Frauen haben in Deutschland ein weit höheres Risiko als Männer, in Altersarmut zu enden. Das zeigt eine Expertenstudie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI), das bei der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung angesiedelt ist. Männer verfügen danach über ein mehr als doppelt so hohes Alterseinkommen wie Frauen.

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Gender Pension Gap: 53 Prozent

Die Forscher haben Daten für das Jahr 2015 ausgewertet, wofür sie Zahlen der Deutschen Rentenversicherung (DRV) heranzogen sowie des Sozio-oekonomischen Panel (SOEP), eine wiederkehrende Befragung mit mehr als 30.000 teilnehmenden Personen. Dabei haben sie nicht nur geschaut, wie die Geschlechter bei der gesetzlichen Rente abschneiden, sondern auch die betriebliche und private Altersvorsorge unter die Lupe genommen.

Das Ergebnis: Bei allen drei Säulen der Altersvorsorge schneiden Frauen deutlich schlechter ab als Männer. Die „Gender Pension Gap“, mit der die Lücke zwischen den Alterseinkommen der Geschlechter wiedergegeben wird, liegt demnach bei 53 Prozent netto. Damit schneidet Deutschland auch im internationalen Vergleich mehr als bescheiden ab. Von 35 untersuchten OECD-Nationen, darunter die Türkei, Chile und Mexiko, weist nur Luxemburg eine noch höhere Gender-Pension-Gap auf (der Versicherungsbote berichtete).

Die Unterschiede resultieren auch daraus, dass speziell Frauen in den alten Bundesländern seltener berufstätig waren als Männer und die Alleinernährer-Haushalte noch in den 70er Jahren weit verbreitet waren: der Mann verdiente das Geld, die Frau kümmerte sich um Haushalt und Kinder. So ist die Gender Pension Gap in Ostdeutschland, wo mehr Frauen voll erwerbstätig waren, mit 28 Prozent deutlich niedriger als in den alten Bundesländern (58 Prozent).

Größte Lücke klafft bei der betrieblichen Altersvorsorge

Die größte Lücke zwischen den Geschlechtern klafft bei den Betriebsrenten: Hier liegen Frauen mit 240 Euro knapp 60 Prozent gegenüber den Männern zurück, die im Schnitt auf 593 Euro im Monat kommen. Zudem haben nur sieben Prozent der Frauen überhaupt einen Anspruch auf Betriebsrente von den männlichen Ruheständlern immerhin 26 Prozent. Weit besser sehe es im öffentlichen Dienst aus: hier profitieren 12 Prozent der weiblichen und 10 Prozent der männlichen Rentner von einer Zusatzrente. Aber auch hier erhalten Männer mit im Schnitt deutlich mehr als Frauen mit 234 Euro.

Die Gründe, weshalb Frauen gerade in der Betriebsrente benachteiligt sind, zeigt sich mit Blick auf die Erwerbsbeteiligung der Frauen: sie sind weit häufiger als Männer von atypischer Beschäftigung und Niedriglöhnen betroffen. Mehr als 6 von 10 Erwerbstätigen, die ausschließlich geringfügig beschäftigt arbeiten, sind weiblich, so zeigen WSI-Daten. Und mehr als 65 Prozent der Frauen arbeiten im Niedriglohn-Sektor, wo Erwerbstätige traditionell weniger Ansprüche auf Betriebsrenten erwerben.

Entsprechend hart fällt das Urteil der drei AutorInnen aus: „Die betriebliche Altersrente reduziert diese Ungleichheiten nicht, sondern verstärkt sie sogar, da langfristige und gut bezahlte Beschäftigte davon profitieren und kurzfristige, temporäre und schlecht bezahlte Tätigkeiten häufig gar keine Ansprüche in der betrieblichen Altersversorgung begründen“, heißt es in der Studie.

45 Prozent Gender Gap in der gesetzlichen Rentenversicherung

Groß ist die Lücke zwischen den Geschlechtern freilich auch in der gesetzlichen Rentenversicherung (DRV), der wichtigsten Säule für das Alterseinkommen. Die Höhe der gesetzlichen Rente betrug 2015 bei den Männern durchschnittlich 1.154 Euro, bei den Frauen hingegen 634 Euro pro Monat – eine Differenz von 45 Prozent. Hier gebe es jedoch Mechanismen des sozialen Ausgleichs zugunsten von Frauen: beispielsweise, dass Zeiten der Kindererziehung anerkannt werden.

Auch bei Riester und Co. klafft eine Gender Pension Gap

Auch die Zahlbeträge der privaten Renten unterscheiden sich nach Geschlecht: „Die durchschnittlichen monatlichen Leistungen aus privaten Alterssicherungssystemen belaufen sich bei Männern auf 485 Euro und bei Frauen auf 311 Euro“, heißt es in der Studie. Höhere Zahlungen würden aber vor allem Männern beziehen: 13 Prozent der Männer, aber nur zwei Prozent der Frauen erhalten private Leistungen von 1000 Euro monatlich oder mehr.

Hierbei sei aber zu bedenken, dass nur ein kleiner Teil der Frauen, nämlich zwei Prozent, eine laufende Rente aus einem Riester-Vertrag oder einer anderen privaten Rentenversicherung beziehe. Laut einer weiteren Auswertung von TNS Infratest haben zusätzliche fünf Prozent der Frauen ab 55 Jahren einmalige Lebensversicherungsleistungen erhalten. Positiv hoben die Autorinnen hervor, dass Frauen bei der Riester-Rente eine etwas höhere staatliche Zulagenförderung als Männer erhalten. Auch der Anteil der staatlichen Zulagen an den Gesamtbeiträgen zur Riesterrente sei bei Frauen höher als bei Männern.

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Aber es gibt einen positiven Trend: Der Abstand zu den Alterseinkommen der Männer nehme von Jahr zu Jahr etwas ab, weil immer mehr Frauen erwerbstätig seien und Sorgearbeit mittlerweile zum Teil bei der Rente honoriert werde. Allerdings sinke die Differenz auch deshalb, weil die Alterseinkünfte der Männer tendenziell sinken, geben die Autorinnen und Autoren der Studie zu bedenken. "Bis zur wirklichen Gleichstellung ist es zudem noch ein weiter Weg: Aus den Anwartschaften der aktuell Erwerbstätigen zwischen 25 und 65 Jahren ergibt sich bei der gesetzlichen Rente immer noch eine Lücke von 24 Prozent", heißt es im Pressetext zur Studie.