Das Underwriting galt lange als eine der letzten Bastionen analoger Prozesse in der Versicherungswirtschaft. Doch das ändert sich derzeit mit hoher Geschwindigkeit. Wettbewerbsdruck, schwächere Marktbedingungen und die rasanten Fortschritte bei der Künstlichen Intelligenz (KI) treiben die Digitalisierung des Kerngeschäfts voran. Inzwischen setzen vier von zehn Versicherern KI im Underwriting ein. Das zeigt eine aktuelle Untersuchung von Sollers Consulting. Damit entwickelt sich die Automatisierung zunehmend zu einer strategischen Priorität der Versicherer und verändert zugleich die Anforderungen an die Belegschaften.

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Besonders deutlich wird dies am Arbeitsmarkt: Der Anteil von IT-Stellen in der Versicherungsbranche, die gleichzeitig Underwriting-Kompetenz erfordern, hat sich im Jahr 2025 verdoppelt und wächst schneller als jede andere Spezialisierung. „Das Underwriting war die letzte wichtige Funktion, die digitalisiert wurde, und das Tempo ändert sich nun rasant“, erklärt Jakub Śliwiński, Leiter Underwriting bei Sollers Consulting.

Nach Angaben der Studie wurden in zehn Versicherungsmärkten insgesamt 126 KI-Anwendungsfälle identifiziert. Davon entfallen bislang 13 direkt auf das Underwriting. Die größten Fortschritte zeigen sich derzeit in der Firmenkundenversicherung. Dort setzen bereits 20 Prozent der Versicherer KI ein, um eingehende Anträge vorzusortieren oder Daten aus unstrukturierten Dokumenten automatisiert auszulesen. „Wir beobachten bereits, wie KI bei der Vorprüfung von Anträgen hilft und Underwriter dabei unterstützt, Angebote schneller und konsistenter in standardisierten Sparten zu erstellen“, sagt Śliwiński. Der Einsatz bei komplexeren Risiken werde jedoch noch ein bis zwei Jahre benötigen, da zunächst die notwendigen Datenstrukturen geschaffen werden müssten.

Bislang konzentriert sich der KI-Einsatz vor allem auf die Antragsaufnahme und Dokumentenverarbeitung. Bei Preisgestaltung und Risikoselektion spielt die Technologie derzeit noch eine untergeordnete Rolle. Das dürfte sich jedoch ändern, wenn Versicherer ihre Digitalisierungsprogramme weiter ausbauen und moderne Underwriting-Plattformen mit Pricing-Systemen enger verzahnen.

Kurzfristig gäbe es vor allem Potenzial bei Portfolio- und Bestandsanalysen. KI könne große Vertragsbestände nahezu in Echtzeit auswerten und Underwriter von zeitaufwendigen Routineanalysen entlasten, ohne die eigentliche Risikobewertung zu ersetzen.

Im internationalen Vergleich befindet sich der deutschsprachige Versicherungsmarkt noch in einer frühen Phase der Entwicklung. „Der Digitalisierungsgrad im Underwriting ist bei Versicherern in den deutschsprachigen Märkten noch vergleichsweise gering“, sagt Martin Seibold, Partner und Head of DACH bei Sollers Consulting. Gleichzeitig steige jedoch das Interesse an innovativen Technologien spürbar.

International zeigt sich ein deutlich heterogenes Bild. Während sich der Londoner Versicherungsmarkt bereits weitgehend von tabellenbasierten Prozessen verabschiedet und auf integrierte Pricing-Plattformen setzt, treiben nordamerikanische Versicherer den Einsatz von KI zunehmend auch bei komplexen gewerblichen Risiken voran.

Australien nutzt Fusionen als Modernisierungsschub für Underwriting und Pricing. Frankreich, Großbritannien und die nordischen Länder konzentrieren sich derzeit vor allem auf Datenintegration und Interoperabilität als Grundlage für eine umfassende Automatisierung. Besonders dynamisch entwickeln sich dagegen die Versicherer in Mitteleuropa. Vor allem in Polen gelingt der Übergang von Pilotprojekten in den produktiven Einsatz vergleichsweise schnell. Das gilt insbesondere bei der OCR-gestützten Dokumentenverarbeitung und der automatisierten Vorprüfung im Underwriting.