Versicherer haben mit dem niedrigen Zins schon seit Jahren zu tun, auch die starke staatliche Regulierung ihres Arbeitsfeldes macht es ihnen nicht leichter. Lebensversicherer leiden an dieser Gemengelage am meisten; hier sind es insbesondere die gegebenen Garantien im Zusammenspiel mit den sehr langen Vertragslaufzeiten, die zu enormen Belastungen führen.

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Die Garantien sind ein Knackpunkt. Um sie weiter halten zu können, wurden im Jahr 2011 die Zinszusatzreserven verpflichtend. „Der Rechenmechanismus hinter der Zinszusatzreserve führt dazu, dass der Gesamtbestand an Stillen Reserven bei unveränderten Zinsen im Jahr 2018 verschwunden sein wird“, sagte dazu der Analyst Carsten Zielke.

Reservierungsbedarf für Zinszusatzreserve 2018 bei 100 Mrd. Euro?

Den Zahlen des Financial Institutions Reports entsprechend, könnte der rechnerische Reservierungsbedarf für die Zinszusatzreserve im Jahr 2018 bis auf 100 Mrd. Euro angewachsen sein. Der damit unmittelbar verknüpfte Abbau der Stillen Reserven wird deshalb in dem Zeitraum bis 2018 beschleunigt werden müssen.

Bedenklich findet Zielke die magere Kapitalisierung der Lebensversicherungsbranche von 1,4 Prozent und den daraus resultierenden Umfang an Risikobudget. So sagte Carsten Zielke: „Es fehlt vielen Versicherern schlichtweg an Kapital. Ich schätze die Deckungslücke beispielsweise bei den Lebensversicherern auf bis zu 30 Mrd. Euro. Aufgrund des kaum vorhandenen Risikobudgets sind allen Versicherungen beim Ausbau der Asset-Allokation die Hände gebunden“.

Das sind keine behaglichen Umstände für Versicherer, mehr noch, wie Zielke einschätzt, die Versicherungsunternehmen befänden sich akut in Schieflage: „Der Hauptgrund für die momentane Schieflage der Versicherungsunternehmen ist im aktuellen Niedrigzinsumfeld die Monokultur mit festverzinslichen Wertpapieren in der Kapitalanlage. Versicherer müssen ihre Asset-Allokation ausbauen und deutlich stärker in Richtung Sachwerte diversifizieren. Neben Aktien und Immobilien spielt die sich entwickelnde Anlageklasse Infrastruktur eine zunehmend wichtigere Rolle“.

Anlageklasse Infrastruktur

Eine nicht unerhebliche Zahl von Versicherungen in Deutschland arbeitet bereits in der Anlageklasse Infrastruktur über direkte oder indirekte Investitionsformen, aber eine exakte Bestimmung der gesamten Kapitalanlagen in diesem Bereich der Infrastruktur kann es wegen der heterogenen Datenmenge nicht geben. Eine Schätzung aber ist immerhin möglich, sie basiert auf den Erhebungen von GDV und BaFin.

„Geht man nach den aktuellen Zahlen, entfallen zwei Prozent gemäß GDV auf alternative Anlageformen. Bei einer Gesamtkapitalanlage von 1409 Mrd. Euro entspricht das gerade einmal 28 Mrd. Euro. Dabei finden insbesondere die Bereiche Energie, Erneuerbare Energien und Transport Beachtung. Der Großteil der Investitionen erfolgt laut GDV mit rund 3 Mrd. Euro in Erneuerbare Energien. Auch wenn ich davon ausgehe, dass die tatsächlichen Zahlen höher ausfallen und vermutlich auf umfangreichere Aktivitäten der Versicherer insbesondere im Bereich Infrastruktur schließen lassen: Die Anlageklasse ist in vielen Kapitalanlageportfolios weiterhin unterrepräsentiert", so Zielke.

Fehlende Standardisierung des Marktes

Seine Expertise im Feld der Infrastrukturinvestitionen beweist Christian Moersch als Leiter der Financial Institutions Group des Bankhauses Lampe und so kennt er auch die Ursachen für die Untergewichtung: „Der Markt ist hinsichtlich der Investitionsmöglichkeiten nicht standardisiert und je nach direktem oder indirektem Zugang erfordert dieser spezielles Know-how. Zudem ist die Verfügbarkeit von Assets nachfrageseitig überwiegend von Banken bestimmt."

Wo liegen nun also die Potenziale für die Branche? Laut Zielke liegen diese in alternativen Anlageformen und allen voran in der Anlageklasse Infrastruktur. Zielke klagt ferner eine höhere Allokation ein, also eine höhere Streuung der Geldanlagen. Denn: „Angesichts der langen Duration der Lebensversicherungsverträge in Deutschland ist eine Sachwertquote von 20 Prozent für sinnvoll zu erachten. Fünf Prozent sollten in Infrastrukturinvestitionen fließen." Geht der Infrastrukturinvestitionsexperte Moersch mit Zielkes Ansichten also d’accord?

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Nun, Moersch hält diese Forderung aus Portfoliosicht als „sicherlich gerechtfertigt.“ Aber er hat Zweifel für den Erfolg der Umsetzung: Die Anforderungen von Solvency II und die beschränkte Kapitalsituation würden eine Umsetzung in diesem Ausmaß verhindern. Regulatorisch- und kapitaleffiziente Lösungen zur Investition in Infrastruktur seien aber ein entscheidender Faktor, sagte Moersch.