Rieß sagt es gleich in den ersten Zeilen des Briefs an seine „Kolleginnen und Kollegen“, früher sagten die Chef noch „Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter“. „Ich (...) bitte Sie um Ihr Vertrauen und Ihre Unterstützung“. Der neue Chef schreibt, er habe sich für das Unternehmen Ergo entschieden, weil er hoffe, „ERGO gemeinsam mit Ihnen zu einem international tätigen Spitzenunternehmen der Versicherungsbranche entwickeln zu können.“ Branchenkenner wissen, dass Markus, der von der Allianz kommt, lange als Kronprinz für die Nachfolge des ehemaligen Allianz-Chefs Michael Diekmann gehandelt wurde.

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Ergo in Wirklichkeit Rieß’ zweite Wahl?

Inzwischen ist bekanntlich Oliver Bäte an die Spitze des Allianz-Konzerns gerückt. Markus Rieß wich aus. Aber das steht in seinem Brief an die Mitarbeiter, gehört dort aus Sicht der Ergo wohl auch nicht hin. Stattdessen soll Ergo neue Maßstäbe setzen, integer sein, an Kunden und Fortschritt orientiert sein, schreibt Rieß. Nicht zuletzt solle das Unternehmen den Aktionären der Eigentümerin Munich Re einen „attraktiven Mehrwert“ schaffen.

„Selbstgemachte Probleme“

Weiter wünscht sich Rieß eine Ergo, die „nicht immer wieder mit Problemen auf sich aufmerksam macht, für die die Wenigsten etwas können, unter denen aber alle leiden.“ Auch das Wachstum und die „operativen Ergebnisse“ hätten sich bisher „nicht so entwickelt wie erhofft“. Und nochmal Probleme: „Wir haben auch selbstgemachte Probleme.“ Das stimmt. Vom großen Budapest-Skandal der damaligen HMI (heute Ergo Pro) bis zuletzt massenhaft, nämlich 350.000 falschen Berechnungen bei Lebensversicherungen, durchzieht den Konzern eine lange Kette an Problemen.

„Schwierige Entscheidungen“ stehen an

Ferner sind Markus Rieß zu hohe Kosten ein Dorn im Auge. Seine Andeutung dazu, es bestehe „Handlungsbedarf“, lässt nichts Gutes erahnen. Allenfalls ein Sparprogramm. Rieß fordert „Veränderung, wo immer möglich im Kleinen, wo aber nötig auch im Großen, (... ) überall dort, wo uns der gegenwärtige Zustand im Weg“. Er kündigt der Belegschaft „schwierige Entscheidungen“ an. Zwei Schwerpunkte seien offensichtlich: Die „weitere Stärkung unserer Vertriebe und die Digitalisierung in unserem gesamten Geschäftssystem.“

Bereits Ende November sollen erste Programmpunkte vorgestellt werden

Rieß will, so kündigt er es an, „in den kommenden Wochen“ mit seinen Vorstandskollegen, die „bisherige Strategie überprüfen“. Ergebnisse dieser Analyse sollen bald folgen. “Die Eckpunkte dieses Programms werde ich Ihnen voraussichtlich bereits Ende November skizzieren.“ Die Belegschaft will er zu „Dialogveranstaltungen“ an den großen Standorten des Ergo-Konzerns einladen. Muss man diesen Brief interpretieren, oder ist es klar, dass Umwälzungen bevorstehen? Es wären nicht die ersten Reformversuche in den letzten Jahren.

Scheitern real möglich

Der neue Ergo-Chef Markus Rieß setzt offensichtlich auf Dialog. Ohne das ernsthafte, gar buchstäblich herzhafte Mitwirken der Mitarbeiter wird Ergo nicht vorankommen, argumentiert er – sie sei sonst nicht zukunftsfähig. Das größte Problem bei Veränderungen in Konzernen ist oft nicht die Strategie, sind meist auch nicht die Strukturen. Das Problem ist die Unternehmenskultur. „Es besteht die sehr reale Möglichkeit, dass Rieß in Düsseldorf scheitert – wenn er die Belegschaft nicht mitnehmen kann“, schreibt der Branchenjournalist Herbert Fromme auf „Versicherungsmonitor“.

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