Ein Schadenfall, der mehr als ein Einzelfall ist: Die stille Erosion der Expertise – Wenn Fachlichkeit zur Nebensache wird
Ein Wasserschaden ist für Kunden immer eine Ausnahmesituation. In unserem Fall: Rohrbruch, der Keller steht unter Wasser, rund 20.000 Euro Schaden. Die Wohngebäudeversicherung verweigert die Leistung, weil beim Tarifwechsel vor einigen Jahren ein Detail übersehen wurde – ein bestimmter Rohrtyp war im neuen Vertrag nicht mehr versichert. Die Kundin nimmt ihren Makler in Anspruch.

Soweit ein klassischer Vermögensschaden-Haftpflichtfall.
Anzeige
Der Makler meldet den Anspruch bei seinem früheren VSH-Versicherer. Die Antwort: Man könne leider nicht leisten, die dreijährige Nachmeldefrist sei abgelaufen. Fristende 01.01.2024. Meldung 2025. Bedauerlich, aber außerhalb der Bedingungen.
Klingt formal korrekt. Ist es aber überhaupt nicht.
Grundlagenwissen ist kein Spezialwissen
Denn in der Pflichtversicherung für Versicherungsvermittler gibt es keine wirksame Begrenzung der Nachmeldefrist. Schäden, deren Ursache während der Vertragslaufzeit gesetzt wurde, sind versichert und dürften zeitlich nicht begrenzt werden. Punkt. Das ist keine kreative Auslegung. Das ist geltendes Gesetz.
Ich habe diese Grundsätze in meinen ersten Wochen in der Sparte Vermögensschaden-Haftpflicht gelernt. Nicht im dritten Fortbildungsjahr. Nicht im Spezialseminar. Sondern am Anfang. Weil es zum Fundament gehört.
Umso irritierender ist es, wenn ein renommierter Versicherer genau diese Grundlagen ignoriert – oder nicht kennt. Nach Hinweis unsererseits auf eben jene Rechtslage reguliert der Versicherer zügig.
Ende gut, alles gut?
Die stille Erosion der Expertise
Nicht ganz. Denn der Fall wirft eine unbequemere Frage auf: Haben wir als Branche unsere Prioritäten verschoben?
Unsere Kundinnen und Kunden erwarten zu Recht digitale Prozesse, Vergleichsrechner, Geschwindigkeit, gute Prämien und eine saubere Organisation. Aber sie erwarten vor allem Fachlichkeit. Sie verlassen sich darauf, dass wir Deckungslücken erkennen. Und sie verlassen sich darauf, dass Versicherer ihre eigenen gesetzlichen Rahmenbedingungen beherrschen.
Stattdessen erleben wir eine Branche, in der Karrieren immer schneller verlaufen, Zuständigkeiten häufiger wechseln und Fachspezialisierung teilweise hinter Managementlaufbahnen zurücktritt. Früher war es selbstverständlich, dass jemand in „seiner“ Sparte gewachsen ist – über Jahre hinweg, mit Tiefe, mit Erfahrung und mit einem gewissen Stolz auf inhaltliche Exzellenz. Heute gilt fast schon als Karrierehemmnis, wenn man zu lange fachlich bleibt.
Management ersetzt kein Handwerk
Natürlich brauchen wir Führung. Natürlich brauchen wir strategische Köpfe. Aber wir brauchen ebenso Menschen, die ihr Produkt wirklich durchdringen. Die Bedingungen nicht nur lesen, sondern verstehen. Die Gesetz und Rechtsprechung parat haben – nicht als theoretisches Wissen, sondern als Handwerkszeug.
Wenn selbst bei grundlegenden Fragen der Pflichtversicherung Unsicherheit entsteht, ist das kein individuelles Versäumnis. Es ist ein strukturelles Signal. Eine leise, schleichende Erosion der Expertise.
Vielleicht ist es Zeit für eine Rückbesinnung
Wie schaffen wir Anreize dafür, dass Fachlichkeit wieder als Karriereweg wahrgenommen wird – bei Versicherern wie bei Maklerinnen und Maklern? Wie honorieren wir tiefe Expertise? Wie machen wir fachliche Weiterbildung attraktiver als den nächsten Titel auf der Visitenkarte?
Der geschilderte Schaden wurde reguliert. Nicht wegen Kulanz. Sondern weil jemand ins Gesetz geschaut hat.
Und genau das sollte eigentlich selbstverständlich sein.
Franziska Geusen - Geschäftsführerin der Hans John Versicherungsmakler GmbH
Schlagzeilen
Allianz-Chef Bäte: „Natürlich werden wir auch Arbeitsplätze abbauen müssen“
Ein Schadenfall, der mehr als ein Einzelfall ist: Die stille Erosion der Expertise – Wenn Fachlichkeit zur Nebensache wird
KI-Strategie für Versicherer: Regulatorisch sicher und zukunftsfähig aufstellen
Altersvorsorgereformgesetz: Abschlusskosten könnten dem Kollektiv angelastet werden
Personalpläne der Versicherer deutlich gesunken
