Glaubt man einem aktuellen Enthüllungsbuch, dann könnte Carsten Maschmeyers früherer Finanzvertrieb Allgemeiner Wirtschaftsdienst (AWD) einer der größten Player im europäischen Finanzvertrieb sein – wenn ihn eine gezielte Rufmordkampagne nicht geschadet hätte. Das behauptet der frühere Versicherungskaufmann Stefan Schabirosky in seinem Buch „Mein Auftrag Rufmord“, das demnächst beim Herbig Verlag erscheint. Die "Welt am Sonntag" und das "Handelsblatt" haben vorab Auszüge aus dem Buch veröffentlicht.

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Angebliche Diffamierungskampagne – inklusive Lügen und Intrigen

Was Schabirovsky in seinem Buch schildert, liest sich wie ein Wirtschaftskrimi – inklusive Lügen und Intrigen. Nachdem er selbst elf Jahre lang für den AWD erfolgreich tätig gewesen sei, „mein durchschnittlicher Jahresumsatz lag bei vier Millionen, meine Stornoquote unter zwei Prozent“, behauptet Schabirosky, habe ihn Maschmeyers Finanzvertrieb rausgeworfen, nachdem er sich bei einer Veranstaltung daneben benommen hatte. In der Folge habe er einem AWD-Justiziar damit gedroht, Kunden, denen er geschlossene Immobilienfonds verkauft habe, über die Verluste des Investments aufzuklären. Der AWD zeigte daraufhin Schabirosky wegen Erpressung an.

In seiner Enttäuschung will sich Schabirosky 2003 an die DVAG gewendet haben – um ihr eine gezielte Vernichtungskampagne gegen den aufstrebenden Konkurrenten anzubieten. „Ich kenne alle Interna, auch die Schwachstellen des AWD. Ich weiß, wie man selbst die positiven Dinge total negativ darstellen kann“, so will der Verstoßene bei einem Treffen mit DVAG-Vorständen gesagt haben.

Zwei Wochen später habe ihm die DVAG einen Vertrag gegeben. Offiziell als Controller, der die Märkte beobachtet. Doch seine eigentliche Aufgabe sei gewesen, die Medien gegen den AWD aufzuhetzen. Dafür habe ihm die DVAG ein monatliches Einkommen von 6000 Euro zugesichert sowie im Falle einer „erfolgreichen“ Schmutzkampagne einen „Jackpot“ von mehr als einer Million Euro, wenn er Maschmeyer „fertigmachen“ würde.

Medienkampagne „lief wie geschmiert - bezahlt hat die DVAG"

Seine Medienkampagne sei dann „wie geschmiert“ gelaufen, behauptet Schabirosky. Wichtige Zeitungs- und Fernsehbeiträge, die zwischen 2003 und 2007 kritisch über den AWD berichteten, seien allein auf seinen Anstoß hin erschienen. Und zwar auf Grundlage bloßer Verdächtigungen und falscher Behauptungen. Dabei habe er auch Anwälte mit Klagen gegen den AWD beauftragt, die auf erfundenen Vorwürfen gefußt hätten: Nur, um damit den Finanzvertrieb bei Journalisten verunglimpfen zu können.

Unter anderem habe er selbst über eine Hamburger Anwaltskanzlei eine Anzeige bei der deutschen Finanzaufsichtsbehörde BaFin aufgegeben, um die Medien darauf anzusetzen. Der Vorwurf: Angeblich habe der AWD bei den Mitarbeiterzahlen gelogen, die Anzahl von mehr als 7000 nach unten auf 5000 korrigiert. Damit sei, so argumentierten Schabiroskys Anwälte, am Kapitalmarkt zu Unrecht der Eindruck eines höheren Pro-Kopf-Umsatzes entstanden, um neue Mitarbeiter anzuwerben. Was der Rufmörder gegenüber den Medien verschwieg: Bewerber und Azubis durften noch gar keine Verträge unterzeichnen, fielen also aus der Statistik. Dennoch hätte unter anderem die „Süddeutsche Zeitung“ bereitwillig über den mutmaßlichen Skandal berichtet.

In der "Welt am Sonntag" behauptet Schabirosky: „Alle negativen Presseberichte gehen auf mich zurück. Angefangen von der ‚Süddeutschen Zeitung‘ und dem ‚Tagesspiegel über ‚Stern‘ und ‚Spiegel‘ bis zum NDR und den österreichischen Blättern. Ich bin der Mann hinter den Anzeigen bei der BaFin und der Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft Hannover. (…) Bezahlt hat die DVAG".

„Wie Eduard von Schnitzlers Schwarzer Kanal“

Brisant an Schabiroskys Ausführungen ist nicht nur, dass ihn die DVAG bezahlt haben soll. Schabirosky erhebt zugleich schwere Vorwürfe gegen die Medien. Der selbsternannte Rufmörder behauptet indirekt in den vorab veröffentlichten Auszügen des Buches, dass vor allem seine Schmutzkampagne den Aufstieg Carsten Maschmeyers und des AWD zu Europas größtem Finanzvertrieb verhindert hatte. Und alle hätten bereitwillig mitgemacht: Süddeutsche Zeitung, NDR, wichtige Nachrichtenmagazine wie der „Stern“ und „Spiegel“. Von vorn herein hätte sich seine Kampagne darauf konzentriert, der Person Maschmeyer persönlich zu schaden.

Diese Behauptungen packt Schabirosky in reißerische, teils aggressive Formulierungen, mit denen die Seriosität der beteiligten Medien in Frage gestellt wird. Ein Beispiel: „Besonders der NDR-Mann, der sich den Kampf gegen den AWD anscheinend nun zur Lebensaufgabe gemacht hatte, scharrte wieder mit den Hufen“, heißt es da über einen Fernsehbeitrag, der als die Doku „Abzocker Maschmeyer“ von Christoph Lütgert und Kristopher Sell zu identifizieren ist. Die Reportage sei geeignet gewesen, „meiner Zielperson Maschmeyer zu schaden – hammerhart, tendenziös und einseitig, vergleichbar mit dem Schwarzen Kanal Eduard von Schnitzlers im DDR-Fernsehen“. Im Buch dokumentiert Schabirosky akribisch den Mailwechsel, den er mit Journalisten geführt hat.

Doch der Kampagnenführer wurde ein zweites Mal enttäuscht. Als er sein Werk 2007 scheinbar vollendet hatte, Maschmeyer am Boden war und den AWD an den Versicherer Swiss Life verkaufen musste, forderte Schabirosky seinen Millionen-Bonus. Doch die DVAG wollte nicht zahlen. Zweimal unterlag Schabirosky der DVAG vor Gericht, als er sein vermeintliches Erfolgshonorar einklagte.

DVAG und beschuldigte Medien weisen Vorwürfe von sich

Die DVAG hat sich mittlerweile in einer Stellungnahme zu den Vorwürfen des früheren Versicherungskaufmanns positioniert. Darin erklärt der Finanzvertrieb, Schabirosky sei nach seinem Bruch mit dem Konkurrenten AWD eingestellt worden, weil er „über umfassende Branchenkenntnisse im Allgemeinen verfügte“. Er habe eigenverantwortlich und „ohne konkrete Aufträge seitens der DVAG“ gearbeitet. Als im Finanzkonzern der Eindruck entstanden sei, dass der ehemalige AWD-Mitarbeiter seine Stellung für einen „persönlichen Rachefeldzug“ gegen den AWD nutzen wolle, habe sich die DVAG von ihm getrennt. Im übrigen habe Schabirosky eine eidesstattliche Erklärung abgegeben, dass mögliche Gesetzesverstöße auf sein eigenes „Tun und Handeln ohne Wissen, ohne Weisung der DVAG geschehen“ seien.

Auch die Süddeutsche Zeitung distanzierte sich von der Behauptung, man habe falsche Fakten über Carsten Maschmeyer und seinen Finanzvertrieb berichtet. Chefredakteur Heribert Prantl erklärte dazu: „Von unseren Inhalten muss nichts zurückgenommen werden. Wir haben uns stets auf verschiedene Quellen gestützt. Die Fakten, die wir aufgedeckt haben, stehen nicht infrage.“ Der NDR meldete sich mit einem Kommentar zu Wort. Zu behaupten, Maschmeyer sei mit dem Enthüllungsbuch rehabilitiert, "verhöhne die Opfer von AWD", schreibt Journalist Kristopher Sell.

Aggressive Wachstumsstrategie - und mindestens 34.000 Geschädigte mit geschlossenen Fonds

Zur Erinnerung: Der Allgemeine Wirtschaftsdienst verfolgte von Anbeginn eine aggressive Wachstumsstrategie. Carsten Maschmeyers Finanzvertrieb vermittelte unter anderem geschlossene Immobilienfonds, die Sparern als sichere Altersvorsorge verkauft wurden: Auch vertrieben von Quereinsteigern ohne Finanzbildung. Dass Anleger dadurch geschädigt wurden, ist nicht zu bestreiten. Im März 2011 legte die Stiftung Warentest eine Liste vor, wonach „über 34.000 AWD-Kunden“ mit geschlossenen Immobilienfonds der Capital Konsult aus Stuttgart Verluste gemacht hätten. Vielen sei geraten worden, ihr gesamtes Vermögen zu investieren.

Die Kritik an der AWD kam aus mehreren Quellen: auch an ihren Vertriebsmethoden. "Es drängt sich der Eindruck auf, als basiere der Erfolg von AWD maßgeblich darauf, immer wieder neue Mitarbeiter anzuwerben und deren Bekannten- und Verwandtenkreis ,auszuschlachten'“, wird der damalige Referatsleiter im Fachbereich Finanzdienstleistungen bei der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv), Wolfgang Scholl, 2010 von der Süddeutschen zitiert. Nur wer seinerseits genug neue Untervermittler anwerben könne, habe Erfolg. „Den meisten Neuen gelingt das aber gerade nicht. Sie landen wieder auf der Straße und stehen vor den Trümmern ihrer Existenz".

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Das Enthüllungsbuch könnte nun eine Debatte darüber entfachen, welche Absichten Whistleblower verfolgen - und wie sich Journalisten dafür einspannen lassen. Brisant: Im Jahr 2016 meldet sich Schabirosky wieder persönlich bei Maschmeyer und berichtet von seiner Kampagne gegen ihn. Dabei sei auch die Idee gereift, so berichtet die „Welt am Sonntag“, ein Buch aus der Geschichte zu machen. Zuvor hatte er der AWD-Nachfolgerin Swiss Life Select bereits angeboten, die DVAG zu verklagen – auf ihre Kosten. Diese habe aber abgelehnt. Hat Schabirosky nun wieder die Seite gewechselt?