Digitale Altersvorsorge: Banken setzen Versicherer unter Druck
Digitale Angebote, neue Wettbewerber und steigende Erwartungen der Kunden verändern den Markt für private Altersvorsorge spürbar. Patrick Dahmen, Managing Partner der Unternehmensberatung Valytics, erklärt im Gastbeitrag, warum Versicherer ihre Rolle im digitalen Vorsorgemarkt neu definieren müssen.

- Digitale Altersvorsorge: Banken setzen Versicherer unter Druck
- Warum Banken und Neobroker profitieren
Banken prägen zunehmend den Markt für die private Altersvorsorge. Zu diesem Ergebnis kommt die Studie „Digitale Altersvorsorge 2026“ von Valytics und Nordlight Research. Verbraucher wenden sich beim Abschluss staatlich geförderter Vorsorgeprodukte primär an Banken und Sparkassen – selbst bei klassischen Garantieprodukten.
Anzeige
Die Studie zeigt außerdem auf, wie sich Versicherer im Umfeld digitaler und staatlich geförderter Altersvorsorge strategisch positionieren können. Unter digitaler Altersvorsorge verstehen die Autoren die digitale Information, Beratung, den Abschluss und die Verwaltung privater Vorsorgeprodukte über OnlineKanäle oder Apps - ergänzt durch hybride Modelle mit persönlicher Beratung und unterstützendem KI-Einsatz.
Hohe Vorsorgebereitschaft trifft auf Unsicherheit: Garantien als Anker
Altersvorsorge ist für die große Mehrheit der Verbraucher ein zentrales Sparziel. Zugleich fühlt sich weniger als die Hälfte ausreichend informiert und viele äußern konkrete Sorgen vor Altersarmut - insbesondere Frauen und einkommensschwächere Zielgruppen. Die Kombination aus hohem Informationsbedarf und großer Unsicherheit zeigt die Relevanz von Verständlichkeit, Orientierung und Vertrauen im Vorsorgeprozess.
Vor diesem Hintergrund bleiben Garantien für Versicherer der zentrale Differenzierungsfaktor: Garantieprodukte erzielen in allen Altersclustern die höchsten Zustimmungswerte und liegen deutlich vor renditeorientierten Altersvorsorgedepots oder kostengünstigen Standardlösungen, die zwar Akzeptanz finden, jedoch jeweils kleinere Zielgruppen adressieren. Verbraucher erwarten stabile Produkte, transparente Kosten und eine gewisse Flexibilität.
Digitale Beratung etabliert sich – wenn der Mensch erreichbar bleibt
Eine Mehrheit der Verbraucher bevorzugt weiterhin persönliche Beratung, zeigt sich aber zunehmend offen für digitale Angebote. Rund 40 Prozent würden grundsätzlich eine digitale Altersvorsorgeberatung nutzen, bei jüngeren Zielgruppen liegt der Anteil höher. Die Akzeptanz steigt deutlich, sobald jederzeit ein Wechsel zu einem menschlichen Ansprechpartner möglich bleibt. Digitale Beratung wird vor allem dann geschätzt, wenn sie Transparenz schafft und Entscheidungen unterstützt, ohne sie zu erzwingen.
Auch der Einsatz künstlicher Intelligenz stößt auf überwiegend pragmatische Offenheit. Die Akzeptanz bleibt jedoch stark kontextabhängig und nimmt in Richtung Vertragsabschluss ab. Vertrauen entsteht nur dann, wenn Empfehlungen nachvollziehbar sind und persönliche Rückfragen möglich bleiben.
Schlagzeilen
Public Viewing, Lizenzen, Abmahnrisiken: So sichern Sie Veranstalter ab
Wenn Avatare Policen abschließen: Der Versicherungsvertrieb 2031
Rente: Warum Deutschland bei der Altersvorsorge hinterherhinkt
Digitale Struktur statt Insellösungen: Wie sich Sanierungsprozesse im Gebäudeschaden neu ausrichten
Krankentagegeld zuerst: Warum ohne Einkommensabsicherung jede BU-Strategie wackelt
Altersvorsorgereform: Großes Wechselpotenzial, kleines Zeitfenster
Die geplante Reform der staatlich geförderten privaten Altersvorsorge ist bislang kaum im Bewusstsein der Verbraucher verankert. Gleichzeitig zeigt sich erhebliches Wechselpotenzial im Bestand. Rund 40 Prozent der Riester-Sparer ziehen einen Wechsel ernsthaft in Betracht, weitere 40 Prozent sind unentschlossen. Damit ist ein Großteil des Riester-Bestands prinzipiell offen für alternative Angebote.
Anzeige
Für Versicherer eröffnet sich ein begrenztes Zeitfenster: Anbieter, die ihre Bestandskunden frühzeitig ansprechen und Anschlusslösungen anbieten, können Abwanderung begrenzen.
Warum Banken und Neobroker profitieren
Die Studie zeigt deutlich, warum Banken im Wettbewerb um die Altersvorsorge derzeit im Vorteil sind. Sie profitieren von hoher Markenbekanntheit, bestehendem Vertrauen und deutlich häufigeren Kundenkontakten. Digitale Bankplattformen integrieren Vorsorgeangebote zunehmend in bestehende Customer Journeys, wodurch Abschlüsse einfacher und schneller erfolgen als bei vielen Versicherern.
Zudem werden renditeorientierte Produkte stärker mit Banken und Fondsgesellschaften assoziiert. Hinzu kommen Neobroker, die vor allem bei jüngeren Zielgruppen auf hohe Akzeptanz stoßen. Rund 70 Prozent der Unter-40-Jährigen können sich einen Neobroker als Anbieter digitaler Altersvorsorge vorstellen; Anbieter wie Trade Republic genießen dabei besonders hohe Zustimmung.
Anzeige
Neobroker dürften die Altersvorsorgereform als strategische „Once-in-a-lifetime-Chance“ begreifen. Einstiegspunkt ist häufig die Frühstartrente, die sich auf Basis bestehender, preisaggressiver Kinderdepots leicht abbilden lässt. Kurzfristige Margen treten dabei in den Hintergrund. Im Fokus steht die langfristige Monetarisierung der Kundenbeziehung – von der Frühstartrente über das Altersvorsorgedepot bis hin zur Bündelung der gesamten privaten Altersvorsorge einschließlich der RiesterBestände. Einfache, digitale und KI-gestützte Wechselprozesse werden dabei zum zentralen Wachstumstreiber.
Zusätzlich profitiert das Modell von steuerlichen Vorteilen des Halbeinkünfteverfahrens, beispielsweise bei Kapitalauszahlungen von bis zu 30 Prozent, die durch zusätzliche Einzahlungen von insgesamt bis zu 13.680 Euro je Kunde in zwei Altersvorsorgedepots möglich werden. Die steuerlichen Vorteile der Lebensversicherer beschränken sich somit nur noch auf die Besteuerung der Rentenphase.
Von der Stärkenanalyse zum Handlungsprogramm für Versicherer
Für Versicherer beginnt die Antwort mit einer klaren Standortbestimmung. Sie müssen ihr Differenzierungsversprechen schärfen und konsequent ausspielen. Zentrale USPs liegen in der Fähigkeit, langfristige Garantien, lebenslang garantierte Renten, biometrische Absicherung und eine vorteilhafte Besteuerung zu kombinieren – ein Leistungsprofil, das Banken, Neobroker und Fondsanbieter nur eingeschränkt abbilden können.
Diese Stärken entfalten jedoch nur Wirkung, wenn Versicherer zugleich moderne Rahmenbedingungen schaffen. Dazu zählen vollständig digitale Prozesse, wettbewerbsfähige Kostenstrukturen sowie eine verständliche Produktkommunikation. Hieraus leitet sich ein mögliches Handlungsprogramm ab:
- Erstens sollten Versicherer ihre Rolle im Bankökosystem aktiv gestalten und Kooperationen gezielt nutzen. Gleichzeitig bleibt die eigene Ausschließlichkeit (gebundener Vertrieb) ein zentraler Vorteil. Als flächendeckender persönlicher Ansprechpartner bietet sie Orientierung in komplexen Vorsorgefragen. Voraussetzung ist allerdings eine konsequente digitale Befähigung. Eine Online-to-Offline-Strategie, die digitale Vorqualifizierung mit persönlicher Beratung verzahnt, vereint Effizienz und Vertrauen und entspricht den Mehrheitspräferenzen der Kunden.
- Zweitens müssen Produkt und Kostenstrukturen deutlich vereinfacht werden. Transparente Gebühren, klare Garantien und flexible Beiträge sind entscheidend. Auch Vergütungsmodelle sollten stärker am Bestand ausgerichtet werden, um Kundenflexibilität und vor allem Glaubwürdigkeit zu unterstützen.
- Drittens müssen Versicherer digitale Beratung konsequent weiterentwickeln. Digitale Prozesse sollten der Standard sein, während persönliche Unterstützung gezielt, situationsabhängig und bedarfsorientiert eingebunden wird. Hybride Modelle, die digitale Effizienz mit menschlicher Expertise verbinden, werden zum Standard.
- Viertens gewinnt der vertrauensvolle Einsatz von künstlicher Intelligenz an Bedeutung. Versicherer müssen sicherstellen, dass KI-gestützte Empfehlungen erklärbar, nachvollziehbar und eindeutig verantwortet sind. Insbesondere bei produktnahen Entscheidungen und beim Übergang in den Vertragsabschluss bleibt menschliche Beteiligung ein wesentlicher Vertrauensanker.
- Fünftens: Aktive Bestandssteuerung wird zum Muss. Kunden sollten frühzeitig mit migrationsfähigen Angeboten angesprochen werden, die Sicherheit und Renditechancen miteinander verbinden.
Fazit: Der Kundenzugang entscheidet
Die Studienergebnisse zeigen einen Markt im Umbruch. Banken und zunehmend Neobanken setzen die Standards bei digitaler Nutzerführung und Kundenansprache. Versicherer stehen vor der Aufgabe, ihre Produkte zu vereinfachen, digitale Beratung zu stärken und ihre Rolle im Vorsorgemarkt weiterzuentwickeln. Wer jetzt handelt, sichert Vertrauen und verteidigt Marktanteile. Wer zögert, riskiert den dauerhaften Verlust des Kundenzugangs.
Schlagzeilen
Ergo-Unfallstatistik: Die Top-10 der gefährlichsten Freizeitsportarten
Digitale Altersvorsorge: Banken setzen Versicherer unter Druck
Finanzvertriebe: Deutschlands „Kundenfavoriten“ 2026
Naturgefahrenschäden in der Sachversicherung sinken deutlich
Junge Deutsche sorgen sich um Rente und Altersvorsorge
Hintergrund: Der Beitrag erschien zuerst im neuen kostenfreien Versicherungsbote Fachmagazin 01-2026. Das Magazin kann auf der Webseite des Versicherungsbote bestellt werden.
- Digitale Altersvorsorge: Banken setzen Versicherer unter Druck
- Warum Banken und Neobroker profitieren

