Die gesetzliche Rentenversicherung steht vor einer entscheidenden Bewährungsprobe. Während die geburtenstarken Jahrgänge der Babyboomer schrittweise in den Ruhestand wechseln, drohen steigende Rentenausgaben, höhere Beiträge und eine zunehmende Belastung der Sozialkassen. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Prognos-Studie im Auftrag der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM), die den Zustand von Rente, Gesundheit und Pflege untersucht.

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Hohe Beiträge, durchschnittliche Renten

Besonders kritisch bewerten die Autoren die Altersvorsorge. Deutschland erhebt mit 18,6 Prozent einen deutlich höheren Rentenbeitrag als der OECD-Durchschnitt von 16 Prozent. Das Rentenniveau liegt mit 42,1 Prozent hingegen lediglich auf Durchschnittsniveau. Die Studienautoren sprechen deshalb von einem „überdurchschnittlichen Preis für durchschnittliche Leistung“.

Noch gravierender fällt die Analyse bei der privaten und betrieblichen Altersvorsorge aus. Das Altersvorsorgevermögen in Deutschland entspricht laut Studie lediglich 6,4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Im OECD-Durchschnitt liegt dieser Wert bei 95,2 Prozent. Damit zählt Deutschland zu den am schwächsten kapitalgedeckten Rentensystemen der Industrieländer.

Die Autoren sprechen sogar von einer dramatischen Unterkapitalisierung. Länder wie Dänemark oder die Niederlande hätten ein Vielfaches des deutschen Vorsorgevermögens aufgebaut. Zudem investiere Deutschland besonders konservativ: Die Aktienquote der Altersvorsorgevermögen liegt laut Studie bei lediglich 7,2 Prozent, während der OECD-Durchschnitt rund 28 Prozent beträgt.

Zwar konnten die Reformen der frühen 2000er-Jahre die Ausgabendynamik der gesetzlichen Rentenversicherung zeitweise bremsen. Doch dieser Effekt scheint nach Einschätzung der Autoren zunehmend auszulaufen. Die Rentenausgaben haben sich seit 1991 von rund 134 Milliarden Euro auf knapp 427 Milliarden Euro im Jahr 2025 mehr als verdreifacht. Während günstige Arbeitsmarkt- und Konjunkturdaten die Belastungen lange kaschierten, dürfte sich die Lage mit dem Eintritt der Babyboomer in den Ruhestand deutlich verschärfen.

Die Studie verweist darauf, dass diese Entwicklung seit Jahrzehnten vorhersehbar war. Der Reformbedarf sei bereits um die Jahrtausendwende klar erkennbar gewesen. „Was sich verändert hat, ist nicht die Prognose – sondern der verlorene Handlungsspielraum“, lautet die Einschätzung der Autoren.

Die demografische Entwicklung dürfte sich künftig unmittelbar in den Beitragssätzen niederschlagen. Nach Prognosen der Deutschen Rentenversicherung könnte der Beitragssatz bis 2028 auf 19,8 Prozent und bis 2040 auf 21,2 Prozent steigen. Gleichzeitig werde es immer schwieriger, ein stabiles Rentenniveau zu gewährleisten, ohne Beschäftigte und Unternehmen zusätzlich zu belasten. Die Autoren warnen deshalb vor einer wachsenden Belastung des Faktors Arbeit. Bereits heute liegt die kombinierte Belastung aus Steuern und Sozialabgaben bei fast 50 Prozent und zählt damit zu den höchsten Werten innerhalb der OECD.

Ein weiterer Ansatzpunkt für Reformen bleibt das Renteneintrittsalter. Deutschland hat die Regelaltersgrenze schrittweise auf 67 Jahre angehoben. Dennoch verlassen viele Versicherte den Arbeitsmarkt weiterhin vorzeitig. Laut Studie liegt das tatsächliche Rentenzugangsalter noch immer etwa zwei Jahre unter der gesetzlichen Altersgrenze. Mehr als die Hälfte der Versicherten geht vorzeitig in den Ruhestand. Vor dem Hintergrund steigender Lebenserwartung dürfte die Diskussion über längere Lebensarbeitszeiten daher weiter an Bedeutung gewinnen. Andere Länder wie Dänemark oder die Niederlande haben bereits Mechanismen eingeführt, die das Renteneintrittsalter automatisch an die Lebenserwartung koppeln.

Rentner beziehen immer länger Leistungen

Zusätzlichen Druck erzeugt die steigende Rentenbezugsdauer. Seit der großen Rentenreform von 1957 hat sich die durchschnittliche Bezugszeit nahezu verdoppelt. Heute erhalten Rentner im Schnitt mehr als 20 Jahre lang Leistungen aus der gesetzlichen Rentenversicherung. Damit steigt die Finanzierungsbelastung für das umlagefinanzierte System kontinuierlich an. Gerade in Kombination mit dem demografischen Wandel entsteht daraus eine doppelte Herausforderung: Es gibt immer mehr Rentenempfänger, die gleichzeitig immer länger Leistungen beziehen.

Als zentrale Herausforderung identifiziert die Studie die demografische Entwicklung. Der sogenannte Altenquotient und damit die Zahl der Menschen über 65 Jahre je 100 Personen im Erwerbsalter ist seit dem Jahr 2000 von 26,8 auf 38,8 gestiegen. Bis 2037 soll er auf 50,9 anwachsen, wenn die Babyboomer-Generation vollständig im Ruhestand angekommen ist.

Die Autoren sehen deshalb einen deutlich stärkeren Ausbau kapitalgedeckter Vorsorge als notwendig an. Ohne zusätzliche Kapitaldeckung drohe dem System eine weitere Belastungswelle, die allein über steigende Beiträge kaum finanzierbar sei.

Reformbedarf auch bei Gesundheit und Pflege

Neben der Rentenversicherung sehen die Autoren auch in der gesetzlichen Kranken- und Pflegeversicherung erheblichen Reformdruck. Deutschland gebe mit 12,3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts mehr für Gesundheit aus als jedes andere EU-Land, erreiche bei Lebenserwartung und vermeidbarer Sterblichkeit aber lediglich durchschnittliche Ergebnisse. Ursache seien unter anderem strukturelle Defizite und Ineffizienzen im Versorgungssystem.

Noch kritischer beurteilt die Studie die Situation in der Pflege. Die Zahl der Pflegebedürftigen ist seit 2015 von 2,9 Millionen auf 5,7 Millionen Menschen gestiegen. Gleichzeitig belasten hohe Eigenanteile viele Betroffene. Die Autoren warnen vor einer strukturellen Überforderung des Systems.

INSM-Geschäftsführer Thorsten Alsleben sieht deshalb dringenden Handlungsbedarf: „Deutschland leistet sich beim Sozialstaat Rekordausgaben – und erzielt im internationalen Vergleich allenfalls Mittelmaß.“ Ohne Reformen würden die Sozialversicherungen immer teurer und damit auch zum Hemmschuh für Wachstum und Beschäftigung. „Wir brauchen mehr Eigenbeteiligung, mehr Kapitaldeckung und bei den Leistungen eine Fokussierung aufs Wesentliche“, fordert Alsleben.