Ein Lebensversicherer gibt seine hochverzinsten Altverträge an einen Dienstleister, der keine andere Aufgabe hat als die Bestände kostengünstig abzuwickeln. Dieses Modell sorgt spätestens bundesweit für Schlagzeilen, seit die Generali ihre Konzerntochter Generali Leben an die Run-off-Gesellschaft Viridium verkauft hat. Vier Millionen Verträge wechselten den Besitzer, die Generali ist nur noch mit einer Minderheit von 10,1 Prozent beteiligt. Im Oktober letzten Jahres wurde das Unternehmen in Proxalto umbenannt.

Anzeige

Run-off schneidet besser ab als der Markt

Doch flüchten die Versicherten aus ihren Verträgen, wenn die eigene Lebensversicherung den Besitzer wechselt? Dieser Frage widmet sich aktuell das Analysehaus Assekurata in einer Studie. Die Kölner haben hierfür die Stornoquote des gesamten Leben-Marktes mit einer Vergleichsgruppe von Run-off-Gesellschaften verglichen. Mit überraschendem Ergebnis: Die Run-off-Versicherer wiesen im untersuchten Jahr 2018 weniger Storno aus als der Marktschnitt.

Seit 2009 haben sich sowohl die Stornoquoten der Lebensversicherer am Markt als auch der Run-off-Gesellschaften sukzessive verringert, berichtet Analystin Alina Trierscheid auf dem hauseigenen Blog von Assekurata. Eine Kündigungswelle bei den Run-off-Gesellschaften sei also bisher ausgeblieben. Im Gegenteil: "Mit 3,35 Prozent lag die Stornoquote hier 2018 das dritte Mal in Folge sogar unter dem Marktniveau (4,24 Prozent)“, schreibt Trierscheid. Im Schnitt haben die Run-off-Anbieter also eine geringere Kundenflucht als der Markt.

Eingeschränkt werden muss mit Blick auf die Zahlen, dass der neue Branchenriese Proxalto im aktuellen Vergleich noch nicht berücksichtigt werden konnte, da die Bestände der Generali ja erst im abgelaufenen Geschäftsjahr 2019 den Besitzer wechselten. Gerade Proxalto hatte jüngst aber wieder für negative Schlagzeilen gesorgt: mit 1,25 Prozent deklarierte die frühere Generali Leben die niedrigste laufende Verzinsung der Lebensversicherer.

Kündigung wäre oft mit Nachteilen verbunden

Warum aber sind die Versicherten ausgerechnet bei den Run-off-Dienstleistern treuer als im Branchenschnitt? Auch darauf versucht Assekurata eine Antwort zu geben. Oft handelt es sich um Altverträge mit hohem Garantiezins, die zudem bereits sehr lang gehalten werden: Kündigt der Kunde oder die Kundin vorzeitig, wäre es für ihn mit Nachteilen verbunden, da die Bestandsabwickler ja dennoch den hohen Garantiezins früherer Zeiten auszahlen müssen.

Darüber hinaus sei eine gewisse “natürliche Trägheit“ der Bestände zu beobachten, berichten die Rheinstädter weiter. Einige Kundinnen und Kunden haben demnach noch gar nicht mitbekommen, dass der Vertrag nun bei einem externen Anbieter liegt. Andere wiederum warten erstmal ab, wie sich der Vertrag unter den neuen Eigentumsverhältnissen entwickelt. So dürfte sich erst in Zukunft zeigen, wie viele dieser Betroffenen ihrem Versicherer weiterhin die Treue halten und ihre Verträge fortführen.

Hingegen zeigte bereits eine INSA-Studie aus dem Jahr 2018, dass die Kundinnen und Kunden einen Verkauf an externe Abwickler eher nicht gutheißen. Mehr als die Hälfte aller Befragten (51 Prozent) stimmten demnach der Aussage zu, dass das Vertrauen in den Versicherer und Anbieter leide. Dem entgegen sahen lediglich 13 Prozent keinen Vertrauensverlust durch solch einen Verkauf (der Versicherungsbote berichtete).

Frühstorno bei Run-offs unwahrscheinlich

Relativierend bedacht werden müsse darüber hinaus, dass bei geschlossenen Beständen im Run-off die Stornoquote bereits aufgrund niedrigeren Frühstornos strukturell geringer ausfalle als im Marktschnitt. Gemeint sind damit - stark vereinfacht - frisch abgeschlossene Lebensversicherungen, die gekündigt werden, bevor der Kunde oder die Kundin mit seinem Beitrag überhaupt einen Rückkaufswert aufbauen konnte. Obwohl die Kündiger beim Frühstorno alle gezahlten Beiträge verlieren, ist diese Quote im Marktschnitt sehr hoch: die BaFin gibt sie mit rund 12 Prozent des Leben-Neugeschäfts an.

“In einer ergänzenden Berechnung der Stornoquote exklusive Frühstorno würde die Marktstornoquote um 0,36 Prozentpunkte geringer ausfallen, während dieser Effekt bei den Run-off-Versicherern nur 0,24 Prozentpunkte ausmacht“, schreibt Analystin Trierscheidt mit Blick auf das Jahr 2018. Dennoch würden die Run-Off-Versicherer auch unter Berücksichtigung dieses Umstands mit 3,11 Prozent weiterhin überdurchschnittlich feste Bestände gegenüber dem Markt (3,88 Prozent) aufweisen.

Hintergrund: Folgende Lebensversicherer wurden für die Run-off-Vergleichsgruppe zusammengefasst: Athora Lebensversicherung, Entis Lebensversicherung, Frankfurter Lebensversicherung, Frankfurt Münchener Lebensversicherung, Heidelberger Lebensversicherung, Skandia Lebensversicherung sowie Victoria Lebensversicherung.