Der aktuelle Finanzchef24-Preisindex, eine Erhebung über die Entwicklung der Angebotspreise und Abschlussprämien für Versicherungen im Gewerbesegment zwischen 2022 und 2025, zeigt deutlich: Trotz Inflation, steigender Schadenquoten und erheblichen Unsicherheiten im Wirtschaftsverlauf hat sich das Prämienniveau im Kleingewerbesegment in den vergangenen drei Jahren insgesamt erstaunlich stabil entwickelt. Gleichzeitig veränderten sich Risikowahrnehmung und Nachfrageverhalten vieler Selbstständiger und kleiner Unternehmen spürbar: Statt Minimalabsicherung standen 2025 häufiger moderne und hochwertige Policen im Mittelpunkt. Diese Entwicklung markiert einen strukturellen Wandel im Gewerbesektor, der sich bereits deutlich auf Beratung und Produktgestaltung auswirkt.

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Angebotspreise sanken; Abschlussprämien stiegen

Im kommenden Jahr ist somit nicht mit einer anstehenden Beitragsexplosion, sondern vielmehr mit einem selektiven Marktumfeld zu rechnen. Während die Angebotspreise der Versicherer im Median sogar leicht gesunken sind, sind die tatsächlichen Abschlussprämien gestiegen. Dies geschah allerdings nicht aufgrund allgemeiner Verteuerungen, sondern weil Unternehmen verstärkt leistungsstärkere Deckungen nachfragen.

cms.lwynp.400x600Payam Rezvanian ist Co-Geschäftsführer des Münchener Insurtechs Finanzchef24.Payam Rezvanian@Finanzchef24

Besonders Dienstleister sowie viele Handwerks- und Produktionsbetriebe konnten in den vergangenen Jahren von spürbar günstigeren Abschlussprämien profitieren. Gleichzeitig gibt es zwischen den einzelnen Branchen naturgemäß große Unterschiede, wenn es um die Beiträge geht. So zahlen derzeit Schornsteinbauer im Durchschnitt 9.620 Euro pro Jahr für eine Betriebshaftpflichtversicherung, während der Beitrag für Erste-Hilfe-Trainer lediglich bei 59 Euro liegt. Dies ist jedoch nicht überraschend, da sich die Risikoprofile der verschiedenen Betriebsarten ebenfalls maßgeblich unterscheiden.

Für 2026 ist daher von einer insgesamt seitwärts laufenden Entwicklung des Preisniveaus auszugehen, allerdings mit klaren Unterschieden je nach Sparte, Region und Risikoqualität. Während in der Betriebshaftpflicht und bei vielen kleineren Sachrisiken stabile bis leicht rückläufige Prämien möglich sind, müssen Unternehmen in besonders exponierten Bereichen mit moderaten Zuschlägen rechnen. Für Vermittler eröffnet dieses Umfeld die Chance, durch professionelle Risikoaufbereitung und transparente Vergleiche echte Mehrwerte zu schaffen. Zukünftig wird deshalb nicht der Preis, sondern die Qualität der Beratung im Vordergrund stehen.

Unternehmer priorisieren bewusst ihre Absicherung

Die zentrale Erkenntnis, welche sich aus 2025 mitnehmen lässt, ist die Schlussfolgerung, dass Selbstständige sowie kleine und mittlere Unternehmen derzeit gezielt in höhere Deckungssummen investieren – und das trotz gestiegener allgemeiner Kostenbelastungen. Dies geschieht aus guten Gründen. Die vergangenen Jahre haben gezeigt, dass sich das Risiko- und Haftungsumfeld für viele Gewerbearten spürbar verschärft hat: Schäden werden teurer, regulatorische Anforderungen steigen und selbst kleinere Betriebe sehen sich zunehmend mit komplexen Haftungsfragen konfrontiert.

Parallel dazu wird das wirtschaftliche Umfeld volatiler: Sicher geglaubte Lieferketten sind plötzlich krisenanfällig und benötigte Ressourcen teilweise fast unerschwinglich. In der Vergangenheit haben viele Betriebe in solchen Zeiten ihre Gewerbeversicherungen als unnötigen Ballast betrachtet, den es abzuschütteln gilt. Hier ist mittlerweile jedoch eindeutig ein Reifeprozess am Markt zu beobachten. Viele Unternehmer versuchen nicht mehr bei ihrer Versicherung zu sparen, sondern betrachten die Absicherung des eigenen Geschäftsmodells als Grundvoraussetzung und nicht als vernachlässigbare Luxusaufwendung.

Denn zahlreiche Leistungsbausteine, die früher als „nice to have“ galten, sind heute faktisch betriebsnotwendig. So zum Beispiel höhere pauschale Deckungen in der Betriebshaftpflicht, Elementarschadensabdeckungen oder moderne Cyber-Komponenten. Wer hier unterversichert ist, geht im wahrsten Sinne des Wortes ein existenzielles Risiko ein.

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Gleichzeitig zeigt beispielsweise der aktuelle Finanzchef24-Preisindex, dass Beitragserhöhungen im Gewerbesegment zuletzt eben nicht durch teurere Tarife verursacht wurden, sondern durch bewusste Leistungsaufwertungen seitens der Kunden: Kleine Unternehmen kaufen heute seltener die günstigste Mindestdeckung, sondern häufiger die Absicherung mit dem besten Preis-Leistungs-Verhältnis. Ein weiterer wichtiger Treiber dieser Entwicklung ist dabei auch die immer größere Preistransparenz. Die enorme Spreizung der Prämien am Markt führt dazu, dass sich viele Betriebe erstmals strukturiert beraten lassen. Im Ergebnis werden veraltete Policen durch bessere ersetzt und dies häufig sogar bei stabiler oder nur leicht erhöhter Prämie, weil ein Vergleich bislang ungenutzte Spielräume offenlegt.

Umfangreichere Policen verändern die Beratungspraxis

Der deutliche Trend hin zu höherwertigen Policen verändert die Beratungspraxis für Makler grundlegend. Zum einen steigt der Anspruch der Kunden an die Qualität und Tiefe der Analyse ihrer tatsächlichen betrieblichen Risiken. Wenn Unternehmen bewusst bessere und umfangreichere Deckungskonzepte wählen, reicht eine oberflächliche Bedarfsermittlung nicht mehr aus.

Makler müssen heute sauberer dokumentieren, Tätigkeitsprofile präziser abgrenzen, branchenspezifische Gefahren genauer kennen und bei gewerbespezifischen Risiken wie Cyber- und Vermögensschäden oder Elementargefahren tiefere Fachkenntnisse mitbringen. Die Beratung verschiebt sich von der reinen Tarifauswahl hin zur strukturierten Risikoaufbereitung, welche schlussendlich die Höhe der Deckungssummen und die Ausgestaltung der Tarifbausteine begründet.

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Trend zu Premiumdeckungskonzepten beeinflusst die Prozesse

Auch führt der Trend zu Premiumdeckungskonzepten zu umfangreicheren Vergleichs- und Aufklärungsprozessen. Kunden wollen nicht mehr nur wissen, was eine Police kostet, sondern warum gewisse Bausteine oder Ausschlüsse sinnvoll bzw. kritisch sind. Das macht die Beratung daten- und argumentationsintensiver, aber auch wertvoller.

Um dieser neuen und umfassenderen Beratungsrealität gerecht zu werden, stehen Maklern mittlerweile auch digitale Anwendungen und Plattformen zur Verfügung, welche die tatsächliche Bedarfsermittlung eines Betriebes, unabhängig von der Gewerbeart, maßgeblich vereinfachen und teilweise sogar erst vollumfänglich ermöglichen. Denn grundsätzlich lässt sich feststellen, dass der Bedarf nach individuell anpassbaren bzw. sogar maßgeschneiderten Policen wächst. Und damit verändert sich die Rolle des Maklers auch strategisch: Vom reinen Vermittler hin zum Risikomanager und Sparringspartner, der Selbstwahrnehmungen und versicherungsbezogene Entscheidungen kritisch hinterfragt.

Der Wert der Beratung liegt zunehmend nicht in der Beitragsreduzierung, sondern im Schließen von Deckungslücken. Insbesondere dieser Punkt ist mittlerweile aufgrund von zwei Entwicklungen von immenser Bedeutung:

  • Einerseits sind vor allem viele Soloselbständige häufig in verschiedensten Tätigkeits- und Risikogruppen unterwegs, ohne sich selbst darüber im Klaren zu sein. So unterliegt etwa ein Fotograf, der beispielsweise Drohnen für seine Aufnahmen verwendet, einer völlig anderen Versicherungsrealität als einer, welcher nur Studioaufnahmen anfertigt.
  • Andererseits sind viele Betriebe strukturell unterversichert. Denn auch wenn das Bewusstsein für eine betriebliche Absicherung ansteigt, ist es immer noch häufig zu beobachten, dass Tarife nicht mit dem Betrieb „mitwachsen“. Eine Schreinerei, welche zur Gründung mit zwei Mitarbeitern gestartet ist, braucht zwangsläufig nach fünf Jahren eine andere Art der Absicherung, wenn sich Mitarbeiter- und Umsatzzahlen mittlerweile verdreifacht haben.

Das verschiebt auch die Anforderungen an die Kundenkommunikation: Makler müssen stärker den Nutzen guter Absicherung und weniger die Ersparnis gegenüber dem Vorjahr erklären. Gleichzeitig eröffnet der Trend zu höherwertigen Policen neue Möglichkeiten der Bestandsoptimierung, da viele Altverträge zu schwach ausgestattet sind und moderne Konzepte gleichzeitig mehr Leistung und oft sogar günstigere Risikoprämien bieten.

Versicherer müssen ihr Produktdesign anpassen

Die wachsende Nachfrage nach umfassenderen Absicherungspaketen verändert auch die Anforderungen an das Produktdesign der Versicherer. Der Markt verlangt mittlerweile flexibel kombinierbare Deckungskonzepte, die mehrere Risiken in einem Paket abbilden.
Das bedeutet insbesondere, dass Tarife intelligenter gebündelt werden müssen.

KMU und Selbstständige können nicht mühsam einzelne Bausteine zusammensuchen, sondern benötigen klar strukturierte Komplettlösungen, die etwa Betriebshaftpflicht, Ertragsausfall und Cyber-Komponenten sinnvoll miteinander verbinden. Moderne Produkte müssen somit breite Grundpakete mit präzisen Erweiterungsmöglichkeiten kombinieren. Darüber hinaus muss auch Risikomanagement im Produktdesign angepasst werden. Wenn umfassendere Absicherungspakete angeboten werden, müssen Risiken feiner kategorisiert werden. Vor allem in Bereichen, die jetzt erst in den Fokus der breiten Masse geraten, wie Cyber- oder Elementarschäden, steigt die Notwendigkeit, Tarife durch detaillierte Risikoprofile abzusichern. Das führt zu Produkten, die zwar leistungsstark sind, aber im Hintergrund differenzierte Underwriting-Logiken haben.

Fazit: Eine Entwicklung mit Chancen

Die Entwicklungen des Jahres 2025 machen insgesamt sehr eindrücklich deutlich, wohin sich der Gewerbeversicherungsmarkt bewegt: Unternehmen erwarten heute genau auf ihre Bedürfnisse zugeschnittene Policen anstelle von günstigen Minimalabdeckungen. Makler müssen die Tätigkeiten ihrer Kunden und die damit einhergehenden Risiken tiefer analysieren, während Versicherer gefordert sind, integrierte Produkte bereitzustellen. Diese Entwicklung fordert von allen Marktteilnehmern eine gewisse Flexibilität, bietet jedoch gleichzeitig immense Chancen.

Entscheidend wird dabei sein, weniger über „Preis“ zu sprechen und stärker über passende Deckung, Ausschlüsse und tatsächliche Risiken. Für Makler und Versicherer heißt das: Wer Risikoaufnahme, Vergleich und Dokumentation effizienter, transparenter und datenbasierter aufstellt, wird schneller zu besseren Entscheidungen kommen. Genau dort entstehen künftig die entscheidenden Wettbewerbsvorteile. Digitale Plattformen, die Gewerbekunden entlang ihrer gesamten Bedarfspalette abbilden – von Betriebshaftpflicht über Sach- und Ertragsausfall bis hin zu Cyber – und dabei saubere Vergleichbarkeit sowie nachvollziehbare Beratung unterstützen, werden 2026 zum zentralen Hebel für skalierbares Wachstum und nachhaltige Bestandsqualität.

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Hintergrund: Der Beitrag basiert auf den aktuellen Auswertungen des Finanzchef24-Preisindex, der die Angebots- und Abschlussprämien im Gewerbesegment zwischen 2022 und 2025 untersucht. Damit liefert der Index eine datenbasierte Einordnung der Marktmechanismen, die für Makler, Versicherer und Gewerbekunden im Jahr 2026 maßgeblich sein werden. Der Autor des Gastbeitrags, Payam Rezvanian, Co-Geschäftsführer des Münchener Insurtechs Finanzchef24, erläutert auf dieser Grundlage, wie sich Nachfrage, Beratungspraxis und Produktdesign im Gewerbemarkt strukturell verändern.

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