Wer sich heute für den Beruf des Pflegers entscheidet, der muss wohl verrückt oder Idealist sein. Die Bezahlung ist mit teils 8 Euro Stundenlohn vergleichsweise niedrig, die körperliche und seelische Belastung hingegen hoch. Und während Gesundheitsexperten schon bald einen Mangel an hunderttausenden Pflegestellen voraussagen, weil die Alterung der Gesellschaft fortschreitet, haben Pfleger mit Stellenabbau, Arbeitsverdichtung und ständigem Zeitdruck zu kämpfen.

Das bestätigt auch eine aktuelle Studie, die das Institut Arbeit und Technik Gelsenkirchen (IAT) mit Unterstützung der gewerkschaftsnahen Böckler-Stiftung durchgeführt hat. Mit einer Online-Befragung wollte das Forschungsteam um Prof. Dr. Josef Hilbert herausfinden, wie sich Umstrukturierungen in deutschen Krankenhäusern auf die Arbeit auswirken. Mehr als 2.500 Krankenhausbeschäftigte aus ganz Deutschland haben sich an der Umfrage beteiligt: darunter Ärzte, Physiotherapeuten, Sozialarbeiter, Pfleger und andere Gesundheitsdienstleister (Studie hier als pdf-Dokument).

Neue Arbeitsteilung in Krankenhäusern: Ärzte-Aufgaben von Pflegepersonal übernommen

Angesichts der hohen Belastung von Ärzten und Pflegenden wird derzeit eine „neue Arbeitsteilung zwischen den Gesundheitsberufen“ eingefordert und teilweise auch umgesetzt. So übernehmen Pflegekräfte zum Beispiel immer mehr Aufgaben, die zuvor Ärzten vorbehalten werden, und geben ihrerseits Aufgaben an sogenannte „Assistenzdienste“ ab.

Die Umorganisation kommt tatsächlich auf den Stationen an. Mehr als 78 Prozent der befragten Pflegerinnen und Pfleger antworteten, dass sie in letzter Zeit Tätigkeiten vom ärztlichen Dienst übernommen haben – sie versorgen Wunden, setzen Spritzen, verlegen Venenkanülen oder geben Medikamente zur Chemotherapie. 47 Prozent der Befragten bekamen darüber hinaus zusätzliche Verwaltungsaufgaben übertragen. Mit den Maßnahmen sollen Ärzte entlastet werden. Auch verspricht man sich, dass die Tätigkeit des Pflegers vielseitiger wird und mehr Wertschätzung erhält.

Zugleich sollen die Pfleger von sogenannten „patientenfernen Aufgaben“ befreit werden, damit sie den neuen Aufgaben gerecht werden können. Die Bestellung von Mahlzeiten, Reinigungsarbeiten und Transportaufgaben werden verstärkt an externe Dienstleister outgesourct. Aber verbessern sich mit den Reformen auch die Arbeitsbedingungen, wie Krankenhausmanager dies in Umfragen behaupten?

Mehrheit der Befragten merkt keine Verbesserung der Arbeitsbedingungen

Laut Umfrage lasse die Sicht der Beschäftigten „starke Zweifel daran aufkommen, dass diese Änderungen erfolgreich sind“, betonen Hilbert und seine Forscherkollegen Christoph Bräutigam und Michaela Evans. Zwar würden sich die Berufsgruppen im Ausmaß ihrer Kritik unterscheiden. Aber in der Tendenz sehen Ärzte und Pfleger die gleichen Probleme.

So widersprechen rund 78 Prozent der Pflegenden, mehr als 63 Prozent der Ärzte und etwa 70 Prozent der übrigen Befragten der Aussage: „Meine Arbeitsbedingungen haben sich in den letzten 5 Jahren gebessert“. Jeder zweite Beschäftigte glaubt nicht, dass er von den Umstrukturierungen profitieren wird.

Am Höchsten ist die Unzufriedenheit bei den Pflegekräften – und das hat Gründe. Wie das Böckler-Institut berichtet, wurden nach Schätzungen von Gesundheitsforschern seit Mitte der 90er rund 50.000 Pflegekräfte abgebaut. Die Zahl der stationär behandelten Pflegefälle stieg aber zwischen 1995 und 2012 um 12,1 Prozent, hat das Deutsche Institut für angewandte Pflegeforschung Köln errechnet. Weniger Pfleger müssen sich folglich um deutlich mehr Patienten kümmern.

Der Stellenabbau wird von den subjektiven Eindrücken der Pfleger bestätigt. 71 Prozent der Befragten geben an, auf ihrer Station seien Pflegestellen abgebaut worden. Lediglich 16 Prozent berichten von neuen Arbeitsplätzen. Dass ihre Aufgaben in der Pflege reduziert worden seien, geben hingegen nur 12 Prozent der Pfleger zu Protokoll.

Auch nach Einschätzung von Ärztinnen und Ärzten sind in ihrem Arbeitsbereich eher Stellen gestrichen als neu geschaffen worden. Zudem berichten fast 37 Prozent, dass auf ihrer Station Mediziner als Zeit- und Leiharbeiter eingesetzt werden.

Notorische Zeitknappheit und Arbeitsverdichtung

Der Stellenabbau hat Folgen. „Im Arbeitsalltag erleben viele Beschäftigte aus allen Berufsgruppen permanente Zeitknappheit“, berichten die Studienmacher. „Knapp 60 Prozent sagen, sie hätten nicht genug Zeit für ihre Arbeit, weitere 27 Prozent beantworten die Frage mit "teils-teils". Mehr als die Hälfte der befragten Ärzte und Pflegekräfte können zumindest mehrmals in der Woche nicht die vorgesehenen Pausen machen.“

Zudem sei das Outsourcing von Dienstleistungen vielfach nur auf dem Papier Realität: Pfleger müssten immer noch Putzen, Verwaltungsaufgaben erledigen und andere Sachen machen, die nichts mit dem „eigentlichen“ Dienst am Patienten zu tun haben.

Leidtragende sind nicht nur die Beschäftigten selbst, sondern auch die Patienten. Fast 83 Prozent des Krankenhauspersonals gibt an, dass auf ihrer Station wichtige Aufgaben vernachlässigt werden. Patienten erhalten zu wenig Zuwendung, werden ungenügend informiert und beraten, müssen teils lange auf eine Dienstleistung warten.

Experimente statt „effektiver Reorganisation“ der Krankenhausarbeit

Von einer „effektiven Reorganisation“ der Krankenhausarbeit könne deshalb nach Ansicht des Forscherteams keine Rede sein. Hilbert und seine Ko-Forscher sprechen von "Experimenten", die die Praktiker auf den Stationen meist nicht überzeugten. Beispiel Pflegedienst: Dessen "Entlastung von patientenfernen Aufgaben" sei "bei weitem noch nicht systematisch und flächendeckend umgesetzt". Und wenn die Pflegekräfte Aufgaben und Verantwortung von Ärztinnen und Ärzten übernähmen, dann handele es sich oft nur um "Einzeltätigkeiten" und nicht um zusammenhängende "Aufgabenkomplexe".

Ein weiterer Kritikpunkt ist die Bezahlung: In der IAT-Umfrage sagen knapp zwei Drittel der Pflegekräfte, sie würden nicht ihrer Leistung angemessen bezahlt. Laut WSI-Lohnspiegel verdienen Krankenschwestern bei einer 40-Stunden-Woche brutto durchschnittlich 2.513 Euro im Monat, ihre männlichen Kollegen kommen auf 2.742 Euro. Spezialisierte Operationsschwestern und -pfleger erhalten im Durschnitt 3.247 und 3.533 Euro. Helferinnen und Helfer in der Krankenpflege müssen sich mit weniger als 2.000 Euro im Monat begnügen. Knapp die Hälfte der vom IAT befragten Pflegekräfte macht sich Sorgen, nicht genug zu verdienen, um später einmal eine auskömmliche Rente zu bekommen.