Vor steigenden Beiträgen in der privaten Krankenversicherung warnt aktuell die Leipziger Volkszeitung (LVZ) und beruft sich dabei auf die Ratingagentur Assekurata, die sich auf Versicherungen spezialisiert hat. Verantwortlich für mögliche Prämiensprünge seien nicht nur steigende Kosten im Gesundheitswesen, sondern auch der anhaltende Niedrigzins. „Versicherungspleiten drohen nicht, aber der Niedrigzins bedingt, dass viele Policen für uns alle teurer werden können“, sagt Russel Kemwa, Pressesprecher der Assekurata GmbH, dem Leipziger Blatt.

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Probleme, die Reserven für das Alter gewinnbringend anzulegen

Der Hintergrund: Wegen des Niedrigzinses haben die Privatversicherer zunehmend Probleme, die Altersrückstellungen für ihre Kunden gewinnbringend anzulegen (Versicherungsbote berichtete). In jungen Jahren zahlen die Kunden einen Teil ihres PKV-Beitrages, um allzu große Prämiensprünge aufzufangen, wenn sie in Rente gehen. Dieser Teil der Beiträge wird von den Versicherungen an den Kapitalmärkten angelegt und soll Rendite erwirtschaften, um die finanzielle Reserve weiter aufzupolstern.

Kalkuliert wird von vielen Versicherern mit einem jährlichen Rechnungszins von 3,5 Prozent, der sich im aktuellen Niedrigzins-Umfeld kaum erzielen lässt. Den Versicherern bleiben nicht viele Handlungsoptionen. Entweder sie tätigen riskantere Investments, die aber auch mit einem höheren Ausfallrisiko verbunden sind. Oder sie müssen die Beiträge für ältere Versicherungsnehmer anheben, um ihre Einnahmesituation zu verbessern.

PKV: Beitragserhöhungen in zwei Wellen

Um Privatpatienten vor allzu willkürlichen Teuerungen in der PKV zu schützen, hat der Gesetzgeber strenge Voraussetzungen für Beitragserhöhungen geschaffen. Eine Neukalkulation der Prämien ist nur erlaubt, wenn die Kosten für Gesundheitsleistungen um mindestens 5 Prozent steigen oder die Lebenserwartung sich um 5 Prozent erhöht. Erst dann dürfen auch Faktoren wie der aktuelle Niedrigzins eingerechnet werden.

Nach Einschätzung von Experten warten die Versicherer derzeit noch ab, bis die genannten Gründe eintreten. Der Bund der Versicherten (BdV) rechnet mit zwei großen Wellen von Prämienerhöhungen zum Ende des Jahres 2015 und 2016. Und dann könnten die Beitragssprünge gerade für Senioren recht heftig ausfallen, sehr heftig sogar.

Gerhard Reichl, PKV-Experte bei Assekurata, erklärt gegenüber der LVZ: “Eine Faustformel besagt, dass bei Personen mittleren Alters eine Absenkung des Rechnungszinses um 0,1 Prozentpunkte für Vollversicherungen eine durchschnittliche Anpassung von etwa einem Prozent und in der Pflegeversicherung von circa 5 Prozent nach sich zieht“. Viele Versicherer würden aber beim Rechnungszins nur noch auf eine Zwei vor dem Komma kommen, während sie ursprünglich 3,5 Prozent zugrunde gelegt hatten. Müssten sie also ihren Rechnungszins um 0,6 Prozentpunkte senken, könnten die Beiträge für Krankenvollversicherungen um 6 Prozent und für Pflegepolicen um 30 Prozent steigen.

Hierbei sind die stark ansteigenden Kosten für Gesundheitsausgaben noch gar nicht eingerechnet. Aktuell ist noch nicht klar, wie die Versicherer ihre Prämien anpassen werden. Aber in einigen Tarifen könnten die Beiträge um zehn Prozent teurer werden, warnt der BdV-Vorsitzende Axel Kleinlein. Das Analysehaus Assekurata ist da etwas vorsichtiger. Die Zinsflaute treffe privat Krankenversicherte nicht in vollem Umfang, weil sich die Versicherer aus ihren Rückstellungen für die Beitragsrückerstattung bedienen könnten. Dieser Topf sei dank der günstigen Schadensentwicklung so gut gefüllt wie noch nie.

Immer mehr Privatversicherte im Notlagentarif

Fakt ist: Schon jetzt haben viele Privatversicherte Probleme, ihre Beiträge regelmäßig zu zahlen. Die Zahl der PKV-Versicherten, die den sogenannten Notlagentarif in Anspruch nehmen mussten, stieg im vergangenen Jahr um stolze 22,5 Prozent auf nun 114.700 Versicherte, wie der PKV-Verband berichtet.

Beim Notlagentarif handelt es sich um einen Spezialtarif mit reduziertem Leistungs-Umfang, den Versicherte in Anspruch nehmen können, wenn sie mit Beitragszahlungen im Rückstand sind und bereits das gesetzlich festgelegte Mahnverfahren durchlaufen haben. Der Notlagentarif sieht nur eine Akut- und Schmerzversorgung bei Notfällen oder chronischen Krankheiten vor. Die Bundesregierung hat die Privatversicherer seit dem 1. August 2013 gesetzlich verpflichtet, einen solchen Nottarif anzubieten - er soll die Beitragsschuldner beim Abbau ihrer Schuldenlast unterstützen.

Auch Beitragssteigerung bei Krankenkassen erwartet

Da mag es wenig trösten, dass auch gesetzlich Versicherte mit stark steigenden Krankenversicherungs-Beiträgen zu rechnen haben. Laut Schätzungen des GDV-Spitzenverbandes ist bis 2019 mit einer Verdoppelung der Zusatzbeiträge zu rechnen und könnten dann bis zu 1,8 Prozent des Bruttolohns betragen (Versicherungsbote berichtete).

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Schon 2016 soll der Zusatzbeitrag bei 1,1 bis 1,2 Prozent liegen, prognostiziert der GKV-Verband. Als Grund werden steigende Ausgaben der Kassen etwa für Arzneimittel, Ärzte und Kliniken genannt. Darüber hinaus würden weitere Reformen der Koalition Mehrkosten erzeugen, etwa der Umbau der ambulanten Versorgung sowie das Gesetz zur Stärkung der Prävention und zum Ausbau der Hospiz- und Palliativversorgung.

LVZ