Maßnahmen, die Arbeitslose wieder an den Arbeitsmarkt heranführen sollen): 148.877
  • Kranke "Arbeitslose" nach § 126 SGB III: 83.461
  • Personen in Fremdförderung: z.B. Rehabilitationsmaßnahmen, berufsspezifische Sprachkurse des europäischen Sozialfonds, Integrationskurs des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge: 63.312
  • Beschäftigungsphase Bürgerarbeit: 13.232
  • Eignungsfeststellungs- und Trainingsmaßnahmen (Bewerbungstraining): 36
  • Beschäftigungszuschuss für schwer vermittelbare Arbeitslose: 12.413
  • Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen: 916

  • Ergibt in der Summe 3.852.005 Personen. Nicht enthalten sind hierbei Personen in Altersteilzeit und mit Gründungszuschüssen.