Eric B. war in gehobener Position für die Allianz tätig, Betrugsexperte - und selbst ein Betrüger. Das ist nun offiziell, nachdem ihn die Richter des Kölner Landgerichtes am Mittwoch zu einer mehrjährigen Gefängnisstrafe verurteilt haben. Sie sprachen ihn in 371 Fällen der besonders schweren Untreue schuldig. Für insgesamt 50 Monate muss der Mann nun in Haft, so berichtet die „Süddeutsche Zeitung“ ebenfalls am Mittwoch.

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Charme, Kompetenz - und Geldnöte

Die Gerichtsverhandlung lieferte dabei Einblicke in das Innenleben der Allianz. Denn der überführte Betrüger war bei den Kollegen beliebt und im Konzern geachtet. Das erlaubte es ihm überhaupt erst, betrügerisch tätig zu werden. Mithilfe von erfundenen Anwälten soll er allein in den letzten fünf Jahren mehr als zwei Millionen Euro auf ein privates Konto überwiesen haben, um das Geld dann auch umgehend auszugeben.

Eric B. leitete den Bereich Betrug Nordwest beim Münchener Versicherer, war also selbst als Experte für Betrug zuständig. Oder genauer: für die Betrugsbekämpfung. Er sei als Redner bei Veranstaltungen aufgetreten und an der Entwicklung von Software beteiligt gewesen, mit der Versicherungsbetrug aufgedeckt werden konnte, so berichtet die „Süddeutsche“. Ein Fachmann auf seinem Gebiet. Auch im Umgang mit seinen Kollegen sei er charmant gewesen, gewitzt und zuvorkommend - entsprechend beliebt.

Das Ansehen im Konzern half dem 54jährigen bei seinem betrügerischen Handwerk. Erstmals sei er dabei bereits 2003 tätig geworden, betonten die Richter, weil seine Familie in finanzielle Not gekommen sei. Doch Taten vor dem März 2013 seien bereits verjährt.

Bei seinem Betrug nutzte Eric B das Chaos, welches entstehen kann, wenn ein großer Konzern sein jahrelang benutztes Betriebssystem auf ein neues umstellt. Viele langjährige Rechtsstreite wegen Versicherungsbetrugs musste die Allianz weiterhin in ihrem alten System verwalten und konnte sie nicht in das neue überführen. Gerade jüngere Kollegen seien mit dem alten System nicht vertraut gewesen und hätten keinen Einblick gehabt. Im Gegensatz zu Eric B., der dies schamlos ausgenutzt habe.

Für diese alten Streitfälle erfand Eric B. Rechnungen an Anwälte, wie er selbst gestand. Ihm kam zugute, dass er selbst Überweisungen bis 100.000 Euro anordnen konnte. Nur stichprobenartig wurden diese per Zufallsprinzip auf ihre Korrektheit geprüft. Weil seine fachliche Kompetenz unbestritten gewesen sei, hätten viele Mitarbeiter die Überweisungen einfach durchgewinkt, so zeigten bereits gemeinsame Recherchen von WDR und Süddeutscher Zeitung. Dabei hätte eine einfache Google-Recherche nach den nicht existenten Anwaltskanzleien schon genügt, um Ungereimtheiten festzustellen. Aber wer käme auch auf die Idee, dass ein renommierter Betrugsexperte selbst betrügt?

Dabei agierte der Mann äußerst geschickt. Stets überwies er nur kleinere Beträge: mal 500 Euro, höchstens 2.000 Euro. Für die Allianz sind das Peanuts. Erst ab 5.000 Euro muss eine Überweisung verbindlich von einem zweiten Mitarbeiter gegengezeichnet werden, sonst wird nur in Stichproben kontrolliert. So sammelte sich Fake-Überweisung um Fake-Überweisung an, bis der Mann über die Jahre zwei Millionen Euro ergaunert hatte.

Golf, Autos und Seitensprünge

Das Urteil brachte auch peinliche Details aus dem Privatleben der früheren Allianz-Führungskraft an die Öffentlichkeit. Denn der Mann zeigte sich kooperativ - und gestand seine Missetaten früh. Er sei begeisterter Golf-Spieler gewesen, habe den Pferdesport geliebt und schnelle Autos. Er sei auch regelmäßig nach Mallorca geflogen, wo eine heimliche Geliebte wartete, so berichtet „Versicherungswirtschaft heute“ von der Gerichtsverhandlung. Ein Lebemann, der auch dem Alkohol und Drogen zugetan gewesen sei.

Bei einer derart hedonistischen Lebensweise reicht auch ein gehobenes Gehalt der Allianz nicht aus. Der Mann habe immer wieder mit Geldnöten zu kämpfen gehabt - weshalb er schließlich zum Betrüger wurde.

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Dass der Mann geständig war und kooperierte, werteten die Richter als strafmindernd, berichtet nun die „Süddeutsche“. Der Mann dürfe auch bis zum Haftantritt auf freiem Fuß bleiben. Fluchtgefahr bestehe nicht - er habe schlichtweg kein Geld mehr übrig. Der Mann wolle sich nun beruflich neu orientieren und unter Umständen als Dozent oder Lehrer tätig werden. Eine Tätigkeit aber, für die selbst an Volkshochschulen und Privatschulen ein polizeiliches Führungszeugnis vorgelegt werden muss.