Die europäische Versicherungsaufsicht EIOPA will die Regeln von Solvency II verschärfen. Das ist zumindest insofern keine Überraschung, weil die aktuell geltenden Vorgaben als Provisorium angelegt waren. Man behielt es sich vor, im Zweifel nochmal nachzubessern.

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Speziell geht es um die Frage, ob die Versicherer stabil genug dastehen, um auch langfristig alle Zusagen an ihre Kundinnen und Kunden bedienen zu können - selbst, wenn sie sich Marktrisiken gegenübersehen. Ein besonderes Augenmerk gilt hierbei der Lebensversicherung, muss sie doch sehr lang in die Zukunft denken. In Deutschland ruht auf ihrem Rücken ein Teil der Altersvorsorge: mehr als 103,2 Millionen kapitalbildende Verträge zählten Lebensversicherer und Pensionskassen zum Jahresende 2019.

Beim Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) stößt eine strengere Aufsicht erwartungsgemäß auf wenig Gegenliebe. Mehrfach schon kritisierte der Verband, dass die Branche überreguliert sei — und durch umfangreiche Berichtpflichten mehr Bürokratie und mehr Kosten entstehen. Deshalb prescht der Verband nun mit einer Marktstudie vor und will nachweisen, dass die deutschen Lebensversicherer ausreichend solvent und zukunftsfähig sind. Dabei beruft er sich auf Stichproben zu den Solvenzberichten für 2020, die Versicherer jedes Jahr der deutschen Finanzaufsicht BaFin vorlegen und auch veröffentlichen müssen. Öffentlich sind die Zahlen noch nicht: mit ihnen wird Anfang Mai gerechnet.

Trotz Corona: Solvenzquote sinkt nur leicht

Wie der GDV am Donnerstag berichtet hat, ist die maßgebliche Solvenzquote der Lebensversicherer auch im Jahr der Coronakrise nur leicht gesunken. Grob vereinfacht bildet diese ab, ob der Versicherer einen ausreichend großen Kapitalpuffer besitzt, um alle Ansprüche der Kunden auch dann bedienen zu können, wenn sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen verschlechtern. Für die deutsche Finanzaufsicht ist aktuell die Brutto-Solvenzquote ausschlaggebend: Bis zum Jahr 2032 dürfen die Versicherer hierbei Übergangsmaßnahmen einrechnen. Versicherer müssen aufsichtsrechtlich mindestens eine Quote von 100 Prozent erreichen.

Innerhalb der GDV-Stichprobe ist die SCR-Quote (Solvency Capital Requirement) nur leicht gesunken. Zum Jahresende 2020 soll diese demnach im Branchendurchschnitt bei rund 360 Prozent gelegen haben, während sie im Vorjahr bei 387 Prozent lag. Die strengere Netto-Solvenzquote, wo Übergangshilfen herausgerechnet sind, lag bei 210 Prozent (2019: 254 Prozent). Wobei dennoch zu konstatieren ist, dass die Netto-Quote immerhin um 17,32 Prozent einbrach (siehe Grafik).

Solvenzquoten der deutschen Lebensversicherer mit und ohne Übergangsmaßnahmen von 2016-2020, GDV-StichprobeBaFin / GDV

"Die von der europäischen Versicherungsaufsicht EIOPA im Rahmen des Solvency II-Review vorgeschlagene Änderung der Zinsextrapolation würde die Lage jedoch deutlich verändern. Allein die europäischen Lebensversicherer hatten dann einen zusätzlichen Eigenmittelbedarf von gut 60 Milliarden Euro (EIOPA-Berechnung zum 30.6.2020)", warnt der Verband.